
Bewertung: 3.5 / 5
Die Odyssee von Christopher Nolan hält was er verspricht. Selten gibt es noch solche Filme im Kino, welche mit einer Wurcht überzeugen können. Wie eigentlich von Nolan gewohnt, schafft er es audiovisuell zu überzeugen, selten hat man so einen "echt" wirkenden Film gesehen trotz Fantasy-Anleihen, noch nie war ich in so einem lauten Kinofilm. Echte Sets und tolle Darsteller komplettieren den positiven Eindruck - Die Odyssee ist eine Wucht und meiner Meinung nach ein Film, den man gesehen haben muss.
Vor allem, da es viel zu selten solche Sandalen- oder Monumentalfilme im Kino gibt. Passend dazu ist einer der letzten solchen Filme, an den man sich durchgehend eher positiv erinnert, Wolfgang Petersen Troja, und Troja spielt bekanntlich auch hier eine große Rolle.
Wenn ich schreibe, dass dieser Film das hält, was er mit Nolan als Regisseur verspricht, dann betrifft dies aber auch Punkte, die mir persönlich nicht so schmeckten. Nolan drückt bekanntlich seinen Filmen einen eigenen Stempel auf - eigentlich positiv. Doch ich muss zugeben, dass ich zu oft bei Nolan das Gefühl habe, dass es zu gewollt ist, dass er unbedingt "anders" sein möchte oder dass es sich eigentlich um clevere Spielerein handelt, die auf den zweiten Blick aber nur noch banal sind. Dunkirk oder Tenet wären als klassische Filme mit strigender Handlung für mein Sehgefühl einfach besser. Und auch in The Dark Knight Rises und Interstellar leiden bei mir an gewissen Punkte, vor allem durch eine emotionale Distanz und farblos wirkenden Bildern.
Nun ist es so, dass The Odyssee definitiv mit Nolans Lieblingselement spielt, den Zeitebenen. Doch nach einem etwas zu hektischen Beginn mit vielen Schnitten, legt sich dies und kristallisieren sich sogar als eine der Stärken des Films heraus. Trotz Zeitsprünge und Location-Wechseln weiß man immer, wo man dran ist. Und die Zeitebenen sorgen sogar davor, dass man selbst das Zeitgefühl verliert - wieviele Jahre sind für Odysseus nun vergangen? Wirklich klar wird dies aus seiner Sicht nie, nur die wartende Familie und die Freier, erklären uns, dass halt nicht ein paar Filmszenen vergangen sind, sondern Jahre. Der Zuschauer wird selbst zu Odysseus und macht selbst eine Irrfahrt. Zudem ist es so wie Homer es damals niederschrieb.
Trailer zu Die Odyssee
Bei vielen anderen Dingen hält Nolan sich aber nicht an die Vorlage, subjektiv stört es mich, letztendlich macht es den Film aber nicht schlechter. Das Monsterdesign oder der komplette Verzicht darauf, waren bereits im Vorfeld Dinge, die mich zweifeln ließen - immerhin ist Fantasy Nolan bisher fremd gewesen und er pochte immer auf realistische Herangehensweisen. Nun bin ich hier dann doch enttäuscht, die Sirenen werden weggeschnitten und Skylla verdient bereits jetzt eine Goldene Himbeere. Polyphem hingegen gefiel mir, während ich bei Circe den Verzicht des "Bezirzen" schon verstehe - immerhin kommt mit Calypso eine ähnliche Figur im Film vor.
Wenn wir über den Realismus reden, muss man auch über Kostüme und auch den Cast reden. All dies hat im Vorfeld ja bereits für genügend Diskussionen gesorgt (Agammento, Helena), aber The Odyssee ist divers und wer trotz Fantasy eine nähere Herangehensweise an die griechische Mythologie haben möchte, wird hier enttäuscht. Letztendlich war ich darauf vorbereitet und - das Setting wirkt halt sehr oft, als wären wir überall auf der Welt, nur NICHT in Griechenland. Für mich schon ein kleiner Meckerpunkt, dass man im Film deutlich erkennt, welche Szenen z.B. in Großbritannien gedreht wurden.
