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Jack rechnet ab

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2. Anlauf für ein Review: Lightning Strikes Twice

Jack rechnet ab Kritik

Jack rechnet ab Kritik
1 Kommentar - 08.09.2022 von MobyDick
In dieser Userkritik verrät euch MobyDick, wie gut "Jack rechnet ab" ist.

Bewertung: 5 / 5

Huch, sehe gerade, dass ich hier schon recht gutes (besseres?) Review zu geschrieben habe. Naja sei es drum, im Harry palmer Review meinte ich ja, ich müsste nochmal ein Get Carter Review verfassen, so soll es sein, hier also ein Review Remake, sozusagen mein Stallone-Remake des Caine-Klassikers, und wie es sich für ein Remake nunmal gehört, gibt es an, noch besser zu sein, also ist die Bewertung hier auch nochmal höher, nämlich 10 Punkte, im Originalreview aren es noch 9 - aber ich denke, in diesen Sphären ist es eh egal, die tendenz dürfte jedem klar sein.

Also dann:

Ich habe ja schon im Review zu den Harry Palmer geschrieben, dass Michael Caine eine neue Art von cool definierte, von der selbst heute noch solche Nasen wie Joko und Klaas zehren, jetzt werde ich den Film besprechen, der diese Coolness auf ein neues Level brachte, darüber hinaus sogar, die Coolness brach und ihn trotzdem auf den Olymp brachte im besten Gangsterfilm aus England aller Zeiten: Ladies and Gentlemen, Vorhang auf für Get Carter!

Mike Hodges drehte mit Get Carter einen Gangster-Film, der zwar von der komprimierten Handlungszusammenfassung (wenn sie auf einen Bierdeckel passen soll) typische Gangsterfilm-Gefilde bedienen würde, aber in seiner Inszenierung ist so vieles anders und es wird doch so viel mehr visuell und nebenher erzählt, dass der Film sein Genre komplett transzendiert, und im Prinzip fast einer gesellschaftlichen Bankrotterklärung gleichkommt. Dabei gelingt dem Film das seltene Kunststück, amoralisch und moralisch zugleich zu sein, zynisch abgewichst aber gleichzeitig immer noch irgendwie hoffend – Die Frage ist hier, ja auf was eigentlich? Get Carter ist nihilistisch aber mit einer tiefen Melancholie, ein Film voller Widersprüchlichkeiten, dessen Kaleidoskop jedoch ein Großes Ganzes ergibt.

Mit diesem Film machte Hodges sich selbst – aber erst recht Michael Caine – unsterblich. Er sollte im Verlauf seiner Karriere dann noch weitere Male mit Michael Caine zusammenarbeiten: unter anderem in dem sträflich unterschätzten Malta sehen und sterben, eine Groteske, die ebenfalls seine Genregrenzen auslotet; oder dem mittlerweile als Kulttrash gefeierten Flash Gordon; aber am ehesten vergleichbar mit diesem Film und seiner Kollaborations-Zeit mit Caine ist vielleicht seine Kollaboration mit Cliwe Owen, dessen Karriere er maßgeblich gefördert hatte. Sowohl der Croupier, der Owens Karriere fast schon in Richtung neuer Bond zu lenken schien, als auch und vor allem I’ll Sleep When I’m Dead zeugen davon, dass Hodges ein guter Beobachter nüchterner kalter Filme ist. Aber auch gerade letzterer Film ist auch ein Fingerzeig dahingehend, dass ein Blitz niemals zweimal an der gleichen Stelle einschlägt, denn hier versucht er einen ähnlich gelagerten Film wie Get Carter zu produzieren, mit ähnlicher Prämisse, ähnlichen stilistischen Mitteln, und einem moderneren (?), altersweiseren (?) Inszenierungsstil – aber es funkt halt über 30 Jahre später einfach nicht so grandios wie es zu Get Carter tat, zu zahm und domestiziert das Ganze.

Man merkt dem Film zu jedem Zeitpunkt an, dass es der gleiche Regisseur ist, der hier sich selbst zitiert, und das ist irgendwo okay, aber halt nicht mehr. Und deswegen auch schön zurück zu Get Carter.

Hier also die Bierdeckelhandlung: Gangster aus Großstadt kommt zur Beerdigung seines Bruders wieder in Heimatkleinstadt und nimmt Rache.

Hat man oft gesehen, kennt man, nix Neues? Jup und Nope!

