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Wildwood

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Laika hat seine Magie verloren

Wildwood Kritik

Wildwood Kritik
0 Kommentare - 07.11.2026 von Moviejones (Alex Wall)
Wir haben uns "Wildwood" für euch angeschaut und verraten euch in unserer Kritik, ob sich dieser Film lohnt.
Wildwood

Bewertung: 3 / 5

Mehrere Jahre lang arbeitete das Animationsstudio Laika an seinem neuen Stop-Motion-Film Wildwood, das nun endlich auch in Deutschland auf den Kinoleinwänden zu sehen ist. Dabei handelt es sich um das größte und aufwendigste Projekt seiner Art. Nur führt diese ganze Kreativität, Arbeit und Begeisterung nicht automatisch zu einer guten Geschichte. Und genau da ist bei Wildwood der Knackpunkt.

Wildwood Kritik

Nachdem ihr kleiner Bruder von einem Schwarm Krähen entführt wurde, begibt sich Prue McKeel gemeinsam auf eine verzweifelte Rettungsmission in einen verzauberten Wald, der sich direkt hinter Portland, Oregon, verbirgt. Zusammen mit ihrem tollpatschigen, aber treuen Klassenkameraden Curtis Mehlberg bewegt sich Prue durch eine Welt voller sprechender Tiere, Banditen und mächtiger Gestalten, die von Trauer und Ehrgeiz getrieben sind. Als die beiden in einen Konflikt hineingezogen werden, der das Gleichgewicht des Waldes selbst bedroht, muss Prue Stärke und Überzeugung unter Beweis stellen.

Trailer zu Wildwood

Ein Stop-Motion-Projekt der Superlative

Laikas Wildwood ist ein einzigartiges Projekt, das vor Superlativen nur so strotzt. Bereits 2011 sicherte sich das Studio die Rechte an einer Verfilmung des zugrundeliegenden Jugendormans. Und damit zwei Jahre, nachdem es mit Coraline die Aufmerksamkeit von Zuschauern und Kritikern auf sich zog. Im September 2021 starteten dann die Dreharbeiten, welche mehrere Jahre lang andauerten. Für den Stop-Motion-Film baute Laika immerhin 136 Schauplätze und 231 Puppen. Coraline setzte auf 20.000 Gesichter, Wildwood beinhaltet mehr als 142.000. Um den Realismus zu maximieren, bekamen die Figuren sogar Muskeln und Atemmechanismen, während den Adlern 9.000 Federn in mühevoller Handarbeit installiert wurden.

Insgesamt 100 Millionen US-Dollar soll der mit 139 Minuten längste Film seiner Art gekostet haben. Dass das trotzt immer höherer Produktionskosten und sinkender Einnahmen mit jedem neuen Film möglich ist, liegt an der Finanzierung durch Studioinhaber und Nike-Mitgründer Philip Knight. Dessen Sohn Travis Knight arbeitete in den späten 1990er Jahren als Animator beim damals noch Will Vinton Studios heißenden Animationsstudio. Travis Knight, der in diesem Sommer Masters of the Universe verantwortete und bereits die Regie anderer Laika-Filme wie ParaNorman und Kubo - Der tapfere Samurai übernahm, ist heute Präsident und CEO des Studios. Auch bei Wildwood ist er Regisseur.

Während die großen Hollywood-Studios zunehmend vorsichtiger werden und experimentelle Filme wegen ihrer Kosten und ungewisser Einnahmen meiden, hat Laika also den Segen, ihre Filme unabhängig dieses Kostendrucks produzieren zu dürfen. Das nutzen sie, indem sie ein Projekt wie Wildwood auf die Beine stellen, das es in dieser Größenordnung sonst wohl nicht gegeben hätte. Diese Kreativität und den Willen, etwas Neues und Großartiges zu schaffen, gilt es zu unterstützen. Doch wird genau das kompliziert, wenn das Endprodukt nicht so richtig überzeugen mag. Das ist bei Wildwood leider der Fall.

Bezaubernde Bilder und Welten

Das Stop-Motion-Werk sieht großartig aus. Wenn die Krähen in Schwärmen fliegen und den Bruder von Prue mitnehmen, entfaltet es eine ähnliche Begeisterung, wie Vogelschwärme im echten Leben. Zur Schlacht im großen Finale kämpfen Vögel unterschiedlichster Arten mit den Krähen, was beeindruckend schön aussieht. Auch das Geschehen am Boden ist bemerkenswert inszeniert. Wenn die Feuerbälle in die Menge katapultiert werden, ist eine wahre Wucht zu spüren, die selbst einige Live-Action-Produktionen nicht so gut einfangen können.

