
Bewertung: 3 / 5
Wenn Martin Scorsese und Steven Spielberg gemeinsam als ausführende Produzenten auftreten und Amy Adams und Javier Bardem die Hauptrollen spielen, sind das genügend Gründe, zumindest mal einen Blick zu riskieren. Gemeinsam bringen sie mit Kap der Angst ein Serien-Remake des gleichnamigen Scorsese-Thrillers von 1991 nach Apple TV. Das klingt nach zehn Episoden kaum auszuhaltender Spannung. Doch trägt sich das Konzept auch über diese lange Laufzeit?
Kap der Angst Review
Ein Sturm zieht auf für das glückliche Anwaltsehepaar Anna (Amy Adams) und Tom Bowden (Patrick Wilson). Denn als der berüchtigte Mörder Max Cady (Javier Bardem), den sie vor Jahren hinter Gitter gebracht hatten, aus dem Gefängnis entlassen wird, sinnt dieser auf Rache. Plötzlich ist nichts mehr normal im Leben der Anwaltsfamilie und unliebsame Geheimnisse aus der Vergangenheit dringen an die Oberfläche.
Trailer zu Kap der Angst
Vom Roman bis zur Serie
Die Serie Kap der Angst ist tatsächlich schon das zweite Remake, denn auch Martin Scorseses Film aus dem Jahr 1991 war bereits ein Remake des gleichnamigen Originals von 1962. Sie alle basieren zudem auf dem Roman The Executioners von John D. MacDonald, welcher bereits im Jahr 1957 erschien. Jeder der Filme nahm sich hier und da ein paar Freiheiten heraus, um gewisse Aspekte der Vorlage zu ändern. Die Grundstory blieb aber immer dieselbe.
Die Serienadaption ist diesbezüglich eine wilde Mischung. In den bisherigen Verfilmungen z.B. kam der Sohn der Bowdens nicht vor, nur die Tochter. In der Serie spielen jedoch beide eine Rolle, wenngleich sie sich charakterlich stark von der Vorlage unterscheiden und fast schon als neue Figuren zu werten sind.
Im Roman war Sam Bowden (in der Serie in Tom umbenannt) zudem der Staatsanwalt, in den beiden Verfilmungen jedoch der Verteidiger von Max Cady. Die Serie hat es geschafft, hier beide Versionen unterzubringen. Denn zum einen war Tom Bowden der Staatsanwalt in dem Prozess gegen Cady, und zum anderen war Anna (damals noch nicht Bowden) Cadys Verteidigerin.
Die Änderung der Namen der Bowdens zeigt zudem, dass man den grundsätzlichen Ansatz etwas geändert hat. Hier in der Serie sind sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau Anwälte und beide waren in den Cady-Prozess involviert, weswegen Cady auch einen Hass auf beide entwickelt hat, nicht nur auf einen. Der Konflikt ist noch einmal größer, zumal auch der eigentliche Prozess im Laufe der Serie eine wichtigere Rolle spielt. Denn wenn Anna und Tom bereits während des Prozesses insgeheim eine Beziehung miteinander führten, heißt dies, dass es zwischen den beiden womöglich eine gerichtliche Absprache gab, und das zu Cadys Ungunsten? Auch an diesem Punkt sieht man, dass die Serie sich in Teilen sogar stark vom Roman und den bisherigen Verfilmungen entfernt und ihr eigenes Ding macht. Wir bezweifeln jedoch, dass dies eine gute Entscheidung war.
Zu aufgebläht?
Dies waren nur wenige Beispiele an Änderungen, die man im Vergleich zum Roman oder den bisherigen Filmen vorgenommen hat. Wenn man die Geschichte eines Romans, die bislang gut in zwei Stunden verfilmt werden konnte, auf insgesamt zehn Episoden streckt, müssen diese natürlich auch mit Inhalt gefüllt werden. Aber vielleicht war es ja gar keine so gute Idee, daraus gleich zehn Episoden zu machen? Denn hier ist der Punkt, an dem es kritisch wird und wir leider Probleme mit der Serienadaption bekommen haben.
