
Bewertung: 2.5 / 5
„Die Odyssee“ von Christopher Nolan ist wohl der mittelmäßigste Film, den der große Regisseur in seiner Karriere abgefilmt hat. Dieser Film ist weit davon weg, ein Meisterstück wie „Oppenheimer“ und „Interstellar“ zu sein, jedoch auch bei weitem kein Reinfall wie „Tenet“. Irgendwo dazwischen ordnet sich Nolans Interpretation der Geschichte Homers ein. „Die Odyssee“ ist leider nichts Halbes und nichts Ganzes, wird seinem Hype unter Kritikern und Zuschauern überhaupt nicht gerecht und lässt mich mit vielen Fragezeichen zurück.
Insgesamt frage ich mich bei „Die Odyssee“, was Nolan in dieser Geschichte gesehen haben mag und weswegen er unbedingt seine Interpretation dem berühmten literarischen Stoff aufzwingen musste. Der Film wirkt wie eine Mischung aus „Interstellar“ und „Oppenheimer“, beinahe wie ein spiritueller Nachfolger des letzteren Films.
Trailer zu Die Odyssee
Die Geschichte erinnert an „Interstellar“, weil es auch um einen Mann geht, der weit, weit von seiner Familie entfernt wird und dessen einziges zentrales Ziel es ist, nach Abschluss seiner Mission zurück nach Hause zu kehren. Gelingen mag das jedoch nur nach einer Ewigkeit. Zugleich ist Nolans Erzählung ähnlich zu „Oppenheimer“, weil es um einen gebrochenen Mann geht, der mit seinem eigenen erfinderischen wie genialen Geist ringt, der auf einer tief moralischen Ebene sein eigenes Handeln infrage stellt und nur wegen seiner Taten tausende Tode zu verantworten hat.
Das Problem an der Sache ist, dass „Die Odyssee“ einerseits nicht annähernd so emotional und persönlich geschrieben ist wie ein „Interstellar“, sogar auf jener Ebene geradezu flach ausfällt. Und andererseits nicht annähernd das politisch wie moralisch Ambivalente, das persönlich wie moralisch Graue, das historisch wie gesellschaftlich Aktuelle eines „Oppenheimers“ aufweist. Stattdessen lässt sich die Figur des Odysseus bei Christopher Nolan auf eine leere, klischeebeladene Hülle von alledem reduzieren.
Mit Nichts von dem, was gezeigt wird, kann sich der Zuschauer auf einer emotionalen, tiefergehenden Ebene verknüpfen. Denn letztendlich bleiben die Motive und Themen in Nolans „Die Odyssee“ erschreckend eindimensional: Der trojanische Krieg ist keine Heldengeschichte, sondern Krieg wird in seinem Wesen als schlecht identifiziert; Odysseus ist keine heroische Figur, sondern versucht als traumatisch Geplagter, aufgeladen mit Schuld, heimzukehren. All das verbleibt emotional jedoch absolut distanziert.
Zudem fehlt dem Film gänzlich jedwede politische oder tagesaktuelle Relevanz. Nicht, dass jeder Film oder ausgerechnet Nolan dies bereitstellen müsste. Aber der Regisseur hat sich zuletzt immer als sehr feinfühlig erwiesen, was den Zustand unserer Welt betrifft. Allein „Oppenheimer“ hätte angesichts seiner inhaltlichen Brisanz zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können. Auch Wolfgang Petersens „Troja“ erwies sich, entstanden im Schatten von 9/11 und des Irak-Krieges, als politisch äußerst pointiert, zeichnete er den trojanischen Feldzug doch als einen aus Lügen und falschen Motiven vom Zaun gebrochenen „gerechten“ Krieg.
