Superman und Spider-Man begegnen sich erneut. 50 Jahre nach ihrem ersten legendären Crossover feiern DC und Marvel die Rückkehr ihrer bekanntesten Helden. Das Ergebnis macht Spaß, sieht großartig aus und hinterlässt trotzdem das Gefühl, dass deutlich mehr möglich gewesen wäre.
Wenn DC und Marvel ihre größten Figuren gemeinsam auf ein Cover packen, ist das immer noch ein kleines Ereignis. Schließlich erscheinen solche Crossover inzwischen so selten, dass jede neue Zusammenarbeit automatisch Aufmerksamkeit erzeugt. In diesem Jahr feiert das erste Treffen von Superman und Spider-Man seinen 50. Geburtstag. Passend dazu wurde der Klassiker neu aufgelegt. Gleichzeitig schicken die Verlage ihre Aushängeschilder jedoch noch einmal gemeinsam ins Abenteuer.
Die Vorzeichen könnten kaum besser sein. Mark Waid schreibt die Hauptgeschichte, Jorge Jimenez zeichnet. Ergänzt wird das Ganze durch eine Reihe von Kurzgeschichten namhafter Kreativer wie Tom King, Jim Lee, Sean Murphy, Greg Rucka oder Jeff Lemire.
Die eigentliche Handlung fällt allerdings überraschend überschaubar aus. Doctor Octopus möchte endlich als größtes Genie überhaupt anerkannt werden und geht deshalb bereitwillig auf ein Angebot von Brainiac ein. Das führt zu einer Bedrohung, die bald die gesamte Bevölkerung erfasst. Glücklicherweise sind Clark Kent und Peter Parker gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Erfreulich ist dabei vor allem, worauf die Geschichte verzichtet. Superman und Spider-Man begegnen sich nicht als Rivalen. Niemand wird manipuliert, niemand missversteht den anderen, niemand beginnt einen sinnlosen Kampf. Beide kennen und respektieren sich bereits. Diese Selbstverständlichkeit passt hervorragend zu den Figuren und erspart den Lesern ein Klischee, das in solchen Crossovern oft zum Pflichtprogramm gehört.
Review
Leider entwickelt die Geschichte darüber hinaus nur wenig Eigenes. Viele Szenen wirken, als wolle man möglichst viele Erinnerungen an frühere Comics unterbringen. Bekannte Zitate tauchen auf, klassische Motive werden wiederholt und legendäre Momente zitiert. Das sorgt für Wiedererkennung, ersetzt aber keine spannende Handlung. Die Geschichte arbeitet sich von Referenz zu Referenz, ohne dabei selbst besonders erinnerungswürdig zu werden.
Gerade deshalb wirkt die Entscheidung seltsam, die Hauptstory auf lediglich 24 Seiten zu begrenzen. Statt die Begegnung größer aufzuziehen, wird das Heft mit mehreren Kurzgeschichten ergänzt. Manche davon sind durchaus unterhaltsam. Lois Lane und Mary Jane Watson treffen aufeinander, Jimmy Olsen gerät mit Carnage aneinander, Power Girl landet bei einem Blind Date mit dem Punisher. Das liest sich flott weg und bietet einige nette Ideen. Im Prinzip ist es genau wie bei dem vorherigen Crossover von Batman und Deadpool.
Trotzdem stellt sich irgendwann die Frage, ob die Seiten nicht besser in eine einzige große Geschichte investiert worden wären. Ein Cliffhanger, eine Fortsetzung oder ein stärker ausgearbeiteter Konflikt hätten diesem Crossover vermutlich besser gestanden als die Sammlung kurzer Episoden.
Was das Heft allerdings stark aufwertet, ist Jorge Jimenez. Seine Zeichnungen verleihen selbst den unspektakulärsten Szenen eine Energie, die man gerne betrachtet. Superman und Spider-Man sehen richtig gut aus.
Auffällig ist außerdem, wie konsequent die Geschichte die Gemeinsamkeiten der Figuren betont. Superman und Spider-Man begegnen sich nicht nur freundschaftlich, sie behandeln sogar ihre Gegner mit erstaunlicher Nachsicht. Während des Finales versucht Superman selbst noch an das Gute in Doctor Octopus zu appellieren, während er ihn gleichzeitig durch die Gegend schleudert. Das mag naiv wirken, passt aber erstaunlich gut zum Selbstverständnis beider Helden.
Auch die Kurzgeschichten greifen diesen Gedanken auf. Dazu passt die Episode um Jonathan Kent und Ben Parker. Hier stehen zwei Männer im Mittelpunkt, die durch ihre Werte Generationen von Helden geprägt haben. Wenn beide gemeinsam Kinder retten, wird deutlich, dass Superman und Spider-Man trotz aller Unterschiede ähnliche Wurzeln haben: Große Verantwortung, Mitgefühl und die Bereitschaft immer zu helfen.
Vielleicht liegt genau darin auch die größte Stärke des Hefts. In einer Zeit, in der viele Superheldengeschichten immer düsterer und zynischer werden, feiert Superman/Spider-Man #1 bewusst Freundlichkeit, Optimismus und Mitgefühl. Das ist sympathisch und durchaus wohltuend. Für ein so seltenes Crossover hätte man sich dennoch eine Geschichte gewünscht, die über diese Botschaft hinaus noch etwas mehr wagt.
Am Ende bleibt ein Comic, der ordentlich Nostalgie liefert: zwei beliebte Helden, viele Anspielungen und ein angenehm optimistischer Ton. Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Für ein Projekt dieser Größenordnung fällt das Ergebnis aber erstaunlich vorsichtig aus.
Fazit
Superman/Spider-Man #1 ist ein sympathisches Crossover, das vor allem von Nostalgie und starken Zeichnungen lebt. Wer die Figuren mag, wird sich gut unterhalten fühlen. Wer auf eine Geschichte gehofft hat, die man in zehn Jahren noch erwähnt, dürfte eher enttäuscht sein.
Für Sammler und jüngere Leser ist das Heft eine nette Empfehlung. Wer dagegen sehen möchte, warum das erste Superman/Spider-Man-Crossover bis heute einen so guten Ruf genießt, sollte lieber zum neu aufgelegten Klassiker greifen. Vielleicht täuschen wir uns auch und wir sprechen in 50 Jahren genauso nostalgisch über dieses Heft. Im Augenblick wirkt es jedoch eher wie eine Hommage an die Vergangenheit als wie ein neuer Klassiker.
Wer das Heft ins Regal stellen möchte, zahlt für die Standardausgabe 7,99 Euro. Für Sammler gibt es außerdem gleich zehn Variant-Cover, die meist um die 9 Euro kosten.
Transparenzhinweis: Das Rezensionsexemplar wurde uns zur Verfügung gestellt.
