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J. Edgar

Eastwoods Parabel für die Liebe

J. Edgar Kritik

7 Kommentar(e) - Mo, 23.01.2012 von ZSSnake - Wie gut der Film unseren Usern gefallen hat, erfährst du in dieser » J. Edgar « Film-Kritik.
Hierbei handelt es sich um eine User-Kritik von ZSSnake.
Heute Abend habe ich mir den neuesten Streich von Clint Eastwood auch gegönnt. Der Film ist vielleicht nicht das omnipotente Meisterwerk geworden, aber ein absolut sehenswerter Film ist er trotzdem. J. Edgar ist letztlich nur in zweiter Instanz die Geschichte eines Mannes, in erster Linie handelt der Film von Liebe. Im Weiteren werde ich daher insbesondere dieses zentrale Element als Grundlage nehmen.
Trailer zu J. Edgar
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Kritik:

Diese Kritik kann und muss einen leicht anderen Weg nehmen als das typische Schema, welches ich sonst verfolge. Das liegt nicht nur daran, dass die Figuren für einen Film dieser Art weit stärker in den Fokus rücken, sondern auch daran, dass der Film seine Qualität insbesondere aus der eigentlichen Geschichte hinter der Geschichte zieht. Die eigentliche Handlung des Films werde ich hier nicht zusammenfassen, dass haben Biografen in etlichen Büchern und nicht zuletzt bei Wikipedia ausreichend oft gemacht. Und auch wenn ich dieses Mal die Handlung nicht vorwegschicke, sollten die Figuren an gewohnter Stelle zu Beginn der Kritik stehen.

Figuren:

Im Mittelpunkt des gesamten Films steht natürlich die Titelgebende Figur des John Edgar Hoover, verkörpert von einem Leonardo DiCaprio, der sich mit diesem Film eine Oscarnominierung mehr als nur verdient hätte. Er spielt sich hier schlichtweg die Seele aus dem Leib. In brillanter Manier verkörpert er alle Stationen des Lebens seiner Figur von den Anfängen als hungriger Idealist mit großen Vorstellungen bis hin zu seinem Ende als von vielem enttäuschter alter Mann, der trotzdem seinen Frieden findet.

Wesentlich für die Figur sind besonders ihre Beziehungen. Und hier kommen die Nebendarsteller ins Spiel. Dazu sei gesagt, dass egal wie groß der Anteil der anderen Figuren auch sein mag, neben DiCaprios virtuosem Spiel jeder andere Darsteller lediglich wie ein Nebendarsteller wirkt. Trotzdem sind diese Rollen absolut nicht zu vernachlässigen.

Als erste Figur im Leben von J. Edgar steht seine Mutter Anna Marie, genial gespielt von Judy Dench. Die Hoovers Leben definierende und bestimmende Frau mit den großen Ambitionen im Bezug auf ihren Sohn diktiert ihn und macht seine Person aus. Wenn etwas Mutter nicht passt, dann ändert Edgar es. Alles, seine Berufung, seine sexuelle Orientierung, sein Privatleben, wird von ihr bewertet und beeinflusst. Dadurch, dass er bis ins mittlere Alter bei seiner Mutter wohnt, kann er sich ihrem Einfluss nicht entziehen und wird so stets von seiner Liebe zu ihr getrieben. Diese Szenen zwischen DiCaprio und Dench lassen zugleich die Mutterliebe spüren, aber zeigen auch stets, wie ungesund der Einfluss seiner Mutter auf Edgars Entwicklung ist.

Als zweite Frau in seinem Leben steht Naomi Watts toll gespielte Helen Gandy als Sekretärin bis zu seinem Ende als eine der wenigen wirklichen Vertrauenspersonen an Edgars Seite. Die zunächst als Liebesgeschichte beginnende Beziehung entwickelt sich schnell zu einer an Vertrauen kaum zu überbietenden Freundschaft und Loyalität, die in jeder Szene zwischen den Figuren spürbar bleibt. Obgleich es auch immer wieder klar wird, dass die bestimmende Person in dieser Beziehung stets Edgar ist und bleibt.

Als dritte Figur in Edgars Leben steht an seiner Seite vom Anfang bis zum Ende Armie Hammer in der Rolle des Clyde Tolson. Zunächst eigentlich offensichtlich als rechte Hand Hoovers etabliert wird bereits relativ früh im Film klar, dass sich hier der eigentliche Kern der Geschichte verbirgt. Durch stete Andeutungen immer wieder am Rande thematisiert und zum Ende hin auch konkretisiert findet sich die Liebesbeziehung zwischen den beiden Männern, die im Zentrum der Macht praktisch keine Chance haben kann und doch durch Hoovers Position verschleiert bleibt. Diese Liebe, von den Medien heiß diskutiert und nie über eine Spekulation hinaus bestätigt, steht im Fokus des Films.

