
Bewertung: 4.5 / 5
Da ist er nun also, der langersehnte neue Film von Christopher Nolan. Der inzwischen oscarprämierte Regisseur hat sich mit einer Adaption von Homers Odyssee einer mehrere tausend Jahre alten griechischen Mythologie angenommen. Trotz einiger vorhandener Filmadaptionen macht Nolan mit Die Odyssee etwas völlig Neues. Was für Nolan wiederum gar nicht so neu ist. Diese Kritik ist spoilerfrei.
Odysseus, König von Ithaka, ist mit in den Trojanischen Krieg gezogen, welcher sich zehn Jahre lang hinzog. Durch seine List konnten die Mauern überwunden und der Krieg gewonnen werden. Doch die einfache Heimkehr bleibt ihm verwehrt und so braucht es zehn weitere Jahre, bis er wieder den gefährlichen Weg nach Hause findet. Während er und seine Männer diese Gefahren überstehen müssen, wird sein Haus auf Ithaka von Freiern belagert, die nach seinem Thron streben.
Trailer zu Die Odyssee
Kritik
Die Odyssee, wen könnte es überraschen, läuft nicht chronologisch ab. Aber bevor die Ersten die Augen verdrehen, sei gesagt, dass Homers Mythologie ebenfalls nicht geradlinig erzählt wird. Auch die Verfilmung von 1954 gestaltet sich überwiegend als Nacherzählung. Anders als in Dunkirk, Tenet oder Inception macht Nolan mit diesem stilistischen Mittel keine verrückten Experimente. Der Ablauf und die zeitliche Einordnung ist jederzeit klar erkennbar.
Trotzdem macht Die Odyssee schnell klar, dass er anders ist als die bisherigen Filmadaptionen von Homers Geschichte. Viele Schauplätze sind dunkel gehalten, es wird mit natürlichem Licht gearbeitet. Das erzeugt eine durchgehend stimmige Atmosphäre. Auf Ithaka selbst gibt es nicht nur Konflikte zwischen Penelope und den Freiern, auch Odysseus Frau und ihr Sohn Telemachos haben starke Meinungsverschiedenheiten. Anne Hathaway hat keine ausufernden Präsenz, aber in ihren Szenen zeigt sie eine eindrucksvolle Mimik, die unter die Haut geht. Deutlich größer ist die Rolle von Tom Holland als Sohn des Odysseus. Holland kann schauspielerisch einmal aus dem Marvel-Kosmos ausbrechen.
Allein die Konflikte zwischen Penelope und Telemachos machen deutlich: Das ist eine sehr raue Verfilmung. Dieser raue Ton wird in den ersten beiden Stationen von Odysseus Reise nach Hause fett unterstrichen. In der einen bekommen wir für einen kurzen Moment ein eiskaltes Horrorszenario serviert. Auf einer weiteren Insel gibt es Szenen, die an Bizarrheit kaum zu überbieten sind. Bei beiden fallen bekannte Inhalte der ursprünglichen Geschichte weg. Das kann zunächst verwundern, aber für das, was der Film erzählen mag ist das absolut nachvollziehbar. Denn Die Odyssee macht sehr früh deutlich, dass bisherige Filmadaptionen im Vergleich wie lockere Abenteuer- oder gar Kinderfilme daherkommen. Das begründet sich vor allem mit Nolans Bildsprache, seiner Inszenierung und den inhaltlichen Schwerpunkten. Eine ausufernde Brutalität bleibt aus, sodass die ab 12 Jahren Altersfreigabe absolut nachvollziehbar ist.
Begleitet wird das Filmgeschehen von der Musik von Ludwig Göransson. Der experimentelle Komponist hat sich auch hier wieder selbst übertroffen, recherchiert, wie Musikinstrumente in der Antike ausgesehen haben könnten, diese nachgebaut und damit gearbeitet. Insbesondere während der Odyssee haben diese Töne eine stark irritierende Wirkung und können einen etwas verrückt machen, was im Kontext der Erzählung absolut Sinn ergibt. Manche Rhythmen kommen einem dabei trotzdem aus vorherigen Nolan-Filmen bekannt vor. Nicht ganz innovativ, aber es funktioniert. Später werden auch klassische Themen aufgegriffen, welche wir teilweise schon durch die Trailer kennengelernt haben. Diese verleihen dem Film eine epochale Wirkung.
