
Bewertung: 2 / 5
Es scheint manchmal so, als habe Netflix gar kein Interesse daran, regelmäßig gute Filme zu veröffentlichen. Der neue Sci-Fi-Thriller The Last House bestätigt diesen Eindruck. Denn was als zumindest halbwegs spannende Idee startet, verläuft sich ganze 70 Minuten lang in einem dürftigen Familiendrama, nur um die letzten 40 Minuten das gesamte Budget in die Monster zu stecken. Die Geschichte bleibt dabei aber völlig auf der Strecke.
The Last House Kritik
Jason Delgado (Wagner Moura), leidenschaftlicher Angler, beobachtet an einem Morgen ein nahendes Unwetter, obwohl die Wetterberichte Sonnenschein vorraussagten. Daher kehrt er zu seinem Haus zurück, in dem er mit Mutter Riley (Greta Lee), Sohn Graham (Noah Alexander Sosnowski als 12-Jähriger, Gabriel Borbosa als 17-Jähriger) und Tochter Ruth (Riley Chung als 8-Jährige, Emma Ho als 13-Jährige) lebt. Als die Familie mit dem Hund Gassi gehen will, stellt sie fest, dass jegliche Türen und Fenster sich nicht mehr öffnen lassen. Selbst das Zerschlagen der Scheiben funktioniert nicht. Zeitgleich fallen Internet- und Telefonverbindungen aus. Ihren Nachbarn geht es ähnlich und so kommunizieren sie über Schreibtafeln, doch nach und nach sterben diese aufgrund fehlender Nahrungsvorräte oder medizinischer Versorgung. Die Familie muss nun in den eigenen vier Wänden ums Überleben kämpfen.
Trailer zu The Last House
Fokus auf die Familiendynamik
Wenngleich die Zuschauer aufgrund des Marketings bei The Last House mit einem Horror- oder Survial-Thriller rechnen dürften, sind die ersten 70 Minuten ziemlich harmlos. Wobei "harmlos" hier eher ein netteres Wort "langweilig" ist. Denn Regisseur Louis Letterrier (Fast & Furious 10) entscheidet sich dazu, erstmal eine Familiendynamik aufbauen zu wollen. Zugegeben, die Idee eine Familie in einer solchen Ausnahmesituation zu sezieren und zu analysieren, klingt erstmal vielversprechend. Nur braucht es dafür auch Figuren, bei denen sich das lohnt.
Am ehesten funktioniert das noch beim Vater. Das allerdings lediglich aufgrund von wenigen Momenten, die im Finale zusammenkommen und einen durchaus klugen Ansatz bieten: Ab welchem Moment wird der Versuch, die Familie zu schützen, zu Gewalt gegenüber anderen? Dieser Ansatz wird jedoch ohne Aufarbeitung und so plumb wie möglich verworfen, während er vorher überhaupt keine Rolle spielt. Praktischerweise verdeutlicht uns Netflix diesen Gedanken mit Rückblenden, falls wir während der vorherigen 70 Minuten eingeschlafen sein sollten oder unsere Aufmerksamkeit spannenderen Dingen gewidmet haben sollten.
Denn ja, wir haben es bereits angedeutet, aber 70 Minuten fühlen sich bei diesem Film extrem lang an. Wir haben uns beim Ansehen mehrfach dabei erwischt, wie wir nachgeschaut haben, wann es denn endlich zu Ende ist. Und gleich mehrfach lag die verbleibende Laufzeit noch bei mehr als einer Stunde. So oft, dass wir uns zwischenzeitlich gefragt haben, ob wir in einem Zeitloch gefangen sind.
Oh wie praktisch, ein Nahrungsmittelvorrat
Dem Konzept, uns das langsame Zerfallen der Familie zu zeigen, steht dabei auch alles Mögliche im Weg. Denn im Gegensatz zu den Nachbarn sind die Delgados trotz finanzieller Engpässe (Vater Jason ist arbeitslos) besten auf eine Apokalypse vorbereitet. Nahrung für einige Monate, Medizin für den Hund und zwei DVDs sowie eine prächtige Schallplattensammlung. Da ist es auch noch wirklich nett von den seltsamen Wesen, die immer mit dem Regen kommen, dass sie zwar Internet- und Telefonleitungen blockieren und verhindern, dass Menschen ihre Häuser verlassen können, die Strom- und Wasserversorgung aber ein halbes Jahr lang ohne Einschränkungen weiterlaufen lassen.
