
Bewertung: 3 / 5
Wie würden sich arrogante Männer verhalten, wenn sie plötzlich die gesellschaftlichen Nachteile erleben müssten, mit denen Frauen täglich konfrontiert werden? Genau mit diesem Rollentausch spielt die Netflix-Komödie Ladies First, in der Sacha Baron Cohen als sexistischer CEO und Rosamund Pike als sein weibliches Gegenstück aufeinandertreffen. Zwischen bissiger Satire, absurdem Humor und kreativen Ideen bleibt der Film in seiner eigentlichen Aussage jedoch überraschend vorsichtig. Lohnt sich Ladies First trotzdem?
Ladies First: Kritik zur bissigen Netflix-Komödie mit Sacha Baron Cohen
Der erfolgreiche Manager Damien Sachs (Sacha Baron Cohen) ist auf dem Weg, CEO einer Werbeagentur zu werden. Frauen sind für ihn nicht besonders qualifiziert und sexistische Witze und Ansichten gehören zum Alltag. Nach einer Konfrontation mit Alex Fox (Rosamund Pike), die kurz vorher fürs Image befördert wurde, läuft er gegen einen Mast und wird bewusstlos. Als er wieder erwacht, muss er realisieren, dass er in einer Parallelwelt gefangen ist, in der die Geschlechterrollen umgekehrt sind. Um wieder in die richtige Welt zu gelangen, muss er sich ausgerechnet der nun einflussreichen Alex Fox in den Weg stellen.
Wenn aus Five Guys plötzlich "Five Girls" wird
Bei Ladies First führt Thea Sharrock Regie, die in der Vergangenheit mit Kleine schmutzige Briefe bewies, dass sie in der Lage ist, feministische Stoffe äußerst unterhaltsam und klug umzusetzen. In ihrem neuen Film, der eine Adaptierung des französischen I Am Not an Easy Man ist, klappt das leider weniger gut. Zumindest das mit der klugen Geschichte. Unterhaltsam bleibt der 90-minütige Netflix-Film nämlich trotzdem.
Vor allem zu Beginn wird ein gutes Tempo an den Tag gelegt und der Humor zündet ab der ersten Minute. Der Film macht innerhalb kürzester Zeit deutlich, warum Damien ein unangenehmer Sexist ist und wie hart es die Frauen trotz Pseudo-Beförderungen fürs Image noch haben. Zwar erfindet Ladies First den Humor nicht neu, viele der Gags funktionieren jedoch zuverlässig. Vor allem die stetige Verachtung von Frauen und die konsequente Zuspitzung sexistischer Denkweisen geben dem Film mehr Biss, als es andere Genrevertreter haben, die das Fehlverhalten irgendwie rechtfertigen.
Ähnlich strikt geht Ladies First in der Parallelwelt vor. Nicht nur sind hier alle möglichen Vorurteile, Arten der physischen und verbalen Belästigung und Rollenbilder umgekehrt. Sondern selbst in sexualisierten Werbungen auf Taxis, Pornozeitschriften und in Fernsehwerbungen finden sich vorrangig leichtbekleidete Männer. Mehr noch, die Liebe zu Details, die uns in der ersten Hälfte zum Schmunzeln bringen, geht bis zu Markennamen: so wird aus Five Guys natürlich "Five Girls" oder aus Victoria’s Secret selbstredend "Victor’s Secret"
Vorhersehbare und uninspirierte Geschichte
Trotz aller Kreativität, können amüsante Details keinen ganzen Film tragen. Und da liegt der Knackpunkt. Denn die Geschichte, die hier erzählt wird, ist eher bekannte Genre-Kost. Damien Sachs muss sich, um in die reale Welt zurückkehren zu können, ändern. Das ist ziemlich vorhersehbar und die Umsetzung dieses Konzept bringt da kaum mehr Spannung rein. Solche Charakterentwicklungen hat man in ähnlicher Form bereits unzählige Male gesehen.
Auch der allgemeinen Diskussion rund um mehr Frauen in Führungspositionen hat der Film wenig hinzuzufügen. Es gibt zwar gelegentlich spannende Szenen, etwa als Damien in der von Frauen dominierten Welt sagt, es sei schon nicht so schwer, als Mann aufzusteigen, nur um zu realisieren, dass er es wegen seines Geschlechts schwerer hat. Hier funktioniert das Konzept der umgekehrten Welt besonders gut, doch bleibt es nur bei wenigen Momenten, in denen der Film sich so viel Haltung zutraut. Stattdessen bekommen wir hauptsächlich die immer gleiche und oberflächliche Kritik an Ungerechtigkeiten.
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Sacha Baron Cohen ist das Highlight des Films
Da hilft es nicht, dass sich die Charaktere kaum nachvollziehbar entwickeln. Damien Sachs wird nach wenigen Minuten in der Frauenwelt von einem Arschloch, das nie etwas für seinen Erfolg tun musste, zu einem ehrgeizigen und fast schon kompetenten Herausforderer. Seine Frauenfeindlichkeit verliert er nahezu ebenso schnell. Wieso und warum das passiert, zeigt uns der Film nie auf. Zwar gibt es auch bessere Momente, in denen sich die Figuren weiterentwickeln, oft beschränkt sich das aber nur auf nachdenkliche Blicke der Darsteller.
Bei den Schauspielern versteckt sich ein Highlight, nämlich Sacha Baron Cohen. Wie wir es vom Borat-Schauspieler gewohnt sind, gibt er in seinen absurden Szenen alles. Ob nun als nackter Cowboy, um sich hochzuschlafen oder als Sänger, um emotional zu überzeugen, wenn Sacha Baron Cohen aufdrehen darf, wird es ziemlich unterhaltsam. Als weibliches Gegenstück spielt Rosamund Pike ebenfalls gut.
Nervig ist aber, dass die Szenen häufig abrupt enden. Mehrmals wirkten die Übergänge wirklich unsauber und haben uns aus dem Geschehen gerissen. Die belanglosen Popsongs haben das in der Regel nicht ausgeglichen.
Fazit - Eine Satire mit Biss, aber wenig Tiefgang
Ladies First scheitert am Ende nicht am Humor oder den Darstellern. Im Gegenteil liegen hier sogar die Stärken der Netflix-Komödie. Es ist die belanglose Geschichte, die das Problem ist. Trotz guter Einfälle und einiger ordentlicher Momente, bleibt die Gesellschaftskritik oberflächlich. Wirklich provokant wirkt Ladies First heute allerdings ebenfalls nicht mehr und so wirkt es, als käme er ein gutes Jahrzehnt zu spät heraus. Wer Sacha Baron Cohen gerne beim Rumalbern zusieht oder eine unterhaltsame und leichte Komödie sucht, könnte hier aber dennoch auf seine Kosten kommen.
Ladies First ist ab dem 22. Mai exklusiv auf Netflix abrufbar.