Darüber hinaus zaubern uns die bildhübschen Städte und Dörfer ein Lächeln ins Gesicht. Sie wirken lebendiger als in so manchen 3D-animierten Filmen. Wenngleich der Ton eher ernst und düster gehalten ist, trauen sich die Kreativen an kräftige Farben heran, wenn es passend ist. Das Mysterium des Waldes wird durch Nebel und die Gestaltung gut und authentisch aufgebaut. Authentisch sind derweil auch die einzelnen Puppen. Dass sie ihre Emotionen anders herüberbringen als echte Darsteller spielt kaum eine Rolle. Die Musik und zwei Songs überzeugen uns ebenfalls.

Vor allem einzelne Szenen sorgen für große Augen. Während wir die Schlacht bereits angesprochen haben, gilt das auch für die Flucht von Prue auf einem Adler. Majestätisch gleiten sie durch Wälder, Höhlen und Höhen, um den Krähen zu entkommen. Wie sich der Adler bewegt, wie authentisch sein Flug ist, das ist - wir können es nicht oft genug sagen - beeindruckend.

Ernste Themen und Darstellungen mit zu wenig Tiefe

Allerdings endet die Szene ziemlich unschön. Denn die FSK-Freigabe ab 12 Jahren hat durchaus ihre Berechtigung. Während in der Schlacht Köpfe ihren Körper verlassen und viel Blut zu sehen ist, sind auch die Themen ziemlich ernst. Die Antagonistin Alexandra verlor ihren Sohn bei einem Ausritt und wendet sich danach dunkler Magie zu. Als ihr Sohn nach einer Wiederbelebung freiwillig den Tod wählt und sie für ihr Handeln verhaftet wird, schwört sie Rache und möchte ihren Sohn erneut zurückbringen. Sie verliert sich in diesem Unterfangen und bedroht damit den gesamten Wald.

Über den Film hinweg sterben immer wieder Charaktere, die uns ans Herz wachsen. Ein glückliches Überleben gibt es nicht, stattdessen bleibt Wildwood konsequent und traut seinem Publikum damit einiges zu. Das gefällt, wenngleich das ausgerechnet im Finale mit Alexandra zu einer denkbar einfachen Lösung führt, die unbefriedigend ist. Zwar wird sie mit grundsätzlich nachvollziehbaren Motiven ausgestattet. Doch ruht sich der Film darauf aus und verleiht dem Charakter darüber hinaus überhaupt keine Tiefe und stellt sie am Ende doch nur als das absolut Böse dar, das offenbar nur einen Grund hat.

Das ist insbesondere deshalb schade, da der Film gleich mehrere Ansätze böte, Alexandra mehr Persönlichkeit zu verleihen. Etwa der Umgang der Menschen mit ihr nach ihrem doppelten Verlust oder eine Vereinbarung, die im letzten Drittel zwar einen Plot-Twist liefert, aber seltsam egal bleibt. Er scheint lediglich der Exposition zu dienen und einen Grund zu geben, warum Prue nochmals in den Wald soll. Allgemein sehen und erleben wir zwar viel. Eine Erzählerstimme weiht uns auch in die Welt ein. Doch müssen uns die - immerhin vielfältigen - Charaktere trotzdem am laufenden Band die Welt erklären. Das ist nicht langweilig, da die Welt wenigstens spannnend ist. Aber es ist nicht besonders elegant.

Wildwood fehlt die Magie

Man könnte meinen, dass ein Film, der so wundervoll aussieht, uns in jeder Sekunde verzaubern müsste. Allerdings passiert genau das kurioserweise nicht. Ausgerechnet das größte und ambitionierteste Projekt Laikas lässt uns die große Magie vermissen, die Animationsklassiker sonst versprühen. Am ehesten spüren wir von ihr noch etwas bei der Welt, ihrer Gestaltung und all den sprechenden Tieren und lebendigen Pflanzen. Wenn der Film mysteriös sein darf und nicht vollständig erklärt wird.

Abenteuergeschichten leben von ihren Helden. Prue ist als Hauptfigur aber nicht dazu in der Lage den Film zu tragen. Ihr wird es sogar aktiv verwehrt. Stattdessen wird ausgerechnet Curtis zum wahren Helden und Abenteurer, obwohl er zu Beginn des Films noch ein trotteliger Junge ist. Er ist wegen seiner Affinität zu Tabletop-Spielen eher ein Nerd statt ein Krieger - auch wenn er das Gegenteil hofft. Während Prue wahlweise durch die Gegend gefahren oder geflogen wird, zwischenzeitlich sogar auf Rat Alexandras den Wald verlässt um sich anschließend mit ihren eher verantwortungslosen Eltern zu streiten, ist es Curtis, der die Drecksarbeit erledigt.