Neben der Musik wird der Film von einer beeindruckenden Soundkulisse begleitet. Die Odyssee ist ein sehr lauter und wuchtiger Film. Visuell gibt es ebenfalls einiges zu bieten. So sieht der Film in seiner gesamten Szenerie hervorragend aus, hat wertige Kulissen und Requisiten. Selbst fantasievolle Elemente werden ohne offensichtliche CGI-Effekte beeindruckend zum Leben erweckt.
Auf Ithaka brilliert vor allem Anne Hathaway, im Fokus steht in dieser Geschichte aber natürlich Matt Damon als Odysseus. Dieser hat zunächst physisch starke Arbeit geleistet. Sehen wir ihn teilweise bestens trainiert (der Mann ist immerhin 55 Jahre alt), gibt es auch Einstellungen, in denen er abgemagert daherkommt. Schauspielerisch liefert Damon über weite Strecken solide ab, hat seine stärksten Momente jedoch erst gegen Ende des Films.
Dafür können weitere Frauen mit kleineren Rollen beeindruckende Leistungen erzielen. Samantha Morton etwa hat eine Szene, die vermutlich mit am stärksten in Erinnerung bleibt und über die noch öfter zu reden sein wird. Lupita Nyong’o ist in einer kurzen Doppelrolle als Helena und Klytaimnestra zu sehen. Ihre starken Dialoge treffen dabei mitten ins Herz. Die Erzählung des Films wird vor allem von starken Frauenrollen begleitet, auch wenn Charlize Theron als Kalypso ein zweckmäßig daher kommt. Gut möglich dass der Gehalt ihrer Rolle etwas der Laufzeit zum Opfer fiel. Zendaya ist als Göttin Athene für Odysseus ein Leitbild und bildet allein durch ihre dosierte Präsenz einen Ankerpunkt der Geschichte.
Neben Odysseus selbst hat vor allem Himesh Patel als Eurylochos auf Odysseus Reise am meisten zu tun. Er sowie der Rest der Crew erledigen das solide, bleiben aber Randerscheinungen. Ebenfalls wurde viel über Elliot Page geschrieben. Seine kleine Rolle taucht immer wieder auf und er ist absolut passend besetzt worden. Seine schmächtige Erscheinung hat erzählerische Bewandtnis. Neben Theron fällt fällt Robert Pattinsons Antinoos ein bisschen ab. Nicht wegen Pattinson selbst, sondern weil Die Odyssee nicht die ganz großen Pläne mit ihm hat. Was aber auch wieder an der Intention des Films liegen könnte.
Die knapp drei Stunden Laufzeit merkt man tatsächlich kaum. Wie für einen Nolan-Film typisch ist er schnell geschnitten. Das vermeidet Längen, jedoch hätte man manche Szenen durchaus länger ausspielen können. Aber dann wäre man vermutlich bei deutlich über drei Stunden gelandet.
Die große Stärke des Films wird bereits in einer Szene im Mittelteil angedeutet und kurz vor dem Finale im stärksten Teil des Films ausführlich dargelegt. Es ist der Teil, in dem Die Odyssee mit Heldenfiguren bricht und sogar Bögen von der knapp 3000 Jahre alten Geschichte bis in unsere Zeit spannt. Absolut beeindruckend und mit ganz viel Interpretationswillen auch ein Spiegel in Richtung mancher Kritiker in den sozialen Netzwerken.
Im Finale werden dann genau diese Themen zu Ende ausgespielt und runden Die Odyssee zu einem stimmigen, epochalen Erlebnis mit starkem Arthouse-Charakter ab. Mit diesem Ton wird auch erklärt, warum manche Figuren etwas zu kurz kommen und es wenig spektakuläre Kampfszenen gibt, die sich vielleicht das Popcornpublikum gewünscht hätte.
Stilistisch mag sich manches wiederholen, was man etwa in Interstellar oder in Tenet gesehen hat. Daher hat Die Odyssee vielleicht nicht die die einhundertprozentige Originalität, aber im Setting der anthiken Mythologie setzt das Werk seine Schwerpunkte durchaus auf beeindruckende Weise, die man zuvor auch bei Nolan nicht gesehen hat.
Fazit
Christopher Nolan hat mit Die Odyssee ein beeindruckendes Werk erschaffen, das sich deutlich stärker in Richtung Arthouse- als in Richtung Blockbusterkino bewegt. Er hat der Geschichte von Homer eine Filmadaption beschert, die weniger an einen Abenteuerfilm erinnert als vielmehr an eine reife, ernste und teilweise bizarre Selbstreflexion. Das Ganze, verpackt in perfekter Bild- und Tonsprache, kann im Kino ein unglaubliches Erlebnis sein.