Denn da ist zum einen die Handlung selbst, die sich selbst unterwandert: Carter ist ein Gangster, aber er ist kein Edelgangster, er ist eigentlich der Schurke, er ist der Teufel, er ist der Hund, der die Hand beisst, die einen füttert. Er ist niemandem gegenüber loyal, sein Bruder scheint ihm scheissegal, er ist nur da, weil es irgendwo noch etwas Menschliches in ihm zu schlummern scheint und er deshalb nur der Form halber zur Beerdigung geht. Obwohl der Tod des Bruders offensichtlich Ungereimtheiten hat, und er sowohl die Mittel hätte, das zu untersuchen, als auch eine gewisse Motivation, juckt es ihn erstmal nicht die Bohne, stattdessen gibt er den coolen Arsch, der er ist und pisst die Leute einfach mal an, weil er es kann. Es muss schon etwas ganz Krasses passieren, damit er auszieht, um die Leute das Fürchten zu lehren. Und das tut es dann auch, und ab da bröckelt die Fassade, aber dafür dann ganz gewaltig, fast wie ein Urknall.

Neben der Handlung, ist da natürlich die Charakterisierung, wie man ja eben schon angedeutet bekam. Carter ist nicht der typische Anti-Held, dem trotz seines „Berufes“ die Sympathien des Publikums zufliegen, oder der als Projektionsfläche dienen würde. Obwohl er den ganzen Film über zu sehen ist, bleibt er ein absolutes Arschloch, mit dem man eben nicht um die Häuser ziehen möchte oder in den man sich projizieren möchte. Er ist ein Schurke, alleine die erste Einstellung wie er eingeführt wird, zeigt schon, von welchem Kaliber wir hier sprechen: Das ist ein wildes Tier, das keine Zügel kennt, der die Frau seines Bosses knattert, nicht weil er sie liebt sondern weil er der Meinung ist, dass er es kann. Sie ist ihm egal, alle sind ihm egal, naja fast, wie sich noch zeigen wird.

Warum er so ist wie er ist spielt eigentlich keine Rolle, und als er dann – bzw seine Fassade – bröckelt, ist es nie so, dass er menschlicher oder humaner würde, sondern dann wütet er erst recht wie ein tollwütiger Hund. Das ist niemals beschönigend oder irgendwie nachahmungswürdig, es ist irgendwie immer gritty und dark.

Aber mit Charakterisierung haben wir auch noch weiteres Themenkomplex: wir haben die Charakterisierung einer Gesellschaft, die es so als solches eigentlich kaum noch gibt: Fahrig, Vulgär, heruntergekommen und ohne Prospekt oder Aussicht, das ist die Charakterisierung eines Landes, welche sehr authentisch gefilmt ist, und in diesem Momenten ist der Film fast schon dokumentarisch und immersiv, aber nie mit einem erhobenen Zeigefinger sondern wenn überhaupt mit einem Stinkefinger ans Publikum. Die Leute sind allesamt verloddert, sowhl äußerlich als auch innerlich, und Carter liebt es ihnen allen genüßlich den Spiegel vorzuhalten, zB seiner Vermieterin, auf verschiedene Arten. Alleine hier sieht man, dass er sich für eine Art teuflischen Verführer hält, der er tatsächlich bis zum Wendepunkt auch irgendwo ist.

Es heisst sehr häufig, dass Get Carter einer der einflußreichsten englischen Gangsterfilm wäre, das mag sein. Es mag durchaus sein, dass im Zuge des Films es häufig dieselbe Story gab, die zigfach variiert verfilmt wurde. Aber es gibt durchaus Unterschiede zu den Copycats (dazu später ein besonderer Fall), die nur die Handlung rudimentär übernehmen (Gangster kommt in Kleinstadt und räumt auf): Zum einen ist ein gesteigerter Gewaltgrad eben nicht Sinn oder Zweck der Verfilmung und damit disqualifizieren sich diese nachzügler. Zum anderen ist es eben nicht nur die Handlung sondern eben auch die Atmosphäre der verlorenen Nation, was die nachfolger ebenfalls nicht einfangen können oder nicht verstehen, dass da ein besonders großer Reiz drin liegt, und dann ist der Fakt einfach unumstößlich, dass wir eine charakterliche Entwicklung benötigen, die den zutiefst asozialen und amoralischen Protagonisten von innen zerstört und dies als Triebfeder für eine gewisse Katharsis notwendig ist. Auch das fehlt oft. Stattdessen wird ein James Bond Typ, oder Shaft oder sowas wie ein Burt Reynolds, der als Tiger die Meute hetzt auf das Publikum losgelassen. Alles probat, aber eben nicht genug, um im Fahrwasser mitzufahren. Es mag sein, dass der Film als einflußreich zählt, aber sein Einfluß ist quasi nicht spürbar, da er trotz allem einfach als Unikat durchgeht: Die Geschichte gab es schon vorher, der Inszenierungsstil wird nie auch nur annähernd erreicht oder erst versucht.

