
Bewertung: 4 / 5
Da ist er endlich, der schon vor Release am heißesten diskutierte Film des Jahres.
In Anlehnung an die Moviejones-Kritik und evtl mit dem ein, oder anderen leichten Spoiler:
Manche kritisieren an dem Film, er sei zu unübersichtlich erzählt – die vielen Sprünge zwischen Troja, Ithaka und den Erinnerungen bei Kalypso hätten keinen erzählerischen Mehrwert und hielten den Zuschauer nur auf emotionale Distanz zu den Figuren. Für mich ergibt diese Struktur durchaus Sinn, weil Odysseus in Kalypsos Gefangenschaft seine eigene Geschichte noch einmal durchlebt – die Sprünge sind für mich kein reiner Stilzwang, sondern spiegeln, wie Erinnerung tatsächlich funktioniert: nicht chronologisch, sondern in Bruchstücken, die sich erst im Rückblick zu einem Ganzen fügen. Das passt auch zur Loop-Struktur des Films insgesamt, dazu gleich mehr. Klar, der Film ist nicht komplett linear erzählt. Gerade die ersten Minuten, sagen wir die erste halbe Stunde, sind noch am wenigsten linear – danach sind es eigentlich viele stringente Abschnitte. Und ein kleines bisschen darf man dem Publikum schon zumuten, vor allem bei einem Christopher-Nolan-Film. Ein actionreicher Odyssee-Film, der am Ende bei Netflix landet, das kann irgendwie jeder andere auch machen. Dass dieser Film zu sehr Selbstverwirklichung von Nolan sei, kann ich ebenfalls überhaupt nicht nachvollziehen. Ich finde, der thematische Schwerpunkt liegt klar auf bestimmten Aussagen der Geschichte, nicht auf Nolan selbst, der irgendwas durchboxen will. Ich glaube sogar, er hat sich hier ein Stück zurückgenommen – er hätte das Ganze noch deutlich konfuser inszenieren können, sowohl was die Erzählstruktur als auch was die Aussage angeht. Aus meiner Sicht war das alles relativ harmlos, nicht komplett anspruchslos, aber eben auch nicht annähernd so krass, wie Nolan es an anderer Stelle schon gemacht hat.
Trailer zu Die Odyssee
Ich persönlich fand den thematischen Schwerpunkt sehr interessant gesetzt. Was mir besonders gut gefallen hat: Das Thema Karma schwebt eigentlich überall ein wenig mit – jede Entscheidung, die man trifft, hat auch irgendwie eine Konsequenz. Damit verbunden ist das Trolley-Problem: Man steht vor einem Dilemma, entscheidet sich für die eine oder die andere Sache, aber keine der Entscheidungen ist hundertprozentig gut – getroffen werden muss trotzdem. Letztlich ist das auch eine Dekonstruktion der Heldenfigur, welche vor allem zu Beginn erst einmal aufgebaut wird. Odysseus ist dieser perfekte Saubermann. Alles gelingt ihm, die Leute lieben ihn. Selbst bei der Jagdt gibt er den Tieren eine Chance, weil er so fair ist. Er hält sich strikt an die Gesetze der Götter. Seine Frau wartet 20 Jahre auf ihn, weil er so ein toller Typ ist. Seine ehemaligen Gefährten sprechen nur gut von ihm. Aber im Laufe des Films wird gezeigt, dass diese heldenhaften Taten gar nicht so heldenhaft sind. An einigen Stellen müsste man sich eigentlich fragen: „Are we the baddies?" Und damit ist der Film thematisch sogar relativ nah an Oppenheimer – in beiden Fällen wird am Ende eine Büchse der Pandora geöffnet (der Fall Trojas, die Atombombe), in beiden Fällen wird ein Krieg beendet. Nur muss man sich fragen: um welchen Preis? Besonders spannend fand ich in diesem Zusammenhang relativ früh im Film die Szene, in der das erste Dorf geplündert wird und ein Dorfbewohner gefragt wird, warum er lieber zugesehen hat, wie das Dorf brennt, statt der Truppe Essen zu geben. Seine Antwort: „Wir dachten, ihr seid die bösen Männer vom Meer." Worauf die Truppe entgegnet: „Nein, nein, nein, wir sind nicht die bösen Männer, wir sind doch eigentlich die Guten." Genau das war einer dieser besagten „Are we the baddies?"-Momente – recht früh wird klar, dass es diesen Boogeyman eigentlich gar nicht gibt, sondern dass Odysseus eigene Truppe selbst dieser Boogeyman ist. Das fand ich wirklich sehr gelungen gelöst.