Dass man sich Freiheiten herausnimmt und das Ganze um neue Aspekte erweitert, ist dabei kein Problem. Gerade die Figur des Max Cady gibt einiges an Potenzial her, und sicher nicht nur wir hätten in der Scorsese-Verfilmung gerne noch mehr von Robert De Niro in der Rolle gesehen. Leider schafft es die Serie nicht ganz, durch die vielen Änderungen eine wirklich glaubwürdige Geschichte zu erzählen, und es werden auch zu viele neue Figuren erschaffen und hier hineingeworfen. Man wollte schlicht viel zu viel und hat sich am Ende etwas verrannt.
Statt sich schlicht auf den Racheplot rund um Max Cady zu konzentrieren, hat man jetzt z.B. noch einen Sohn mit stark psychischen Problemen als Storyline. Oder eine Tochter, die sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlt und eine dicke Existenzkrise durchmacht. Dann wären da noch die Eheprobleme der Bowdens, Tom, der zu sehr mit einer Kollegin flirtet, und Anna, die mit Alkoholproblemen zu kämpfen hat. Ach ja, einen drogensüchtigen Großvater mit krimineller Vergangenheit gibt es natürlich auch noch. Plus die üblichen Familiengeheimnisse, die im Laufe der Episoden ans Tageslicht kommen. Und das sind nur die Bowdens! Es gibt noch weitere Storylines anderer Figuren im Verlauf der Serie. Da fragt man sich doch fast, wo da überhaupt noch Platz sein soll für den ganzen Max Cady-Recheplot. Vielleicht versteht ihr, wo hier unser Problem liegt. Es ist nicht nur zu viel, es wirkt alles auch einfach unglaubhaft übertrieben. Die Serie schrammt hier knapp an der Lächerlichkeit vorbei.
Kap der Angst ist einfach zu vollgestopft mit neuen Storylines und Figuren, womit man sich zu sehr vom Roman entfernt. Würde dies alles funktionieren, könnte man die Macher dafür feiern, leider tut es das aber eben nicht. Und es ist ebenfalls nicht hilfreich, wenn die einzelnen Figuren sich dann auch noch oft schlicht sehr dämlich anstellen. Nicht nur, aber vor allem die beiden Kinder haben oft unsere Nerven ordentlich strapaziert. Es gibt kaum eine Figur, die nicht im Verlauf der Episoden dumme Entscheidungen trifft oder fragwürdige Handlungen vollzieht, wo man sich als Zuschauer nur an den Kopf fassen kann. Viele der Handlungen sind zudem einfach unglaubwürdig und nicht nachvollziehbar.
Wir würden gerade bei diesen Punkten natürlich gerne noch weiter in die Details gehen, doch aus Spoilergründen können wir dies nicht und müssen vieles schlicht angedeutet lassen.
Darstellerische Glanzleistungen
Das klingt jetzt alles nach einer einzigen, großen Enttäuschung. Und das große Meisterwerk ist Kap der Angst auch aufgrund unserer Kritikpunkte für uns nicht geworden. Aber die Serie ist weit davon entfernt, eine Katastrophe zu sein. Und langweilig ist sie ebenfalls ganz und gar nicht. Da, wo Schatten ist, da ist auch Licht, und wir können der Serie viel Gutes abgewinnen. Als allererstes und größten Pluspunkt muss da der herausragende Cast erwähnt werden.
Anders als in der Vorlage und den Vorgängern ist hier nicht Herr Bowden, sondern Frau Bowden der Hauptcharakter der Geschichte, und Amy Adams spielt es grandios. Wenngleich uns ihre Anna Bowden (wie fast alle Figuren) auch oft auf die Nerven ging, ist das Schauspiel von Adams über jeden Zweifel erhaben. Inzwischen sollte jeder mitbekommen haben, wozu sie schauspielerisch fähig ist, und wenn nicht oder falls noch Zweifel bestehen, lohnt sich allein dafür ein Blick in die Serie.
Patrick Wilson in der Rolle des Tom Bowden kann da nicht ganz mithalten, aber auch er spielt seine Rolle ordentlich. Und auch der Rest des Casts fällt nicht negativ auf. Schauspielerisch gibt es hier schlicht nichts zu meckern. Die Darsteller können immerhin nichts dafür, dass ihre Figuren teils übertrieben nervig inszeniert werden.
