
Für viele gilt er als einer der größten Filmemacher aller Zeiten. Die Rede ist von Stanley Kubrick, dem Regisseur von Werken wie 2001 - Odyssee im Weltraum, Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben oder Shining. Der gebürtige Amerikaner zog in den 1960er Jahren nach England und nahm zunehmend Abstand von Hollywood und den dort üblichen Produktionsbedingungen.
Akribisch und zeitintensiv
Ab den späten 1970er Jahren benötigte Kubrick vor allem eines: viel Zeit für seine Filme. Zwischen der Veröffentlichung von Barry Lyndon und Shining lagen fünf Jahre, zwischen Shining und Full Metal Jacket sieben Jahre und erst zwölf Jahre später erschien mit Eyes Wide Shut sein letzter Film.
Das lag unter anderem daran, dass Kubrick unglaublich viel und akribisch für seine Werke recherchierte. Seine Frau beschrieb seine Arbeitsweise einmal als unglaublich gewissenhaft, aber auch langsam.
Wie langsam Kubrick teilweise arbeitete, zeigte sich auch bei Full Metal Jacket. Der Film entstand teilweise zeitgleich mit Oliver Stones Platoon, wobei Kubrick deutlich länger für die Dreharbeiten benötigte. Während Platoon bereits Ende 1986 in die Kinos kam, folgte Full Metal Jacket erst ein halbes Jahr später. An den Kinokassen hatte Oliver Stones Vietnamfilm anschließend deutlich mehr Erfolg.
Heute wollen wir einen Blick auf das letzte Werk von Stanley Kubrick richten. Doch gerade um Eyes Wide Shut rankt sich ein hartnäckiges Gerücht: Kubricks ursprüngliche Fassung soll rund 20 Minuten länger gewesen sein.
Das letzte Werk des Meisters
Eyes Wide Shut ist ein Erotikthriller mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen. Der Film orientiert sich, wie so viele Werke von Kubrick, an bestehender Literatur. In diesem Fall ist es die Traumnovelle von Arthur Schnitzler.
Dr. Bill Harford und seine Frau Alice führen das scheinbar perfekte Leben. Doch nach einem Streit startet Bill einen Streifzug durch das nächtliche New York und begibt sich auf eine emotionale Irrfahrt durch seine Träume und Lüste.
Bedauerlicherweise ist Stanley Kubrick bereits im Alter von 70 Jahren im Jahr 1999 aufgrund eines Herzinfarkts gestorben. Zu dieser Zeit war Eyes Wide Shut noch nicht veröffentlicht, jedoch vollständig abgedreht. Kubrick ist es sogar gelungen, kurz vor seinem Tod den Film fertig zu schneiden. Lediglich die Tonabmischung und die Musikuntermalung waren noch nicht abgeschlossen.
Die verlorenen 20 Minuten?
Vor einiger Zeit hat der Drehbuchautor Roger Avary ein älteres Gerücht über Eyes Wide Shut erneut angeheizt. In einem Podcast erzählte er davon, dass Kubricks letzter Film noch vor seiner seiner Veröffentlichung um 20 Minuten vom Studio gekürzt worden sein soll. Roger Avary ist ein Drehbuchautor, der in seinen Anfängen unter anderem für Quentin Tarantino schrieb (Reservoir Dogs - Wilde Hunde, Pulp Fiction) und der noch früher auch Kontakt zu Stanley Kubrick selbst gehabt haben soll.
Schon lange geistert die Aussage durch den Raum, dass Eyes Wide Shut möglicherweise gekürzt worden sein könnte und Kubricks ursprüngliche Version noch düsterer gewesen sei oder auch die legendäre Orgienszene noch expliziter war. Wirkliche Beweise oder konkrete Belege für diese These gab es nie.
Kubricks Tochter Vivian
Nun hat sich Stanley Kubricks Tochter Vivian auf X über diese Gerüchte geäußert und ihre Sichtweise der Dinge geteilt. Zur Einordnung: Vivian Kubrick ist inzwischen 66 Jahre alt und arbeitet als Komponistin. Zum Zeitpunkt von Kubricks Tod im März 1999 war sie 38 Jahre und lebte in Los Angeles.
Vivian erklärte zunächst, dass Kubrick nach der Fertigstellung seiner Filme die nicht verwendeten Szenen auf Filmrollen vernichten ließ. Er soll dies unter anderem deshalb getan haben, damit die Studios später nicht auf die Idee kommen konnten, auf das nicht verwendete Material zurückzugreifen und seine Filme möglicherweise zu verändern.
Als ihr Vater starb, musste Vivian zunächst von den USA nach England reisen. Sie unterbrach ihre laufenden Kompositionsarbeiten in den Staaten und flog in das Vereinigte Königreich. Nach der Beerdigung kehrte sie wieder in die USA zurück, um ihre Arbeit fortzusetzen. Sie habe nie Hinweise darauf gesehen, dass der finale Schnitt von Eyes Wide Shut nach dem Tod ihres Vaters noch einmal verändert worden sei.
Darüber hinaus beschreibt Vivian in ihrem X-Post den Prozess des Schneidens bei analogen Filmaufnahmen zu dieser Zeit, welcher deutlich aufwändiger war, als sich viele das heutzutage vorstellen können. Eine kurzfristige und umfangreiche Veränderung des bereits fertiggestellten Films erscheint vor diesem Hintergrund zumindest deutlich komplizierter, als es die heutige Vorstellung eines digitalen Filmschnitts vermuten lässt.
EYES WIDE SHUT: THE MISSING 20 MINUTES
— Vivian Kubrick (@ViKu1111) September 1, 2026
You know, this is as good a time as any to finally address the missing 20 minutes from Eyes Wide Shut. It’s a story that has been circulating for many years, so let me tell you what I actually know and don’t know.
For context, my father… pic.twitter.com/hsgllDKJnV
Ergänzen möchten wir an dieser Stelle, dass Stanley Kubrick seit Uhrwerk Orange mit Jan Harlan als Produzenten zusammenarbeitete. Harlan war nicht nur ein guter Freund von Kubrick, sondern der Bruder seiner Ehefrau Christiane. So war Jan Harlan auch als Produzent von Eyes Wide Shut eng involviert und war in die Fertigstellung des Films eingebunden. Dass eine umfangreiche Änderung des finalen Schnitts an ihm vorbeigegangen wäre, erscheint daher unwahrscheinlich.
Zudem gab auch Cutter Nigel Galt im Jahr 2025 an, dass nach Kubricks Tod nichts an dem Werk verändert wurde und der finale Schnitt „Stanley’s Cut“ sei.
Kubricks Vermächtnis
Unterm Strich bleibt es wohl dabei, dass die Diskussion um die verlorenen 20 Minuten nur eine weitere Erzählung um den begnadeten Filmemacher ist, der angeblich auch gefragt wurde, ob er die Mondlandung für die NASA inszenieren könne.
Viel interessanter ist, noch einmal zu hören, was für ein akribischer Arbeiter Kubrick doch war, wie viel Zeit er sich für seine Werke nahm, wie viel er recherchierte oder auch verwarf und dass er sogar nicht genutztes Filmmaterial im Anschluss vernichten ließ.
Eyes Wide Shut wurde damals von der Kritik durchaus zwiespältig aufgenommen. Erst im Laufe der Jahre fand das Werk zunehmend die Anerkennung, die es verdient. In manchen Bestenlisten von Kubricks Filmen rangiert sein letztes Werk inzwischen sogar auf den vorderen Plätzen.