Und so fühle ich mich an meine Thor - Ragnarok Kritk und den Vergleich Pizza bestellt Pasta serviert bekommen, erinnert. Persönlich hätte ich definitiv einen anderen Film bevorzugt - und dadurch auch Regisseur. Ich persönlich hätte gerade bei einer Umsetzung von Homers Odyssee einen "full Fantasy-Film" gehabt. Zauberei, Monster und Götter - mir fehlt dies alles in Nolans Film. Auch elementare Bereiche, allen voran die Geschichte von "Niemand", werden "vergessen" (immerhin wird dann an anderen Stellen Odysseus Charakter und seine Arroganz, aber auch List dargestellt). Die Odyssee vermittelt für mich auch viel zu selten das Abenteuergefühl, was ich immer gefühlt habe, als ich als Kind die Geschichten von Odysseus, Achilles, Hercules und Co. aufsog. Davon abgesehen, dass der Film mir zu oft von der eigentlichen Geschichte abweicht, indem der Fall von Troja eine sehr prominente Rolle einnimmt und wie schon in den Trailer erkennbar, auch Odysseus Sohn Telemachos eine zentrale Rolle einnimmt.
Die Kritik im Kopf war dann schon fertig - als Film bombastisch, jedoch was komplett anderes erhofft und erwartet - unzufrieden und doch zufrieden - ja, Filme anschauen DARF so kompliziert sein. Nolan geht zum Ende des Films hin full Tarantino-Modus - und ermüdet mich dabei. Und dann doch, genau dann kommen die letzten Minuten des Films, welche die Perspektive nochmals komplett verändern. Nolan macht aus der Geschichte eine Geschichte über Schuldgefühle. Und vieles macht dann Sinn und Nolans "Anpassungen" sind dann irgendwie nachvollziehbar. Athene als einzige Göttin im Film als Personifikation dieser Schuld und als Erinnerung an Penelope - sind diese mythologischen Elemente des Films vielleicht sogar nur Einbildungen und Visionen von Odysseus? Plötzlich macht Nolan aus dem Fantasy-Film doch einen realistischen Ansatz. Wow.
Und ich sitze hier, enttäuscht und zufrieden gleichzeitig. Pizza vs. Pasta. Vieles hätte ich anders gemacht und die Punktzahl fällt mir sehr schwer. Vieles an diesem Film ist überragend und dann findet man doch das Pfefferkorn, welches vielleicht nicht so toll war. Ich denke da z.B. an Anne Hathaways Darstellung, welche mir zu oft drüber war und ich umgekehrt Tom Hollands Telemachos (toll gespielt) nicht verstehen konnte, warum er sich dies immer noch antut. Umgekehrt sind viele meiner Kritikpunkte halt kein Merkmal von schlechter Qualität - Skylla sieht kacke aus, ja, aber wie glücklich kann ich sein, dass es dies überhaupt in den Film geschafft hat?
Letztendlich tendiere ich zwischen 3,5 und 4 Hüten - ich war zufrieden und doch enttäuscht, war super unterhalten und hätte doch lieber gewisse Dinge komplett anders gesehen. Horror, Fantasy, Abenteuer, Krieg und Action sowie Drama - Nolan schafft es mühelos dies alles in seinen Film zu verpacken und macht damit sicherlich einen der besten Filme des Jahres - mit klaren Kritikpunkten, die für mich persönlich aus diesem Film halt auch keinen macht, über den man noch in Jahrzehnten reden wird. Dafür gibt es dann doch zuviele Makel, weshalb ich schlussendlich bei 7,5 von 10 lande - immer noch überdurchschnittlich gut, vor allem da ich den Film erstmal nach dem Kinobesuch einige Tage sacken lassen musste, vorallem weil ich eigentlich Pizza wollte und Pasta bekam.