Kommen wir endlich – endlich – auf Michael Caine zu sprechen: Michael Caine war schon vor Get Carter die coolste Socke mit Hornbrille, teilweise auch Harry Palmer aber hauptsächlich Alfie sei Dank, der irgendwie schon als Sexsymbol durchgehen konnte. Dass er dabei zumeist und zunehmend in irgendwelchen grotesken zeithistorisch durchaus interessanten Filmen auftauchte tat dem Ganzen zumindest teilweise keinen Abbruch. Filme wie Italian Job sind da schon die besseren Filme aus dieser Zeit. Und dann kam Get Carter, wonach er wieder auf die harten bzw. ernsteren Rollen zurück kam, etwa zeitgleich kam auch das 2-Mann-Spiel Sleuth heraus, wo er sich mit dem legendären Laurence Olivier ein mörderisches Katz-und-Maus-Spiel lieferte (Übrigens genau wie Get Carter später auch mit einem deutlich schlechteren Remake gesegnet, dort wie hier spielte auch Michael caine wieder mit, dort wie hier durfte er dann in die Rolle des älteren bzw. Schurken schlüpfen, wenn überhaupt sind diese Remakes daher aus dieser Brille heraus ansatzweise interessant). Aber Get Carter war ein absoluter Wendepunkt in Caines Karriere, denn zum einen war er der Protagonist im besten britischen Gangsterfilm aller Zeiten und meisterte die Rolle mit Bravour. Zum anderen definierte er den Begriff harter Hund eigentlich wie kaum ein anderer Darsteller jemals vor oder nach ihm. Es hat schon seinen Grund, warum alle so ehrfürchtig von dem Film sprechen.

Ein Burt Reynolds, Charles Bronson, Clint Eastwood, Steve McQueen, wie sie alle damals hiessen, hatten alle schonmal harte Filme abgeliefert, aber niemand hatte jemals zuvor so eine kalte Aura des Bösen ausstrahlen können, wo das Publikum trotz allem zu ihm hielte. Immer war da etwas Menschliches, cooles, ja fast Verlogenes an den anderen Figuren. Carter war einfach so wie er war, da gab es keinen doppelten Boden wie bei Thomas Crown, der eigentlich nur eine Projektion der damaligen patriarchischen Gesellschaft zur Bestrafung der aufmuckenden Tussi da ist, getarnt als Heist Movie, der zudem dann auch noch extrem amoralisch zivile Opfer ausbeutet, oder da ist nichts mit einem verlogenen Unterbau, damit ein Mann rot sehen darf, oder da ist keine langsam mahlende Bürokratie, weshalb ein Polizist das Gesetz in die eigene Hand nehmen darf, und da ist auch kein leicht ironischer Umgang mit dem ernsten Thema, was hauptsächlich bei Reynolds der Fall war. Am ehesten könnte man hier vielleicht einen anderen Briten, den sie anderswo Pferd nannten, heranführen, aber der war mindestens zwei Klassen unter dem Caine von damals. Und Connery? Der dreht zu der Zeit auch frei, emanzipierte sich zunehmend von seiner verhassten Bond Rolle, und lieferte mit dem Psycho-Kracher Sein Leben in meiner Gewalt tatsächlich einen ähnlich abgestumpften und krassen Charakter ab, der allerdings beim Publikum wegen seiner viel größeren Ambivalenz und Verrohtheit dann natürlich nicht ganz so gut ankam. Aber tatsächlich ist das auch eine Landmarke, die man nicht vergessen dürfte, wenn es um die besten Filme aller Zeiten aus dem Königreich geht.