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Hier setzt Eastwood den Hebel an. Und wieder beweist er, dass die Story eigentlich nur das Spielfeld für die Figuren ist, auf denen er letztlich seine Geschichte erzählen kann. Und die Geschichte in diesem Film ist die von Hoovers Liebe. Natürlich über alles andere erhoben die Liebe zu Clyde, die so warm und tiefgehend inszeniert wird, dass sie viele wirkliche Liebesfilme weit in den Schatten stellt. Wenn sie am Ende ihre großen Momente bekommt, dann trifft das, es berührt und lässt mitfühlen. Aber nicht nur diese, erst ganz zum Schluss klar umrissene und ausgesprochene Liebe ist Thema, sondern insbesondere die unausgesprochene Liebe. Die Liebe zum Vaterland, der Patriotismus, der Hoover zu immer neuen Gedanken und Handlungen im Kampf gegen die „Rote Invasion“ treibt und ihn und sein FBI immer mächtiger macht. Diese Liebe ist Triebfeder jedweder Innovation und Weiterentwicklung innerhalb des FBI und definiert als fast greifbarer Wert Hoovers Machtposition.

Eastwoods Regie ist zu keiner Zeit ein Vorwurf zu machen, hier stimmt erneut wie praktisch immer bei ihm handwerklich alles. Jede Einstellung sitzt und insbesondere die Überblendungen sind immer wieder ein wahrer Augenschmaus. Montagen, der dezente Einsatz von Musik, die Art wie die Geschichte stets auf zwei Ebenen erzählt wird, das ist einfach, aber ungeheuer effektiv und gelungen.

Zur Musik sei zudem gesagt, dass hier wirklich sparsam vorgegangen wurde. Zwar gibt es vor allem gegen Ende in den Szenen um die Beziehung zwischen Edgar und Clyde häufigen Einsatz von berührenden Pianothemen, aber über die gesamte Strecke des Films bleibt die Musik ein Stilmittel und verkommt nicht zu dem in vielen anderen Filmen beliebten Klangteppich, der mit Höhen und Tiefen versucht Emotion zu steuern. Eastwoods Einsatz der Musik stützt die Emotion, er ruft sie nicht hervor und das weiß zu gefallen.

Um bei der Art der Erzählung noch einmal anzusetzen noch einiges weiteres in diesem Zusammenhang. Es wird, wie bereits erwähnt, auf zwei Ebenen erzählt. Zum einen die Ebene des alten Hoover, der quasi seine Memoiren diktiert und dadurch motiviert auf der anderen Ebene eben diese Geschichten aus seiner Erinnerung, in denen der junge Hoover agiert. Die Übergänge zwischen beiden Ebenen sind in der Regel sehr fließend und perfekt in Szene gesetzt, die Ebenen für sich nehmen sich auch nie etwas. Hier ist es nicht wie in vielen Filmen mit zwei Erzählsträngen, dass schließlich der eine reißt und der andere die dominante Stellung einnimmt, es ist vielmehr eine Form von Parallelismus zwischen den beiden Strängen zu spüren, der zum Ende hin mehr und mehr zunimmt, durch geschickte elliptische Erzählweise unterstützt wird und in einem großartigen Finale gipfelt.

Das Erzähltempo ist Eastwood-typisch eher langsam, doch es passt. Es lässt sich alles behäbig an, parallel zum wachsenden FBI, welches ebenfalls eher langsam in die Gänge kommt und steigert sich dann, jedoch nie über ein gewisses Maß hinaus. Das mag sicherlich dem einen oder anderen negativ aufstoßen, mir schien es doch dieses Films sehr angemessen.

Fazit:

J. Edgar ist vielleicht nicht Eastwoods bester Film, ich gebe zu nicht alle gesehen zu haben, kann mir aber aufgrund solcher Geniestreiche wie Gran Torino oder Mystic River durchaus ein Bild davon machen, zu was er fähig ist. Und ich muss sagen, diesen Filmen steht J. Edgar in kaum etwas nach. Natürlich ist die Geschichte hier etwas das vielleicht die Tür zum ganz großen Meisterstück ein wenig verstellt. Eastwood versteht es jedoch geschickt, die der Geschichte innewohnenden Probleme für die filmische Umsetzung gekonnt zu Stärken seines Werks umzudefinieren.

Der Werdegang J. Edgar Hoovers wird so zu einer nicht unwesentlichen Nebensache, auf die das Thema des Films, nämlich Hoovers eigene Unsicherheit und das Bedürfnis nach Liebe, aufgebaut ist. Und auf dieser Ebene überzeugt der Film absolut. Die Reinheit und Tiefe dieses Bedürfnisses wird Triebfeder und bringt den Film voran, so wie die Motive das FBI und Hoover selbst wachsen lassen. Bis er am Ende zwar ein überholtes Fossil in einem fast nicht mehr realen Kampf gegen den Kommunismus ist, aber doch seinen Frieden findet in der Gewissheit endlich Liebe gefunden zu haben und das sein Vermächtnis in Sicherheit ist.

Gemessen nach diesem Maßstab bekommt der Film von mir

9/10 Punkten bzw. 4,5/5 Hüten,

weil er als Biografie die wesentlichen Errungenschaften Hoovers würdigt, aber über diese Ebene hinaus als Geschichte eines Mannes auf der Suche nach Liebe ganz großes Kino darstellt. Also kann man mit Fug und Recht sagen, es ist ein wahrer Eastwood.

Von mir eine definitive Anschauempfehlung, solange die Erwartungen an den Film stimmen.
J. Edgar Bewertung
Bewertung des Films
910
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