Wie genau Kraftwerke ohne Personal in Betrieb bleiben können, wäre ein bisschen egaler, wenn hier nicht alles so unglaublich langatmig wäre. Aber während die Geschichte 70 Minuten lang nichts anderes tut, als uns das Überleben der Familie mit exakt zwei Zwischenfällen zu zeigen, denkt man eben ein wenig nach. Etwas, dass die Drehbuchautoren offenbar weniger getan haben.
Die Überlebensstrategien sind zudem nicht neu, das hat man alles schon gesehen. Die Mutter kann der Familiendynamik wenig geben, da sie hauptsächlich funktionieren muss. Der Sohn und die Tochter sollen für ein paar Lacher sorgen, bleiben aber auch blass. Es gibt sogar eine fröhliche Tanzszene. Damit die ersten 70 Minuten hätten funktionieren können, müsste der Film viel härter mit seinen Figuren und sie nicht so positiv lassen. Denn sechs Monate lang scheint es der vierköpfigen Familie einfach ziemlich gut zu gehen.
Hübsches Monsterdesign
The Last House nimmt die letzten 40 Minuten schließlich ein wenig Fahrt auf, aus dem Nichts heraus haben die Monster plötzlich Interesse an der Familie gefunden. Vorher gibt es aber noch einen Zeitsprung von fünf Jahren, in denen offenbar Spannendes passiert ist, denn mittlerwiele ist Sohn Graham vom reinen Überleben ohne Chancen auf Besserung genervt, was endlich zu Auseinandersetzungen führt. Nebenbei wird Riley lebensbedrohlich verletzt, was die Eltern zum Handeln zwingt, während sich wie gerufen eine Möglichkeit ergibt, aus dem Haus zu kommen.
Jetzt geht es Schlag auf Schlag, wir sehen die Monster erstmals, woraufhin gleich ein Plan geschmiedet wird, diese zu bekämpfen. Das Design der Wesen ist überraschend hochwertig und eigentlich ganz cool. Offenbar ist hier das Budget reingeflossen, von dem es aber auch nur begrenzt viel gab. Denn nach 30 Minuten ist es mit dem bisschen an Spannung auch schon wieder vorbei. Alles passiert jetzt ganz schnell, für Erklärungen ist keine Zeit und die Charaktere haben sich ja im Zeitsprung fertig entwickelt. Die Stimme aus dem Off sagt noch ein paar philosophisch klingende Dinge, sodass man den Film irgendwie als Kritik an der Zerstörung der Weltmeere lesen kann und fertig ist das Ding.
Es gibt dennoch zwei positive Dinge zu erwähnen. Sowohl Greta Lee als auch Wagner Moura spielen ihre Rollen der Eltern ziemlich gut, auch wenn das Drehbuch sicherlich nur begrenzte Möglichkeiten gegeben hat. Das fügt ein paar Momente zwischen den Zielen hinzu. Außerdem überzeugt uns das Setdesign, das Haus ist für so einen Film ziemlich cool gestaltet und auch die Entwickklung dieses über die Zeit hinweg ergibt Sinn. Es scheint fast so, als lebe das Haus mehr und passe sich natürlicher den Gegebenheiten an, als seine Bewohner selbst.
Fazit
An The Last House ist vor allen eines gruselig: die 110-minütige Laufzeit. Denn ganze 70 Minuten davon ist dieser Sci-Fi-Thriller eher ein Familiendrama, das aber nicht als solches ausgelegt ist und damit überhaupt nicht funktioniert. Fürs Finale wiederholt Netflix die wichtigsten Momente davon dann nochmal in Rückblenden, damit auch die, die zwischenzeitlich abgeschaltet haben, alles verstehen können. Was bleibt ist eine ermüdende Erfahrung, zwei gute Darstellerleistungen und ein überraschend gutes Monster- und Setdesign. Nur hilft das alles nicht, wenn wir uns den ganzen Film lang vor allem fragen, wann er denn endlich aufhört.