Jahre später würde Bob Hoskins den harten Gangster Boss geben in Rififi am Karfreitag und damit das Genre tatsächlich definieren und auch einen Modellfilm abliefern, wie er dann auch häufiger dann imitiert werden konnte, das ist tatsächlich eine Blaupause für einen Gangsterfilm, aber halt nicht Get Carter. Das interessante hierbei ist auch, dass dies dann auch schauspieltechnisch eine Art Staffelübergabe war, denn zu diesem Zeitpunkt war der Stern von Caine am sinken, und er spielte zumeist dann prägnante Nebenrollen, wie in Mona Lisa, wo er Hoskins als schmieriger Bösewicht durch den Film scheuchen durfte. Zu Rifiifi am Karfreitag sei nur noch kurz erwähnt, dass dort sowohl Helen Mirren als auch Pierce Brosnan durchaus prägnante Rollen spielen. Und zu Bob Hoskins eine Randbemerkung, die alle Hugh Jackman Fans hier erschüttern dürfte: Bob Hoskins war tatsächlich die künsterlische Vorlage die die Autoren von X-Men vor sich hatten als es um Wolverine ging ;-) Also von wegen 1,90m groß, athletisch und gut aussehend….

Zurück zu Get Carter: Der Film ist eine Legende, unerreicht, hart, unerbittlich und tatsächlich anscheinend ein Traumprojekt für ein Remake von Stallone gewesen. Also gut, der Mann bekommt seine Chance, spielt die Rolle, die Handlung bleibt auch im Grund genommen gleich und Caine darf natürlich auch mitmischen. Und wie macht sich das Remake? Jetzt ist die Frage wie ihr eure Hausaufgaben gemacht habt und in der Schule aufgepasst habt

Carter ist hier tatsächlich ein netter Onkel, der zufällig einen bestimmten Job besonders gut kann, er pinkelt auch nicht Leute ohne Grund an oder ist sonstwie asozial unterwegs. Das Lokalkolorit ist austauschbar, die Inszenierung seiner Zeit und seinem Budget entsprechend, hier ist nichts wirklich abgründig, hart oder sonstwas. Das einzige, was einem hier im Gedächtnis bleibt, ist das Carter in dieser Verfilmung laktoseintolerant ist. Und alleine das spricht mehrfach Bände: Zum einen hätte es diese geschwätzige Information im original nie gegeben und zum anderen wenn das die Message eines Filmes ist, das man mitnimmt, wenn dieser Film den bedeutendsten englischen Gangsterfilm nachmacht, dann macht der Film eigentlich nichts richtig. Und schlimmer noch: Sly war zu seiner Bestzeit ein begnadeter Schreiber, der die Ambivalenz seiner Figuren durchaus herausarbeiten konnte, und ich spreche hier nicht von Rocky. Dass er Esterhazs in FIST rausgedrängt und das Drehbuch selbst überarbeitet hat, ist ja kein Geheimnis, und der Charakter, der Hoffa sein soll unter einem Pseudonym ist halt Klasse. Aber bei Carter ist Stallone schon seit Jahrzehnten im Gockelmodus unterwegs und nichts darf seinem Image schaden. Die Frage sollte doch erlaubt sein, wieso du dann ausgerechnet Carter spielen willst? Und wieso du dann Caine dazu zwingst in diesem Wurst von Film auch noch eine schlechte Nebenrolle zu übernehmen? Naja um ehrlich zu sein, der Caine hat damals glaube ich alles gespielt wofür er Geld bekommen hat, unter anderem in irgendwelchen Seagal reissern und einer Werbung gegen Inkontinenz bei älteren Herren…

Aber all das ändert nichts daran, dass der original Carter ein Hammer und Meilenstein von einem Film ist.

Nur Achtung, wem es bisher nicht klar geworden ist: Es ist kein typischer Reisser moderner Machart, sondern ein intensiver psychologischer Kracher, der erst im Verlauf seine Wucht entfaltet und wahrscheinlich auch ein bißchen Geduld erfodert bis man drin ist.

10 Punkte

Jack rechnet ab Bewertung
Bewertung des Films
1010

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MobyDick : : Moviejones-Fan
08.09.2022 12:08 Uhr
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Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 6.917 | Reviews: 206 | Hüte: 554

Keine Ahnung, ob ich es überhaupt erwähnt habe, hier wie drüben, aber ein Wort noch: Nie sah das zu dem zeitpunkt zukünftige Bond Girl Britt Ekland besser aus, aber das sollte wirklich nicht der Grund sein, den Film zu schauen wink

Dünyayi Kurtaran Adam
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