
Bewertung: 4 / 5
[Spoiler] Eigentlich ist Spiderman 4 im Vorfeld ziemlich an mir vorbeigezogen. Während z.B. Fantastic Four bei mir persönlich mehr Aufmerksamkeit generieren konnten und dann demnächst Doomsday ansteht, war Brand New Day für mich eher "Ach so, der kommt auch noch". Vielleicht lag es daran, sich nach den vorherigen 3 Filmen ein wenig sattgesehen zu haben. Von daher hab ich auch eigentlich nicht vorgehabt, ins Kino zu gehen. Als es dann aber von diversen Kritikern hieß, der Film sei richtig stark geworden, hab ich doch noch schnell ein Ticket gelöst.
Auf dem Papier bietet der Film auch eine wirklich spannende Grundlage. Während die vorherigen Spiderman-Filme auch immer stark von Peters Freundschaften lebten, ist er jetzt auf einmal komplett alleine. Und da stellt sich natürlich die Frage, welche Auswirkungen diese Isolation auf Dauer auf eine so soziale Person wie Peter Parker hat.
Letztlich flüchtet sich Peter in die Arbeit und schwingt sich 24/7 durch New York, um Helden-Zeug zu machen, und geht tiefergehenden Kontakten aus dem Weg. Erholung ist dabei nebensächlich. Man kann nachvollziehen: Gesund ist das vermutlich nicht.
Immer wieder stalked er allerdings seine alten Freunde, MJ und Ned. Größtenteils via Social Media, aber dann begegnet er Ned und später MJ auf einmal wieder persönlich, ohne dass diese es wissen. Dabei wird diese Zerrissenheit deutlich. Dieses hohe Maß an immer noch vorhandenen Gefühlen und Freundschaft bei Peter, diese Chemie zwischen den Figuren, die aus dem Nichts einfach wieder da ist, als wäre nie was gewesen - aber auf der anderen Seite einfach diese unsichtbare Blockade, dem nicht weiter nachgehen zu können.
Um ein wenig zu springen: Am deutlichsten wird das in einer der vermutlich stärksten Szenen, als Peter MJ vor Jean Grey in Sicherheit bringen will. Diese schafft es allerdings doch, heimlich Besitz von MJ zu ergreifen, und tut so, als würde diese sich auf einmal doch an Peter erinnern. Es kommt zum Kuss, aus Peter bricht auf einmal alles heraus...und dann muss er feststellen, es war nur ein Trick von Jean. Gerade wegen der Emotionalität und weil man es den beiden als Zuschauer echt gewünscht hätte, war diese Verasche wirklich bitterböse.
Die bisherigen MCU-Filme waren nicht unbedingt unemotional. Aber gerade nach hinten hin fiel es den Filmen immer schwerer, einen als Zuschauer so wirklich damit zu packen. Ein wenig Schuld hat dabei auch immer wieder der berüchtigte Marvel-Humor. Da ist Spiderman 4 mit solchen Szenen endlich wieder ein absolutes Positiv-Beispiel.
Wobei der Humor natürlich nicht ganz verschwunden ist. Als Comic-Relief dient dabei Spideys neuer Freund: Der Punisher. Dieser sorgt mit seiner direkten und vulgären Art immer wieder für Lacher - zeigt aber auch den krassen Bruch im Leben von Peter. Von der heilen Welt mit Tony Stark als Mentor hin in die Unterwelt mit...nun ja...Punisher.
Wie "geerdet und erwachsen" der Film ist, zeigt am Ende übrigens auch der Abspann. Während diese bei den vorherigen Filme eher jugendlich, laut und bunt waren, zeigt man zum Abschied einfach ganz alltägliche Szenen aus New York. Für Marvel wirklich komplett ungewohnt und eine Art Liebeserklärung an die Stadt.
Anekdote am Rande: Obwohl dieser Film durch und durch New York ist, taucht in den Credits trotzdem wieder u.a. deutsche Filmförderung auf.