„Die Odyssee“ hingegen enthält nichts dergleichen. Es bleibt von Anfang bis Ende eine lose Adaption der Vorlage, die von Nolan ihren Stempel aufgedrückt bekommt. In dieser Hinsicht muss auch gesagt werden, dass der Film, leider wie es zu erwarten und zu befürchten war, die berühmte Odyssee in 170 Minuten Film quetscht und entsprechend durch die vielen bekannten Stationen hetzt. Natürlich kann so ein Film nicht alles aus der literarischen Vorlage übernehmen.
In seiner Gesamtheit war ich sogar überrascht davon, wie viel Nolan dann doch sehr getreu der Vorlage in seiner Interpretation umgesetzt hat. Die wichtigsten Stationen der Odyssee sind enthalten. Manches lässt Nolan weg, wieder anderes, manchmal auch eher Unbekannteres, nimmt er auf. Nur leider kann nichts von alledem atmen. Der Film kommt nie zur Ruhe. Die meisten Stationen klappert Nolan einfach nur ab, nahezu beiläufig. Es gibt selten eine Lektion oder eine Erkenntnis. Odysseus und seine Männer betreten eine Insel und 15 Minuten später rennen sie wieder zu ihren Booten und fliehen.
Dabei erweist sich der Film in Momenten als äußerst detailverliebt, wiederrum ärgert man sich an anderen Stellen dann, warum Nolan ausgerechnet dort von der Vorlage abweichen muss. An der Stelle ist „Die Odyssee“ wirklich höchst widersprüchlich. Das betrifft auch die historische Genauigkeit. In wenigen Momenten ist der Film inszenatorisch enorm clever. Zum Beispiel musste ich wirklich schmunzeln, als ich gesehen habe, wie die Trojaner das hölzerne Pferd hinter ihre Stadtmauern bekommen. Historiker wissen um jene Debatte. In anderen Momenten hingegen stellt sich der Film als historisch dermaßen hanebüchen heraus. Natürlich kann man über die Outfits, über das Vokabular oder die Schiffe diskutieren. Gegen Ende jedoch gibt es eine Dialogsequenz, bei der ich fast aus dem Stuhl gefallen wäre, so historisch unsinnig war sie doch (Odysseus erwähnt die Bronzezeit und ordnet seine eigene Zeit in diese ein).
Generell schafft es Nolan für mich nie, eine gute Balance aus seinem Anspruch für Realismus und den fantastischen Elementen der Odyssee herzustellen. Sein Realismuswahn führt dazu, dass eine Bodyhorror-Sequenz bei Kirke oder eine Horror-Action-Sequenz mit dem Zyklopen fast schon fehl am Platz wirken. Anstatt beim Realismus zu bleiben, meinetwegen die berühmten Stationen auf Odysseus‘ Irrfahrt aus einer historischen Brille neu zu interpretieren oder sich vollständig den fantastischen Elementen, die dann auch mal künstlich wirken dürfen, hinzugeben, mag der Kompromiss und Mittelweg dieses Films kaum zu gefallen. So ärgert man sich über die gesamte Laufzeit dann doch zu häufig darüber, warum das eine akkurat dargestellt wird und das andere wiederrum nicht; wieso Nolan in bestimmten Momenten äußerst detailverliebt erscheint, an so vielen anderen dann jedoch überhaupt nicht.
Inszenatorisch setzt sich die Widersprüchlichkeit dieses Films fort. Christopher Nolan schwört mal wieder auf echtes Filmmaterial und entscheidet sich obendrein dafür, den gesamten Film mit echten IMAX-Kameras zu drehen. Das mag für den einen künstlerisch wertvoll und detailverliebt erscheinen, bringt in der Realität jedoch nahezu nichts ein. 99 Prozent aller Zuschauer werden „Die Odyssee“ nie im ursprünglichen IMAX-Format zu Gesicht bekommen, weil dafür die Infrastruktur überhaupt nicht existiert. Zudem gibt Nolan selber zu, alles für das klassische Cinemascope optimiert gedreht zu haben, wodurch der erweiterte IMAX-Raum buchstäblich zum toten Raum ohne echten Mehrwert wird. IMAX bleibt eine elitäre Technologie, die nur aufgrund künstlicher Verknappung einen Premiumcharakter erhält.
