Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann und seine Tochter Erika reisen 1949 erstmals wieder durch das vom Zweiten Weltkrieg gebeutelte Deutschland. Dies markiert den ersten Kontakt mit seinem Heimatland, nachdem Mann 13 Jahre im Exil in den USA gelebt hatte.
Wolfgang Schmitt
https://www.youtube.com/watch?v=HKE72uHVosw
"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."
Deutschland und Thomas Mann am Scheideweg...
Thomas Mann reist im Jahr 1949 mit seiner Tochter Erika nach Frankfurt und Weimar, um Goethe zu ehren und in beiden Zonen den Goethepreis zu erhalten.
Überall durchdringt den Film und das Setting ein unangenehmes und unwohles Gefühl. Im Westen besteht noch der alte Nazimief, Menschen sind lachend, trinkend, tanzend zur Normalität übergegangen, aus Verdrängung oder rechtfertigendem Selbstverständnis heraus, mit Unschuldsbekenntnis oder Opfermentalität, Mitläufer in Politik- und Kunstbetrieb haben sich durchgeschlängelt (Gustaf Gründgens, Richard Wagners Enkel). Im Osten die Anfänge der DDR, totalitäre und kollektivistische Strukturen, politische Repression, was sich nur dem Namen nach von den Anfängen des NS-Regimes unterscheidet.
Thomas Mann hat derweil aber den Kontakt und Bezug zu Deutschland sowie seiner Familie verloren, er zimmert sich sein egozentrisches und narzisstisches Wolkenschloss im Glauben, er könne Deutschland kulturell wieder zum Aufschwung verhelfen. Hält verklausulierte Reden vor hohen Tieren, die keiner versteht, aber bejubelt werden, weil West und Ost ihn als Aushängeschild ihrer Ideologien nutzen wollen. Mann erkennt das nicht, genauso wenig, wie er den Suizid seines Sohnes Klaus an sich heranlassen oder Nähe zu seiner Tochter Erika aufbauen kann.
Schauspielerisch stark von Hanns Zischler und Sandra Hüller, vor allem was Sandra Hüller hier an komplexen Emotionen zu Tage fördert, ist mal wieder unglaublich. Das Telefonat mit der Mutter und das Ende in der Kapelle brechen einem das Herz.
Des Weiteren bin ich von der Kameraarbeit fasziniert. Łukasz Żal ist wieder am Werk und er lässt den Film so aussehen, als sei er tatsächlich in den 1940ern gedreht worden. Ferner sucht Żal ebenso wie die Menschen im Film nach der Identität Deutschlands, er legt den Fokus oft auf das Altehrwürdige und die Historizität in der Architektur, der Bildhauerei usw, während Thomas und Erika Mann aber gleichzeitig durch Städte reisen, die weiterhin noch in Schutt liegen.
Zu Paweł Pawlikowskis "Cold War" fehlte mir zum Vergleich etwas der Zugang, "Vaterland" hat mich hingegen mitgenommen. Seinen "Ida" muss ich noch sehen.
Meine Bewertung
"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."