Jean Grey als Antagonistin ist dabei auch eine spannende Umsetzung. Wobei der Name erstmal keine Rolle spielt. Der wird vermutlich eher später irgendwann mal wichtig, aber für den Moment könnte sie auch einfach Person XY mit Superkräften sein. Das ist allerdings auch wirklich kein Problem. Was gut ist: Während man am Anfang noch denken könnte, hinter all dem steckt irgendwie ein Gangsterboss mit einer relativ generischen Motivation, ist Jeans Motivation am Ende dann doch sehr nachvollziehbar.
Und während ich lustigerweise bei der Kritik zu „The Odyssey“ gerade noch geschrieben hatte (Spoiler im Spoiler), dass das Finale letztlich auch wieder nur Problemlösung durch Gewalt ist, macht Spiderman 4 es genau anders. Der Konflikt wird durch Menschlichkeit gelöst.
Am Ende schafft es Band New Day dadurch, nicht alles schwarz-weiß wirken zu lassen. Und das sind immer die besseren MCU-Filme.
Aber!
Es gibt natürlich auch ein paar Kritikpunkte.
Mich persönlich hat beispielsweise diese "Mutation" von Spidey nicht so ganz überzeugt bzw. ich habe den Sinn nicht so ganz gesehen. Es wirkte auf mich etwas aufgesetzt/gezwungen und ich glaube, die mentalen Auswirkungen von Peters neuem Leben hätte man auch anders zeigen können, z.B. durch Panikattacken - die ein Stück weit einen Kreis zu seinem ehemaligen Mentor Tony Stark geschlossen hätten. Wäre das nicht poetisch gewesen?
Ob er jetzt aber seine Netze aus dem Körper heraus schießt, oder durch Technik, ob er noch bessere Sinne hat, oder noch mehr Kraft...das ist mir eigentlich ziemlich egal. Am Ende sind Figuren ja auch eh immer nur so mächtig, wie sie es gerade sein müssen. Also wird man den Unterschied auf Dauer nicht merken.
Hatte allerdings den Vorteil, dass man so Bruce Banner als Hulk einbauen könnte...was jetzt allerdings auch etwas unnötig war. Vor allem hatte ich den Eindruck, es hätte gewisse Entwicklungen, die Banner seit Age of Ultron gemacht hat, wieder rückgängig gemacht. Eigentlich war er sogar in Avengers 1 schon weiter, wo er sich bewusst in den Hulk verwandeln konnte und zielgerichtet als dieser kämpfen. Und dann hat er doch in Form von Professor Hulk eigentlich seinen Frieden/die Balance gefunden. Aber jetzt ist das alles auf einmal wieder so schlimm, dass er es via Technik unterdrücken muss...? Und dass er richtig Angst hat, sich in "den anderen Typen" zu verwandeln...? Das kam mir alles etwas befremdlich vor.
UND ich hatte das Gefühl, als hätte man Tom Holland etwas unnötig oft in möglichst wenig Kleidung rumlaufen lassen :D
Lange Rede, kurzer Sinn:
Auf dem Papier macht Band New Day eigentlich sehr viel richtig. Er zeigt, dass das MCU vor allem dann stark ist, wenn die Filme geerdeter sind und wenn die Schurken nicht zu platt sind.
Am Ende kommt aber noch ein großes Aber:
Ich merke bei mir selber, dass mich so ein Film vor ~5 Jahren noch mehr mitgenommen hätte. Da wäre es vermutlich eine 10/10 gewesen, weil er die meisten Kritikpunkte erfüllt. Irgendwie macht sich dann doch eine gewisse Superhelden-Müdigkeit bemerkbar, fürchte ich. Das ist natürlich ein ziemlich persönliches Problem, aber dadurch fällt es mir irgendwie schwer, den Film zu bewerten. Ich hoffe da mit 4 Hüten etwas Objektives getroffen zu haben.
Trailer zu Spider-Man - Brand New Day


