
Bewertung: 4 / 5
Was passiert, wenn der Mensch, den man am meisten liebt, ein menschlicher Abgrund ist? In ihrem fünften Spielfilm widmet sich die österreichische Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer (Corsage) einem denkbar schwierigen und schmerzhaften Thema – und schafft mit Gentle Monster ein intensiv leises, atmosphärisch dichtes Drama über Schuld, Verdrängung und die Trümmer des bürgerlichen Familienidylls.
Das perfekte Idyll auf wackeligem Fundament
Eigentlich schien die Welt von Lucy (Léa Seydoux) geordnet: Als renommierte Konzertpianistin hat sie für ihre Familie Zugeständnisse gemacht. Nach dem Burn-out ihres Mannes Philip (Laurence Rupp) ist das Paar gemeinsam mit dem kleinen Sohn in ein idyllisches Landhaus nahe München gezogen.Der Umzug bedeutete für Lucy zwar spürbare finanzielle und berufliche Einschränkungen, doch die Ruhe schien es wert zu sein.
Dieses bürgerliche Bild von Haus und Garten bricht jedoch von einer Sekunde auf die andere drastisch zusammen, als die Polizei vor der Tür steht. Sämtliche elektronische Geräte Philips werden beschlagnahmt, er selbst abgeführt und verhört. Der Vorwurf wiegt schwer: Es geht um den Besitz von Kinderpornografie und den Verdacht des Kindesmissbrauchs. Schockiert und erschüttert steht Lucy vor den Trümmern ihrer Ehe.
Marie Kreutzer geht in Gentle Monster jedoch einen klugen und einfühlsamen Weg: Anstatt den Täter oder seine Taten voyeuristisch in den Mittelpunkt zu rücken, fokussiert sich der Film auf die psychologischen Auswirkungen auf das Umfeld. Kreutzer beleuchtet meisterhaft das Phänomen der Verdrängung und die quälende Frage, was geschieht, wenn der eigene Partner plötzlich zu einem Fremden wird.
Vom Unglauben zur bitteren Erkenntnis
Anfangs weigert sich Lucy verständlicherweise, das Unfassbare wahrzuhaben. Doch während die Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) akribisch gegen Philip ermittelt, schwindet Lucys Zweifel Minute für Minute. Mit der bitteren Erkenntnis, dass ihr Mann wohl doch ein ’Monster’ ist, erwacht in ihr ein kompromissloser Beschützerinstinkt: Plötzlich sieht sie auch den eigenen Sohn als mögliches Opfer und muss einen Weg finden, sich und das Kind aus dem Sog dieser Katastrophe zu retten, während Philip verzweifelt versucht, das Unrettbare zu kitten.
Parallel zur Ermittlung begleitet die Kamera Lucy bei ihren Konzertauftritten. Hier dekonstruiert sie von Männern geschriebene Popsongs und interpretiert sie am Flügel völlig neu. Diese Passagen sind erzählerisch brillant gewählt: Sie offenbaren Lucys Innenleben auf intensive, fast exzessive Weise. In der Musik wird spürbar, wie sie unter der erdrückenden Bürde der Verantwortung für die Taten eines Mannes schier zusammenzubrechen droht.
Exzellenter Look und eine überragende Hauptdarstellerin
Visuell präsentiert sich Gentle Monster auf hohem Niveau. Die herausragende Kameraarbeit und der visuelle Look fangen die beklemmende, gedrückte Atmosphäre perfekt ein. Der Film benötigt dabei gar nicht viele Worte oder überladene Dialoge – er funktioniert über seine eindringliche Bildsprache und das feinfühlige Sequencing.
Getragen wird Gentle Monster von einem enorm starken Schauspielensemble. Laurence Rupp spielt die Rolle des zwiespältigen Ehemanns mit einer unheimlichen Ambivalenz, und Jella Haase überzeugt als toughe Ermittlerin Elsa, die ihre eigenen Dämonen zu tragen hat.
Die absolute Krone gebührt jedoch Léa Seydoux: Mit einer schauspielerischen Meisterleistung trägt sie Gentle Monster fast im Alleingang. Ihre Mutter-Figur handelt nicht immer nachvollziehbar – manche ihrer Entscheidungen lassen das Publikum frustriert den Kopf schütteln. Doch genau diese menschliche Unberechenbarkeit und Ambivalenz machen die Figur so lebendig und faszinierend. Seydoux bringt das explosive Innenleben Lucys leise, aber gewaltig nach außen.
Ein kleiner Wermutstropfen im Drehbuch
Einziger Kritikpunkt an dem ansonsten hervorragend strukturierten Drehbuch ist die Nebenhandlung rund um Ermittlerin Elsa und ihren dementen Vater. Zwar verdeutlicht dieser Strang Elsas eigene innere Zerrissenheit und das Thema, wie Frauen ihr Leben um Männer und deren dunkle oder schwache Seiten organisieren, doch für die eigentliche Haupthandlung um Lucy und Philip ist diese Nebenstory überflüssig.
Sie stoppt den Erzählfluss von Gentle Monster zwar nicht massiv, hätte aber zu Gunsten einer noch schärferen Fokussierung auf die Beziehung zwischen Lucy und Philip gestrichen werden können.
Lohnt sich ein Kinobesuch?
Ja, absolut. Gentle Monster ist zwar harte Kost und thematisch nur schwer zu verdauen. Doch Marie Kreutzer beweist enormen Mut, sich diesem tabuisierten Thema ohne billiges Drama oder reißerische Effekte zu nähern.
Gentle Monster liefert eine psychologisch tiefschürfende Studie über das Zerbrechen einer Familie und glänzt durch eine herausragende Léa Seydoux in der Hauptrolle.
Wer anspruchsvolles, atmosphärisches Arthouse-Kino mit Haltung schätzt, sollte sich diesen Kinobesuch nicht entgehen lassen.


