
Bewertung: 3.5 / 5
Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit ist wieder ein Spielberg, der ganz bewusst an seine großen Science-Fiction-Erzählungen anknüpft: an das Staunen von E.T. - Der Außerirdische, an die metaphysische Neugier von Unheimliche Begegnung der dritten Art und an jene kindliche, aber nie naive Frage, ob wir im Universum wirklich allein sind. Ganz erreicht der Film die Wucht dieser Klassiker nicht, aber er zeigt, dass Spielberg sein Gespür für Atmosphäre und spannende Kinomomente keineswegs verloren hat.
Im Zentrum steht die mögliche Offenlegung außerirdischen Lebens und die Frage, was passiert, wenn Informationen, die lange unter Verschluss gehalten wurden, plötzlich an die Oberfläche drängen könnten. Eine Meteorologin (Emily Blunt) gerät dabei in eine Geschichte, die zwischen Whistleblower-Thriller (danke, Josh O´Connor), Regierungsgeheimnis, Konzerninteresse und klassischem Alien-Mysterium pendelt.
Trailer zu Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit
Die Besetzung ist dabei sicherlich eine der Stärken des Films. Emily Blunt trägt die Geschichte mit der richtigen Mischung aus Intelligenz, Verletzlichkeit und Entschlossenheit. Sie spielt keine übermenschliche Heldin, die alles im Griff hat, sondern eine Frau, die versucht, in einer beängstigenden, immer unübersichtlicher werdenden Situation handlungsfähig zu bleiben. Und nicht verrückt zu werden. Colin Firth gibt dem Film zusätzlich Gewicht, kontrolliert, undurchsichtig, elegant und mit genau jener kühlen Autorität, die seine Figur gefährlich macht. Auch Josh O´Connor und Colman Domingo fügen sich gut in dieses Ensemble ein, wobei gerade Domingo auch in ruhigeren Nebenrollen stets eine unfassbare Aura erzeugt.
Die Grundidee ist nicht neu, aber sie funktioniert, weil Spielberg sie nicht zynisch erzählt. Disclosure Day lebt von dieser alten, immer noch wirksamen Faszination: Was wäre, wenn es wirklich stimmt? Area 51, Alienbesuche, Alf, E.T.? Was würde eine solche Wahrheit mit Staaten, Medien, Konzernen, Familien - und jedem Einzelnen von uns machen? In seinen besten Momenten erinnert der Film an Akte X in großem Kinomaßstab: Verschwörungen, verdeckte Informationen, zweifelhafte Autoritäten, Verfolgungen, ein permanentes Gefühl von "da draußen ist etwas". Gleichzeitig gibt es Momente, in denen man wirklich kurz an E.T. oder Independence Day denken muss - nicht, weil der Film sie kopiert, sondern weil Szenen bewusst mit Andeutungen spielen.
Mit seinen knapp zweieinhalb Stunden ist Disclosure Day allerdings etwas lang geraten. Die Spannung bleibt grundsätzlich hoch, aber einige Szenen wirken, als wolle Spielberg noch etwas mehr Atmosphäre, noch etwas mehr Bedeutung, noch etwas mehr Anlauf nehmen. Trotzdem kippt er nicht ins Langweilige und wer von euch etwas Sitzfleisch hat und unbedingt erfahren will, wie es ausgeht, bekommt einen durchgehend stimmungsvollen Science-Fiction-Thriller präsentiert.
Auch der Tierschutz-Aspekt spielt wie in vielen aktuellen Produktionen eine Rolle, den der Film sichtbar mitträgt. Dass die Tiere animiert sind, sieht man teilweise recht deutlich, aber sie stört weniger, als man erwarten könnte, weil der emotionale und dramaturgische Fokus klar bleibt.
Musikalisch ist John Williams wieder dabei, was bei einem Spielberg-Film natürlich sofort Erwartungen weckt. Nur wer einen sofort ikonischen, brachial wiedererkennbaren Score erwartet, wird vielleicht überrascht sein: Die Musik trägt den Film, drängt sich aber weniger dominant in den Vordergrund. Sie ist eher Begleitung als eigenes Ereignis. Das passt zum Thriller-Ton, bleibt aber nicht so unmittelbar im Ohr wie Williams’ ganz große Spielberg-Themen.
Unterm Strich ist Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit vermutlich kein neuer Klassiker. Dafür ist er etwas zu lang und an einzelnen Stellen zu konventionell. Aber er ist spannend, hervorragend besetzt, atmosphärisch stark und erzählt mit echter Kinolust von einer Frage, die immer funktioniert: Sind wir allein? Gerade weil Spielberg in den letzten Jahren nicht immer dieses alte erzählerische Feuer gezeigt hat, wirkt Disclosure Day wie eine erfreuliche Rückkehr zu einem Terrain, das er wie kaum ein anderer beherrscht.


