
Bewertung: 4.5 / 5
Provokant. Obszön. Ja sogar blasphemisch. Das alles sind Attribute, mit denen das 1971 erschienen Historien-Melodram Die Teufel des britischen Filmemachers Ken Russel (Liebende Frauen) charakterisiert wird, welches damals, trotz einer geschnittenen Fassung, medial für Aufschreie sorgte. 55 Jahre später, genauer gesagt seit dem 29. Oktober, findet genau jenes Werk noch einmal den Weg in die heimischen Kinosäle, dieses Mal aber im von vielen geforderten, ungekürzten Directors Cut und in einer aufwendigen Restauration des Original-Negatives.
In dieser Kritik möchten wir ein für alle mal klären, ob der oft gepriesene Streifen filmisch gesehen tatsächlich das Maß aller Dinge darstellt und ob es Die Teufel auch heute noch schafft, sein Publikum inhaltlich und visuell herauszufordern.
Im Frankreich des 17. Jahrhunderts hält die Verfolgung der Protestanten durch den Katholizismus weiter Einzug und so möchte auch der machtgierige Kardinal Richelieu (Christopher Logue) seinen Einfluss im Land vergrößern. Ein Dorn im Auge ist ihm bei seinem Vorhaben der populäre Priester Urbain Grandier (Oliver Reed), der keinesfalles zulassen will, dass die Mauern seines Städtchens Loudun unter dem Druck der katholische Kirche zusammenfallen. Als die bucklige Ordensschwester Jeanne (Vanessa Redgrave), welche heimlich von Grandier besessen ist, gegen ihn aussagt, beginnt ein Schauprozess um die Anklage der Hexerei, der nicht nur das Schicksal des Priesters selbst, sondern auch das der gesamten Gemeinde besiegeln soll...
Kritik - Die Teufel (Directors Cut)
Es ist schon erstaunlich, welch einen Hype ein Film auslösen kann, der nicht nur einige Jahrzehte auf dem Buckel hat, sondern der zuvor mit seinem Nischencharakter wohl auch nur nerdigen Filmkennern ein Begriff war. Als Die Teufel im vergangenen Mai durch das neu formierte Independent-Label Clockwork von Warner Bros. angekündigte wurde passierte nämlich exakt das. Fünf Monate, einige Festialpremieren und ein Cannes-Debüt später, dürfen sich Cineasten selbst vom Heiligen Gral des Kinos überzeugen und wir können euch sagen: Das Warten hat sich definitiv gelohnt.
Der Look der Restauration ist nämlich beeindruckend. Es mag tatsächlich an ein Wunder grenzen, was man beim Einscannen des Films und beim Color Grading in pucto farblicher Detailverliebtheit erreicht hat. Starke Kontraste, eine knallbunte Farbpalette oder die hochwertige Qualität des Bildes selbst - optisch fällt kaum auf, dass Die Teufel schon 1971 erschienen ist und vermutlich würde man es ohne das Vorwissen auch nicht vermuten.
Was visuell ebenfalls begeistert, sind die riesigen Set-Kulissen (zum Beispiel gigantische Hamsterräder für Hugenotten), die nicht selten an aufwendige Theater-Inszenierungen erinnnern. So baute man in den Londoner Pinewood Studios sogar eine ganze Stadt, um die historische Authenzität zur damaligen Zeit auf ein neues Level zu bringen. Derek Jarman zeichnet sich für die popöse Gestaltung verantwortlich, die einen wie mit einer Zeitmaschine in eben jene Epoche versetzt, was man sonst nur von den epischen Monumental- und Kostüfilmen der 1960er-Jahre kannte. Auch die breit gefächerte Garderobe verdeutlicht einmal mehr, was damals trotz eines schmächtigen Budgets von 2 Millionen US-Dollar alles möglich war.
Inszeniert wird die oft in Fantasien abdriftende Geschichte mit einer gewissen Vorliebe zum Experimentellen. So verwendet Regisseur Ken Russel des Öfteren gerne ausgefallene Kameraperspektiven sowie Bewegungen, um etwa die sexuellen Vorstellungen von Schwester Jeanne adäquat, beispielsweise mit schnellen Zoom-ins, zu visualisieren.
Die Kamera hält dabei neben intimen Momenten auch bei WTF-Sequenzen oft drauf, obwohl man jene womöglich sogar noch mehr hätte ausspielen können, um den oft zitierten Schockfaktor vollends auzuschöpfen. Unser Highlight war dennoch die berühmte, und dieses Mal enthaltene, Rape of the Christ-Scene, die im puren Chaos gipfelt und filmisch definitiv seines Gleichen sucht. Vor allem die Art und Weise, wie die religiöse Hysterie auf die Leinwand gebracht wird, hinterlässt einen bleibenden Eindruck, was im Vergleich zu modernen Filmerlebnissen nur noch selten der Fall ist.
Der von Peter Maxwell Davies orchesterierte Score unterstützt das Sein des Films in jeder Hichtsicht und ist damit sehr variabel. So bekommen wir seichte, melodische Passagen bei gefühlvollen Szenen geliefert, während die Musik bei der aufgeheizten Orgie im starken Kontrast in ein fast unklassifizierbares Getöse ausartet.
Die Inszenierung lebt darüber hinaus auch von den starken Performances seiner beiden Hauptdarsteller. Oliver Reed spielt den charismatischen, wenn auch stetig sündigenden Priester Grandier mit vollster Überzeugung, der bis zum Schluss keinen Millimeter von seinem Standpunkt zurückweicht. Vanessa Redgrave gibt dagegen die Oberschwester des Ursulinenordens, Jeanne, die für ihre Gelüste sogar die schrecklichen Folgen für Grandier in Kauf nimmt und in einer makaberen Endszene ihr Ziel zu erreichen scheint. Ebenfalls hervorheben wollen wir den von Michael Gothard irre porträtierten Iquisitor Barre, der einem als wahnsinniger Handlanger des Kardinals Richelieu fast Angst macht.
Generell möchten wir an dieser Stelle betonen, dass Die Teufel erstaunlich aktuell ist und zeigt, dass es, wie Grandier im Gerichtsurteil gegen ihn vorträgt, nicht viel braucht, um mithilfe von Intrigen extreme politische Doktrinen durchzusetzen und in den Köpfen der Menschen zu festigen.
Fazit
Mit dem 114-minütigen Directors Cut von Ken Russels Die Teufel erwartet euch ein faszinierendes, ausgesprochen künstlerisches Melodram, das filmisch auf dem höchstem Niveau einzuordnen ist. Die authentische Set-Gestaltung, die prunkvollen Kleider sowie der eindringliche Score heben den Streifen von der Zeit seines Erscheines ab, welcher dank einer überaus ansprechenden Restauration optisch auch noch im Jahr 2026 in allen Belangen überzeugt.
Eventuell lässt sich der letzte Kick, der fehlt, um endgültig zu verstören, ein wenig bemängeln, allerdings ist dies reine Geschmackssache. Somit können wir die eingangs aufgeworfene Frage guten Gewissens bejahen und euch einen Kinobesuch zu diesem sehr unkoventionellen Filmgenuss nur ans Herz legen.


