
Bewertung: 4.5 / 5
Mit Digger startete der neue Film von Alejandro González Iñárritu in den Kinos. Der erfolgreiche mexikanische Regisseur, Autor und Produzent besetzt die Hauptrolle mit Tom Cruise und inszeniert eine bitterböse Realsatire.
Digger Rockwell ist im Ölgeschäft tätig und hat damit Milliarden verdient. Bereits sein Großvater hat damit begonnen und Rockwell gehört inzwischen aufgrund seiner finanziellen Mittel zu den einflussreichsten und mächtigsten Männern der Welt. Jedoch gibt es bei einem Ölprojekt in Grönland massive Probleme und insbesondere Europa, aber auch dem Rest der Welt, droht eine Katastrophe. Das wollen Diggers technische Berater ihm mitteilen.
Trailer zu Digger
Kritik
Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu gehört vermutlich zu den erfolgreichsten Filmemachern unserer Zeit. Allein fünfmal wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet. Seine populärsten Erfolge feierte er mit Filmen wie Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) und The Revenant - Der Rückkehrer. Mit letzterem gelang es ihm sogar, Leonardo DiCaprio zu seinem bislang einzigen Oscar zu verhelfen.
Mit seinem neuen Film Digger wagt sich Iñárritu an ein neues Genre: Die Satire. Wer die kurze Handlungsbeschreibung gelesen oder zumindest einen Trailer zu Digger gesehen hat, könnte meinen, dass Iñárritu hier einen Film wie Don’t Look Up gedreht hat. Das wirkt zunächst auch so, doch der Schein trügt. Digger entpuppt sich bereits nach knapp einer halben Stunde als etwas anderes und ist damit deutlich stärker mit dem Schaffen des Regisseurs verwurzelt, als man zunächst ahnen möchte. Darauf wird später nochmal eingegangen, jedoch wird in dieser Kritik keine Wendung verraten.
Bleiben wir zunächst bei Tom Cruise in der Hauptrolle als Digger Rockwell. Cruise präsentiert sich hier einmal völlig anders, deutlich verlebter und deutlich älter. Nachdem der stunterprobte Schauspieler in den letzten Jahren von Actionset zu Actionset rannte, wird er hier endlich wieder schauspielerisch gefordert. Dass er so etwas beherrscht, zeigte er bereits in der Vergangenheit in Filmen wie Magnolia oder Geboren am 4. Juli. Zudem kann man Cruise in Digger auch trotz seiner gelungenen Maske gut erkennen. Ein Regisseur wie Iñárritu gibt Tom Cruise natürlich die Bühne, um schauspielerisch abzuliefern. Ob nun lange Einstellungen, Nahaufnahmen oder extrem bissige Dialoge: Cruise bekommt, wie viele andere Schauspieler zuvor, eine eindrucksvolle Plattform geboten, die ihm eine Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller einbringen sollte. Es bleibt abzuwarten, ob er es DiCaprio gleich tun kann.
Aber nicht nur Tom Cruise weiß in Digger zu überzeugen. Der Film ist gespickt mit vielen Nebenrollen. Ob nun John Goodman als US-Präsident (wahnsinnig!), Riz Ahmed als wissenschaftlicher Berater oder auch Sandra Hüller als Schwester des Milliardärs. Man könnte noch viele weitere Schauspieler auflisten und sie alle meistern ihre Rollen. Der Part des deutschen Exportschlagers Sandra Hüller ist etwas kleiner ausgefallen, jedoch hat sie insbesondere zu Beginn sehr intensive Szenen mit Cruise.
An Iñárritus Seite führt einmal mehr einer der besten Kameramänner der Welt die Linse, nämlich Emmanuel Lubezki. Dieser überzeugte neben Birdman und The Revenant etwa in Gravity oder Children of Men. Lubezki sorgt erneut für ruhige und lange Einstellungen, die dazu führen, dass das Spiel der Darsteller noch intensiver rüberkommt. Davon profitiert vor allem Cruise im Mittelteil, in einer der stärksten Szenen des Films, die ebenso die Kernbotschaft von Digger beinhaltet.
Die Szenerie, in der die Schauspieler agieren, hat teilweise etwas Groteskes. Manchmal wirkt es bizarr oder surreal, aber im Verlauf des Films machen die Schauorte absolut Sinn. Trotzdem ist der Film in seiner Machart sicherlich nichts für jedermann sondern gehört eher zu den spezielleren Werken. Das betrifft sowohl die Optik, die Art des Schauspiels sowie den Humor.
Eingangs wurde gesagt, dass die Geschichte von Digger zunächst wie eine Adaption von Don’t Look Up wirkt. Aber nach dem ersten Viertel zeigt der Film deutlich stärkere Parallelen zu früheren Werken von Iñárritu. Dabei sei, ohne zu viel zu verraten, u.a. Birdman genannt. Später gibt es Momente, die im Kern an Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben erinnern, ohne diesen nur kopieren zu wollen. Iñárritu versucht nicht, andere Werke nachzuahmen, sondern bleibt sich selbst treu.
Das neue Genre, die Satire, macht sich aber auch im Schaffen von Iñárritu bemerkbar. Waren seine Filme bislang vor allem Dramen, in denen die Bedeutung des Lebens, aber auch des Dahinscheidens thematisiert wurde (etwa 21 Gramm oder Biutiful), gibt es diese Themen gewissermaßen auch in Digger. Sie werden jedoch meist nicht auf der ganz persönlichen Ebene dargestellt, sondern gesellschaftlicher.
In den satirischen Botschaften beschäftigt sich Alejandro González Iñárritu nicht nur mit dem Klimawandel. Er widmet sich der künstlichen Intelligenz und dem Massenkonsum, übt deutliche und sehr derbe Kritik am amerikanischen Selbstverständnis und geht selbstverständlich auch mit Staatsführern unserer Welt hart ins Gericht - natürlich hier in einem fiktiven Szenario. Vieles davon wird in bitterbösen und teilweise einfach nur ehrlichen Dialogen verpackt, sodass die Fiktion durchaus in den Hintergrund rücken kann. Der Witz ist zudem häufig sehr derb geraten und könnte hier und da bitter aufstoßen.
Mit seiner Laufzeit von knapp über zwei Stunden ist Digger verhältnismäßig kurz, verglichen mit den anderen Filmen des Regisseurs. Trotzdem ist der neue Film von Iñárritu nichts, was man schnell wegschaut. Er hat einen Stil gefunden, der Eigen ist und somit sicher nicht alle ansprechen wird. Wenn man sich darauf jedoch einlassen kann, kann man große Freude mit der Geschichte haben.
Fazit
Digger ist nicht allein die große Tom-Cruise-Show. Der Film ist in erster Linie das neue Werk von Alejandro González Iñárritu und fügt sich nahtlos in dessen Filmografie ein. Trotzdem kann Cruise in der Hauptrolle des Digger Rockwell überzeugen, ebenso wie seine zahlreichen Schauspielkollegen. Der Film wagt eine Satire, die durch mehrere kleinere Twists dem Zuschauer ein paar Hiebe in die Magengegend versetzen kann. Dabei ist Digger stellenweise etwas derb, sperrig und untypisch. Als solches ist der Film für Kinoliebhaber und Fans des Regisseurs absolut sehenswert.