Er wird, nachdem er den Plan der Hexe durchschaut, gefangen genommen. Dort verbündet er sich mit den vermeintlich Bösen und flieht durch einen klugen Schachzug mit ihnen. Er entwickelt sich, wird mutiger und lernt an sich selbst zu glauben. Am Ende muss er trotz seines Pazifismus zur Waffe greifen und ist davon sichtlich erschüttert. Gerne hätten wir gesehen, wie er damit umgeht und mehr von ihm und seinen Motiven, das alles überhaupt zu machen, erfahren. Denn warum er die ganze Arbeit für Prue erledigt, wird nie richtig Thema. Ja, er mag sie und er versteht nicht, dass sie ihn nicht mag. Curtis bekommt aber nie einen richtig plausiblen Grund für seine Treue. Der Film setzt seinen Fokus aber ohnehin auf Prue. Leider.

Prue als Hauptcharakter versagt

Prue ist zwar nicht klischeebeladen. Sie ist eher ruhig, in einem Gespräch mit Alexandra überrascht ihre Reaktion sogar, wenngleich sie danach ziemlich naiv handelt. Ihre sehr erwachsene Art sorgt jedoch dafür, dass wir keinerlei Entwicklung beobachten. Sie ist von Anfang an relativ reflektiert und in der Lage, Fehler richtig einzuschätzen. Dass sie das dann auch irgendwann tun muss, ist daher keine Entwicklung. Sie ist schon fertig geschrieben, bevor das Abenteuer überhaupt beginnt. Das erzeugt wenig Spannung und öffnet den Charakter nicht für uns. Ein Film lebt davon, dass wir mit seinen Charakter wachsen. Das Erwachsenwerden von Prue funktioniert jedoch nicht, da sie es zu Beginn bereits größtenteils ist und die Einsicht, dass auch Erwachsene kindisch sein dürfen, nicht kommt und das Thema vor allem nicht ausreichend thematisiert wird.

Da helfen die tollen Nebencharaktere auch nicht weiter, die allesamt magisch sein könnten, es aber nicht sein dürfen. Fast jeder Nebencharakter dient einem Zweck. Der Räuberkönig dient als Gegenspieler Alexandras, die Eule Rex ist für Exposition da und die Wahrsagerin führt Prue endlich wieder zum Ort des Geschehens. Keiner dieser Charaktere erhält Hintergründe, spannende Aufgaben oder irgendeine andere Funktion, als den Hauptcharakteren und deren Geschichte zu dienen.

So haben wir hier mit Wildwood einen Film, dessen beste Figur nur der Co-Star ist, während die Hauptfigur Prue völlig uninteressant bleibt, da sie keinerlei Entwicklungspotenzial offenbart. Die Antagonistin hat zwar genau einen nachvollziehbaren Grund für ihre Taten, doch fehlt es ihr darüber hinaus an Tiefe und Erklärungen, warum sie sie besessen von ihren Plan ist. Nebencharaktere gibt es dabei zwar viele, doch bleiben sie eher blass und ihre fehlende, echte Relevanz enttäuscht zunehmend. Dass das Drehbuch dermaßen versagt, während dieses riesige Projekt sonst seine Versprechen einlöst, ist schade. Doch können wir das zugunsten einer guten Tat für dieses einzigartige Werk auch nicht einfach ignorieren.

Fazit

Eines sagen wir vorweg: Obwohl uns Wildwood vor allem beim Drehbuch ziemlich enttäuscht, löst der Film seine visuellen und gestalterischen Versprechen klar ein. Alleine, dass es ein Studio gibt, dass einen solch risikohaften Film ins Kino bringt, während andere immer vorsichtiger werden, verdient Respekt. Und diesen Respekt zollt man mit einem Kinoticket. Denn Wildwood bleibt ein beeindruckender Film. Doch funktioniert der Hauptcharakter nicht, während der Co-Star zum eigentlichen Helden wird. Die düstere Erzählung setzt dadurch falsche Prioritäten, die der Geschichte nicht dienlich sind. Vor allem aber fehlt dadurch die Magie, durch die ein solcher Film zum Meisterwerk hätte werden können. Was bleibt, ist ein visuell beeindruckendes Kinoerlebnis, das seinem Aufwand und seiner Schönheit geschichtlich nicht gerecht wird.

Wildwood läuft seit dem 5. November in den deutschen Kinos.

Wildwood Bewertung
Bewertung des Films
610

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