
Bewertung: 4 / 5
Der große Irrtum oder auch Der Konformist ist ein Film des italienischen Regisseurs Bernardo Bertolucci und überwiegend in den 1930er Jahren in Italien und Frankreich angesiedelt. Diese Kritik ist spoilerfrei.
Marcello Clerici arbeitet in den 1930er Jahren für die italienische Geheimpolizei. Er erhält den Auftrag, seinen ehemaligen Professor zu liquidieren. Um das zu tun, reist er mit seiner naiven Frau Giulia nach Paris. Dort angekommen trifft Marcello nicht nur auf den Professor, sondern auch auf dessen deutlich jüngere Frau Anna. Diese durchschaut Marcellos Absichten und beginnt, mit Giulia zu flirten.
Die kurze Handlungsbeschreibung ist stark vereinfacht. Bernardo Bertolucci hat mit Der große Irrtum einen beeindruckenden Film gedreht, der sich einerseits mit Faschismus und Systemtreue beschäftigt, andererseits aber auch die sexuelle Identität zu einem ganz entscheidenden Thema macht. Die Handlung verläuft bereits zu Beginn nicht chronologisch und baut so nach und nach ihre komplexen Figuren auf. Teilweise wird auf Marcellos Jugend in den 1910er Jahren zurückgeblickt.
Was an Der große Irrtum zunächst beeindruckt, ist die wahnsinnig starke Kameraarbeit sowie die wundervoll atmosphärischen Drehorte. Die Kamera ist sehr ruhig, verweilt lange auf ihren Einstellungen und entfaltet dadurch eine intensive Wirkung. Begleitet wird das Geschehen von einer ebenso einprägsamen musikalischen Untermalung. Insbesondere in der ersten Hälfte des Films wird stark mit diesen visuellen Mitteln gearbeitet, um auch die Verlorenheit der Figuren zu symbolisieren. Ein Großteil der Handlung spielt letztlich in Paris und auch die französische Hauptstadt ist wunderbar eingefangen.
Neben den handwerklichen Aspekten werden die Figuren, insbesondere die Hauptfigur, immer wieder mit ihrer sexuellen Orientierung konfrontiert. Dass Regisseur Bertolucci diesem Thema aufgeschlossen gegenüberstand, zeigte er unter anderem in Filmen wie Der letzte Tango in Paris oder Die Träumer. Hier geschieht das deutlich subtiler, aber nicht weniger intensiv. Dabei werden sowohl homosexuelle Beziehungen zwischen Männern als auch zwischen Frauen thematisiert.
Schauspielerisch sind wir, passend zur Handlung, italienisch und französisch unterwegs. Die Hauptrolle übernimmt Jean-Louis Trintignant. Ihm zur Seite oder gegenüber stehen Stefania Sandrelli, Dominique Sanda oder Enzo Tarascio. Bei der Berlinale 1970 wurde Der große Irrtum ausgezeichnet, zudem erhielt Bernardo Bertolucci als Drehbuchautor eine Oscarnominierung.
Ein weiterer Aspekt des Films ist die Zeit des Faschismus und die Frage, wie systemtreu Menschen sind. Stehen sie für das ein, woran sie glauben? Unterdrücken sie bestimmte Empfindungen? Und sind sie bereit, Befehle auszuführen?
Der große Irrtum kommt teilweise etwas sperrig daher, entpuppt sich jedoch als komplexe psychologische Studie und ist darüber hinaus handwerklich herausragend umgesetzt. Wer dem Arthouse-Kino nicht abgeneigt ist, sollte hier ruhig einen Blick riskieren.