Der Star der Geschichte ist aber natürlich Max Cady und mit der Besetzung dieser Rolle fällt oder gelingt die Umsetzung. Zum Glück hat man sich für Javier Bardem entschieden, der eine brutal starke Vorstellung abliefert, die selbst einen Robert De Niro schnell vergessen werden lässt. Seine physische Präsenz und seine Ausstrahlung in dieser Rolle sind geradezu unheimlich, aber auch elektrisierend. Es ist eine kompromisslose Darstellung, die Bardem hier abliefert, bei der es einfach zu jeder Zeit Spaß macht, zuzusehen.
Hochwertige Produktion
Eben auch aufgrund dieser wirklich tollen darstellerischen Leistungen, vor allem von Adams und Bardem, ist es schade, dass deren Konflikt bei all den anderen Storylines und Figuren zwischendurch beinahe schon in den Hintergrund gerät. Die Serie verläuft sich einfach immer wieder, statt den Fokus klar auf den eigentlichen Konflikt zu legen. Und die manchmal nicht nachvollziehbaren Handlungen mancher Figuren nehmen einem etwas den Spaß an den hervorragenden Leistungen.
Auch abseits der Darsteller haben wir es bei Kap der Angst erneut mit einer sehr hochwertigen Apple-Produktion zu tun, bei der so ziemlich alles stimmt. Sei es die Ausstattung oder die Kamera – einfach alles ist top. Und auch die aus dem Vorgänger bekannten musikalischen Klänge dürfen natürlich nicht fehlen. Wären die von uns genannten Kritikpunkte nicht, gäbe es bei Kap der Angst kaum etwas zu meckern.
Auch die Inszenierung ist zu großen Teilen gelungen und man hat sich hier immer wieder von Scorsese und dem, was dieser in seiner Verfilmung 1991 gemacht hat, inspirieren lassen. Gleichwohl ist es aber auch ungewöhnlich, dass man sich stilistisch so sehr an den Film orientiert und sich gleichzeitig so sehr von ihm wie auch vom Roman entfernt. Ebenfalls ist die vor allem immer wieder übertriebene Inszenierung, gepaart mit den von uns bereits erwähnten Kritikpunkten, ein Problem der Serie.
Wir können diese Kritikpunkte leider nicht ignorieren. Jeder hat so seine ganz eigenen Punkte, die einen zur Weißglut bringen können. Was dies betrifft, hat die Serie bei uns leider die passenden Knöpfe gedrückt, und das auch noch viel zu oft. Übertrieben inszenierte Figuren, Charaktere, die unlogische und nicht nachvollziehbare Sachen tun, obwohl sie es doch eigentlich besser wissen müssten - es gibt vieles an der Serie, was uns den Blutdruck hochgetrieben hat. Und darunter hat dann auch der Gesamtspaß gelitten.
Fazit
Eine bekannte Vorlage, mit Martin Scorsese und Steven Spielberg prominente Namen hinter dem Projekt, mit Amy Adams und Javier Bardem Top-Schauspieler, die grandiose Leistungen abliefern, und das alles eingerahmt in eine erneut hochwertige Apple-Produktion. Kap der Angst macht vieles richtig und man kann auch durchaus Spaß mit der Serie haben.
Leider funktioniert aber nicht alles. Die Geschichte wurde unnötig aufgebläht mit zu vielen Storylines und Figuren. Zudem durchzogen von fragwürdigen Handlungen der oft auch übertrieben inszenierten Figuren, bei denen man sich als Zuschauer nur an den Kopf fassen kann, oder den Bildschirm anbrüllt. Die Serie steht sich leider zu oft selbst im Weg und mindert dadurch den Unterhaltungsfaktor, der ansonsten durchaus vorhanden ist.
Was bleibt, ist eine Thriller-Serie, die dank vieler neuer Elemente selbst für Kenner der Vorlage spannend sein dürfte und vor allem dank der tollen Darsteller durchaus sehenswert ist. Die Serienadaption von Kap der Angst ist nicht perfekt, aber doch unterhaltsam genug, um einen Blick zu riskieren. Und elektrisierend genug, um dann auch bis zum Ende dranzubleiben.