Spannend ist dabei aber auch die Szene bei Circe/Samantha Morton, die die Crew in Schweine verwandelt, weil das deren wahres Ich sei. Das stimmt eigentlich auch - auf der anderen Seite kann Odysseus die Situation dadurch entschärfen, dass er im Kern fragt: „Naja, aber was haben sie dir nun WiRkLiCh getan?“. Da ist ein gewisses Spannungsfeld aus den schlechten Taten, die man nicht abstreiten kann, und dem Versuch, oder dem Glauben, trotzdem im Guten zu handeln.
Interessant ist außerdem, dass der Film im Grunde ein Loop ist – er zeigt, dass sich gewisse Dinge immer wiederholen, und das Ende fängt ein Stück weit wieder von vorne an. Das mündet in die Pointe, dass diejenigen, die nicht in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen, dazu verdammt sind, sie zu wiederholen. Dazu passt auch das Thema der Verklärung: Die eigentlichen Kritikpunkte, die begangenen Gräueltaten, werden vergessen, und zurück bleibt nur das Verklärte, die scheinbaren Heldentaten.
Genau da würde ich aber auch ansetzen, was mich stört: Am Ende fehlt vielleicht eine wirklich gute Botschaft. Es wird eher mit einem Schulterzucken hingenommen, dass man das Ganze eh nicht ändern kann und die Gesellschaft sich selbst überlassen muss – während die eigentlichen Protagonisten, die es besser wissen, sich aus dem Staub machen. Das ist dann vielleicht auch der Unterschied zu Oppenheimer, wo Oppenheimer zumindest noch sagt, er wolle am Ball bleiben, um das Ganze ein Stück weit kontrollieren zu können. Odysseus dagegen gibt genau diese Kontrolle auf.
Lange Rede, kurzer Sinn: Für mich stecken sehr viele interessante Botschaften in dem Film, und nicht nur reines Nolan-Gepose.
Negativ aufgestoßen ist mir dagegen wirklich der finale Kampf, den ich etwas cheesy fand – gerade weil der Film eigentlich darüber reflektiert, dass all die Toten und all das Leid nur zu noch mehr Leid führen, und dann am Ende trotzdem wieder mit mehr Toten, mehr Leid und mit Gewalt aufgelöst wird. Unabhängig davon fand ich auch Robert Pattinsons Rolle im Finale ziemlich schwach – wie er als Captain Obvious hinter seiner Säule steht und den Leuten erklärt, sie sollen zur Waffe greifen, zum Schild greifen. Das sieht doch jeder selbst, das muss er niemandem mehr erklären. Negativ ist mir auch die "Im Kreis-Dreh-und-Waffen-Schwingen"-Szene aufgefallen, die fand ich dann doch etwas trashig. Und überhaupt, wie Robert Pattinson/Antinoos dann seine kleine Figur von Elliot Page/Sinon zurückbekommt, nur um dann direkt getötet zu werden und im Hades dann Sinon zu sagen: "Ja, die Figur hat er mir gegeben"...was? Wo ist da die gute Tat? Würde Sinon da nicht fragen: "Und dann?" - "Ja, dann hat er mich getötet". Ok, das kann man vielleicht auch unnötig zerdenken. Aber während der Film die ganze Zeit versucht hat, den Helden Odysseus zu dekonstruieren, ist er in diesem Moment dann doch wieder der Held, der Saubermann ohne Reue. Das kommt mir doch etwas unrund vor bzw. müsste ich noch mal sehen und tiefer Revue passieren lassen.
Wegen der - für mich - etwas unrunden Schluss-Pointe bin ich dann doch erstmal "nur" bei 4 Hüten gelandet. Finde aber weiterhin, es ist "einer dieser Filme", die auch 5 Hüte verdient hätten, da er nicht nur film-handwerklich top ist, sondern eben auch viele Botschaften mit sich bringt, anstatt nur ein platter Abenteuerfilm zu sein.

