
Bewertung: 4.5 / 5
Apple präsentiert mit „Widow’s Bay“ eine neue Serie mit zehn Episoden, die sich vom Genre an den schwierigen Spagat zwischen gut erzählter und spannender Mystery-Story, einem ganzen Batzen Horror-Anteil und obendrauf noch an einer Komödie versucht. Ein hehres Ziel, an dem schon größere und ambitioniertere Projekte kläglich gescheitert sind.
Aber auch wenn Apple weiterhin bei der Qualität ihrer Filme etwas hinterherhinkt, ihre Serien haben sie meist im Griff und auch „Widow’s Bay“ schafft fast das unmögliche… einen mehr als sehenswerten, nämlich auch noch einen äußerst unterhaltsamen Genre-Mix abzuliefern.
Die Geschichte handelt von der namensgebenden Insel „Widow’s Bay“ vor der Küste Neuenglands und wer hier sofort daran denkt, dass vielleicht Stephen King von der Festlandküste herüberwinkt, läge nicht komplett verkehrt. Die Serie würde in ihrer Idee und teils sogar in ihrer Tonalität auch gut nach Maine passen.
Der Bürgermeister Tom Loftis, will die arg vor sich hin dümpelnde Insel, wirtschaftlich nach vorne bringen, in dem er den Tourismus steigern will und mehr Leute auf die Insel aufmerksam machen. Er schafft es sogar einen wichtigen Journalisten einer New Yorker Zeitung auf die Insel einzuladen, der im besten Fall einen wohlwollenden Bericht darüberschreiben soll. Dumm nur, wenn man auf einer verfluchten Insel lebt, die einem natürlich zum falschen Zeitpunkt den Spaß verdirbt, indem sie gerade jetzt anfängt, gegen die Bewohner vorzugehen.
Nicht nur das die Geschichte so spannend erzählt ist, dass man unbedingt sehen will, wie es in der nächsten Folge weitergeht, was auch dazu führte, dass ich die Staffel deutlich schneller durchhatte als die meisten Serien, nein die Serie schafft es auch eine passende Atmosphäre auf kleinstem Inselraum zu erzeugen, die irgendwo zwischen Ungewissheit, Beklemmung und Amüsement flaniert.
Der heikle Punkt des Humors und des damit einhergehenden Amüsements, für den kann ich gleich eine Entwarnung geben. Die Serie sieht sich nicht als Komödie. Aber man sollte mit schrägen Figuren klarkommen, die in manchen Situationen und Dialogen, durchaus auch mal ins Alberne abrutschen können, nur geschieht dies dezent, oft in Nebensätzen und untergräbt nie den Ernst der Lage, sondern bietet nur eine weitere Unterhaltungsebene.
So gab es innerhalb der zehn Episoden oft Gespräche zwischen Figuren, in denen plötzlich am Rande eine Info oder eine Situation erzählt bzw. erklärt wird, wo ich mir nur dachte… häh, haben die das jetzt echt gerade gesagt?!?
Befeuert wird das vor allem von dem herrlich gutgelaunten Cast, der seiner Spiellaune freien Lauf lässt und man merkt den Darstellern an, dass sie mit dem ganzen Projekt ihren Spaß hatten.
Allen voran natürlich Hauptdarsteller Matthew Rhys, als etwas überforderter Bürgermeister, der eigentlich nur die Stadt verbessern will und der von einer stressigen Situation in die nächste Hürde rutscht. Ein Problem gelöst, drei neue tauchen auf, das kennt man ja.
Der darf sich dann im Laufe der Geschichte mit all den verschiedenen Inselbewohnern und Besuchern herumschlagen. Manche sind hilfreich, andere einfach nur schräg, wieder andere untergraben seine Autorität. Es gibt ein ganzes Sammelsurium und die so ziemlich die meisten haben eine Berechtigung und ihren kleinen Anteil an der Geschichte, incl. fahrradfahrender Leuchtturmwärter.
Mein Favorit unter dem ganzen Reigen ist aber Kate O’Flynn als Patricia, die hier eine leicht schräge Ü40jährige spielt (das Thema wird öfter mal aufgegriffen), die im Rathaus arbeitet und sich einige der besten Dialoge mit Bürgermeister Loftis liefert, mit fortlaufender Episodenanzahl arbeitet sie dann auch mit ihm zusammen, wenn die „Situation“ immer mehr eskaliert. Die Rolle ist so herrlich schräg und verschroben, manchmal eben auch aus der Situation, oder beiläufig albern inszeniert, da konnte ich gar nicht genug davon bekommen. Seltsam das ich über die britische Darstellerin bisher noch nie gestoßen bin, außer wohl in einer kleinen Rolle in „Bridget Jones‘ Baby“ und in „Happy-Go-Lucky“, aber ansonsten haben es ihre Aktivitäten wohl nicht zu uns aufs Festland geschafft.
Die Story mag jetzt nicht bahnbrechend neu sein, aber sie ist gut erzählt, hat einen angenehmen Erzählfluss und bietet genug Twists und Verwirrungen, um die Serie Folge für Folge spannend zu halten.
Außerdem bietet die Serie wie eingangs erwähnt, neben seiner Mystery-Story auch immer wieder einen guten Anteil an Horror-Einlagen, die noch nicht mal wirklich zimperlich daherkommen, solange man hier keinen „Splatter/Gore“ erwartet.
Aus offensichtlichen Spoilergründen will ich hier nicht weiter auf Story oder Horror eingehen, man geht hier am besten komplett unbedarft an die Serie heran, das sollte dann den größten Spaßfaktor bieten.
Was keinen Spoiler darstellen sollte, ist die Tatsache, dass die Serie mit einem Cliffhanger endet und bereits bekannt ist, dass Apple hier eine zweite Staffel in Auftrag gegeben hat.
Heute muss man auch betonen, weil es leider inzwischen eher die Ausnahme darstellt, das die Serie sich auch komplett auf seine Story und all die Figuren konzentriert, ohne wieder eine der offensichtlichen Agendas zu verfolgen oder diese dem Zuschauer mit dem Holzhammer einhämmern will. Chapeau!
Apple liefert mal wieder hochklassige Qualität, wie eigentlich meist zu erwarten und mit „Widow’s Bay“ nicht nur ein aktuelles Serienhighlight, sondern wahrscheinlich die beste neue Serie des Jahres. Famos!