Dafür schränkt sich Nolan sogar extra ein. Seine IMAX-Kameras können keine Szenen drehen, die länger als drei Minuten dauern. Außerdem musste er seinen fertigen Film unbedingt auf unter drei Stunden Laufzeit herunterkürzen, weil echte IMAX-Projektoren keinen Film abspielen können, der länger ist. Viele Einschränkungen für einen Filmnerd, der an einer Technologie ohne Zukunft festhält. Sogar später im Heimkino wird das echte Format für niemanden zugänglich sein. Der komplette Film wird schon bald in Filmarchiven verschwinden und niemand wird ihn mehr zu Gesicht bekommen.
Keine Frage, Nolan fährt inszenatorisch wieder so einige starke und beeindruckende Bilder auf. Auch im Cinemascope-Format. Nur leider ist „Die Odyssee“ in vielen Abschnitten ein wildes Hin- und Hergeschneide. Das trifft auf die einfachsten Dialogszenen zu. Ob es daran lag, weil Nolan den Film unbedingt unter drei Stunden Laufzeit halten musste, kann nur vermutet werden. Jedoch wirkt der Film phasenweise beinahe zerschnitten. So ergeht es auch den zahlreichen Dialogszenen, die ab der ersten Minute nur so über den Zuschauer hereinbrechen. Vieles bleibt beiläufig und wird viel zu schnell heruntergerattert. Was für die Bilder gilt, gilt auch für die Dialoge: Nichts darf atmen; nichts darf wirken.
Und wenn das einen noch nicht genug stört, ist da ja noch das offensive Casting der neueren Nolan-Filme. Keine etwas größere Rolle ohne einen bekannten Hollywood-Star. Was bei „Oppenheimer“ noch funktionierte und nicht allzu sehr ablenkte, wirkt bei „Die Odyssee“ leider nur noch nervig. Es reißt wirklich aus der Illusion einer dreitausend Jahre alten Geschichte, wenn in jeder Szene ein neuer bekannter Star abgefilmt wird. Und obendrauf kommt dann noch die Amerikanisierung des ganzen Casts. Dass unter den alten Griechen nun nicht nur Weiße herumstiefeln müssen, damit rechne ich ja noch. Aber wenn dann unter Odysseus und Co. tatsächlich jede amerikanische Community inklusive Ostasiate auftauchen muss, dann zweifelt man schon mal irgendwann am Willen, etwas historisch so gut es einem möglich ist abzufilmen.
Fazit: Selbst wenn man jede Kontroverse um Christopher Nolans „Die Odyssee“ beiseiteschiebt, ist dabei am Ende des Tages immer noch kein richtig guter Film herausgekommen. Selbst wenn man alle technischen und inszenatorischen Aspekte hervorhebt und lobt, dann bleibt die inhaltliche Ebene dennoch weitestgehend eindimensional in seinen Motiven, emotional distanziert in seiner Charakterzeichnung und widersprüchlich in seiner Umsetzung.
Am besten wird das durch eine Sequenz verdeutlicht: Christopher Nolan entscheidet sich dafür, Odysseus‘ treuen Hund Argos in seine Adaption aufzunehmen, einen Teil, den man auch angesichts des Umfangs der Vorlage hätte auslassen können. Nun nimmt er es im Film auf, lässt es aber als Beiläufigkeit verkommen. Es hätte ein hochemotionaler Moment für Odysseus und die Zuschauer im Film sein können, als der sterbende Argos seinen Herrn wiedererkennt. Stattdessen bleibt das Motiv auf der Strecke, die Szene bleibt zu jedem Zeitpunkt emotional kalt und ein echter Mehrwert für den Film und seine Themen bleibt aus. „Die Odyssee“ ist nicht zu Odysseus, sondern zu Nolans Irrfahrt geworden.


