
Bewertung: 3.5 / 5
Unser Lieblings-Fleischberg-Vagabund ist zurück, um in der nunmehr bereits vierten Staffel von Prime Videos Serienhit Reacher dem Verbrechen den Kampf anzusagen. Alan Ritchson schlüpft dafür erneut in die Rolle der ermittelnden Ein-Mann-Armee und sieht sich bei seinem neuesten Fall mit der wohl größten Bedrohung überhaupt konfrontiert.
Seit heute, dem 16. September, steht die komplette, acht Folgen umfassende, Staffel auf dem Streamer zur Verfügung und wir klären in dieser Review, ob sich ein Binge-Watch lohnt.
Trailer zu Reacher
Reacher verschlägt es nach seinem letzten Einsatz ins schöne Philadelphia, wo er allerdings eines Nachts während einer U-Bahnfahrt Zeuge eines tragischen und zugleich mysteriösen Suizids wird. Schnell gelangt er ins Blickfeld der zuständigen Detectives und wird von Schlägern auf offener Straße angegriffen. Ein scheinbar wertvoller USB-Stick, hinter dem sogar die CIA her ist, soll Antworten liefern, und so stellt der Ex-Militärpolizist auf eigene Faust Nachforschungen an. Dass Reacher da bereits in eine großangelegte Verschwörung verwickelt wurde, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht …
Review - Reacher Staffel 4
Anderthalb Jahre nach der Premiere der ersten Folgen von Staffel 3 debütierte am 12. August die vierte Staffel von Reacher, die sich dieses Mal den 13. Band der von Lee Child verfassten Romanreihe ("Underground") als Vorlage nimmt. Wie eingangs angedeutet, muss der bullige Titelheld ein Komplott aufdecken, das die anderen Fälle von seinem Ausmaß in den Schatten stellt und uns ab der ersten Episode gefesselt hat. Während man zu Beginn der Serie das Geschehen in eine Kleinstadt verlegte, wird Reacher im Laufe der Geschichte landesweit gesucht, was die Spannung erhöht und uns Szenarien präsentiert, die wir so zuvor noch nicht gesehen haben.
So muss der Protagonist und seine Sidekicks, die sich in dieser Staffel aus einer degradierten Police-Detective, einem Investigativjournalisten und einem Kleinstadtpolizisten zusammensetzen, oft wirklich verdeckt ermitteln, da ihre Gesichter im Web und im Fernsehen zur Fahndung ausgegeben sind. Reachers oft improvisierte Lösungen, wie eine Busfahrt im Kofferraum oder ein Versteck unter einer Brücke, steigern den Unterhaltungswert. Zudem hatten wir oft das Gefühl, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht, da der Twist nicht nur Auswirkungen auf Reacher selbst hätte, sondern auch auf das vieler tausender Menschen.
Der große Pluspunkt stellen natürlich wieder die Actionsequenzen dar, von denen es im Vergleich zur letzten Staffel glücklicherweise wieder mehr gibt. Sam Hill und Gary Fleder inszenieren jene mit hohem Tempo und arbeiten auch allerhand kreative Einfälle in die Szenen mit ein. Von indonesischen Messerkämpfen über ein Brückenduell bis zu einer wahnwitzigen Fahrstuhlszene ist alles dabei, wobei die Kamera noch etwas mehr zu zeigen scheint, was den daraus resultierenden Gore angeht. Reacher darf also ordentlich austeilen; gerade mit der finalen, achten Folge dürften Genre-Fans ihren Spaß haben.
Schauspielerisch wird zumeist nur der von Christopher Rodriguez Marquette (Fanboys) verkörperte Jacob Merrick emotional gefordert, der im Laufe der Staffel einige Schicksalsschläge erleidet. Alan Ritchson (The Ministry of Ungentlemanly Warfare) gibt wie gewohnt den coolen Draufgänger und liefert primär im Gefecht einen One-Liner nach dem anderen. Sydelle Noel (GLOW) stellt als Detective Tamara Green den moralischen Anker des Quartetts dar, während Kevin Weisman (Hello Ladies) als Journalist Russell Plum für den Comic Relief sorgt. Dadurch funktioniert die Gruppe im Wesentlichen relativ gut, auch wenn manchmal individuelle Entscheidungen getroffen werden, die unnötig oder vermeidbar gewesen wären. Konkret haben wir da eine Geiselnahme im Sinn, die bei der Befolgung des eigentlichen Plans nicht hätte sein müssen.
Kommen wir nun zu unseren größeren Kritikpunkten, die einerseits das Pacing und die Entwicklung der Handlung betreffen. Dramaturgisch tappt man als Zuschauer nämlich lange im Dunkeln, da die Geschichte nach den ersten vier Folgen eine ganz andere Richtung einschlägt. So hätte man die Handlung eventuell auch auf sechs oder sieben Episoden verteilen können, weil man sich sehr viel Zeit nimmt, um das Geheimnis um ein US-Projekt in Indonesien zu enthüllen und zuvor eine falsche Fährte verfolgt. Außerdem scheint es etwas unschlüssig, dass Reacher mit seinen Menschenkenntnissen die große Wendung nicht vorausahnen konnte, wo er doch sonst ein As im Kombinieren ist.
Andererseits entfernt man sich wieder von der eigentlichen medizinischen Realität, da wir bezweifeln, dass man mit dutzenden Messerstichen noch in der Lage ist, eine weniger verwundete Person zu überwältigen. Klar, dass man im Action-Genre darüber hinwegsehen muss, da der Protagonist sonst vermutlich nicht allzu lange kampftauglich wäre. Jedoch sollte man in Anbetracht der acht Folgen und früheren Konfrontationen schon schauen, was halbwegs der Realität nahekommt. Schließlich bleibt den Akteuren auch nie wirklich Zeit zum physischen Regenerieren.
Fazit
Reacher Staffel 4 schafft es, trotz der Vorgänger erneut Spannung zu kreieren und uns an Orte zu führen, die uns die Hauptfigur noch einmal von einer anderen Seite zeigen. Zugleich unterhalten die kreativen Konfrontationen in ihrer Länge und Intensität und überzeugen genretechnisch komplett.
Der Plot braucht dagegen lang, um sein wahres Gesicht zu offenbaren, wodurch ein oder zwei Fillerepisoden den Twist etwas verzögern. Das Heldengefüge ist trotz mancher Alleingänge stimmig, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, dass Deadpools Regenerationskraft auf einige Charaktere übergesprungen ist. Fans der bisherigen Staffeln bekommen aber genau das, was sie erwarten, und können sich ja ohnehin auf das ebenfalls heute gestartete Spin-off Neagley und die bereits angekündigte, 5. Staffel von Reacher freuen.


