
Bewertung: 4 / 5
Schon die ersten Minuten machen deutlich, worauf Spider-Noir seinen Schwerpunkt legt. Verregnete Straßen, schummrige Bars, korrupte Politiker und zwielichtige Gestalten bestimmen das Bild im New York der 30er Jahre. Die Noir-Atmosphäre ist dabei ohne Zweifel die größte Stärke der Serie.
Besonders auffällig ist die visuelle Gestaltung. Spider-Noir kann sowohl in Schwarz-Weiß als auch in Farbe angesehen werden. Während die Schwarz-Weiß-Fassung die Licht- und Schatteneffekte besonders eindrucksvoll zur Geltung bringt und den klassischen Film-Noir-Stil konsequent umsetzt, überzeugt auch die Farbversion mit kräftigen Bildern und einer überraschend lebendigen Optik. Wir legen euch die monochrome Variante ans Herz (bzw. an die Fernbedienung), weil sie die Stimmung noch dichter wirken lässt. Gleichzeitig macht aber auch die Farbversion großen Spaß. Tatsächlich lohnt es sich, gelegentlich zwischen beiden Fassungen zu wechseln, um die unterschiedliche Wirkung einzelner Szenen selbst zu erleben. Wir sind beindruckt, welchen Unterschied das machen kann. Aber Achtung: Vereinzelt berichteten Zuschauer allerdings von Schwierigkeiten beim Umschalten zwischen der Farb- und Schwarz-Weiß-Version.
Wovon handelt Spider-Noir?
Im Zentrum steht Nicolas Cage als gealterter Privatdetektiv Ben Reilly und widerwilliger Held. Und es ist der Cage, den wir lieben. Allerdings spielt er die Figur deutlich zurückhaltender, als man es von ihm erwarten würde, und genau das funktioniert erstaunlich gut. Statt exzentrischer Ausbrüche prägen Melancholie, Müdigkeit und trockener Humor seine Interpretation. Dadurch wirkt die Figur glaubwürdig und passt perfekt zur düsteren Grundstimmung. Dabei verliert die Serie nie aus den Augen, wer ihr Held eigentlich ist. Zahlreiche Anspielungen auf die Spider-Man-Mythologie und vertraute Motive sind klar erkennbar, werden aber geschickt an die düstere Noir-Welt angepasst. Das Ergebnis ist ein deutlich dunklerer Spider-Man, der trotzdem unverkennbar Spider-Man bleibt.
Die ersten drei Folgen dienen vor allem dem Aufbau von Welt, Figuren und Konflikten. Spider-Noir spielt in einer eigenen, alternativen Marvel-Welt, die lose auf dem Comic-Universum Erde-90214 (Spider-Man Noir) basiert. Die Pilotfolge überzeugt mit ihrem starken Einstieg und etabliert den Ton der Serie sehr sicher. Das Intro erklärt den Fall des Helden vor fünf Jahren. Die zweite Episode konzentriert sich stärker auf die Ermittlungsarbeit und setzt eher auf Atmosphäre als auf große Überraschungen. In der dritten Folge gewinnen die Figuren und ihre Beziehungen zueinander spürbar an Kontur, sodass die Handlung erstmals richtig Fahrt aufnimmt. Wenn die bisherigen Kritiken recht behalten, dürfte die Serie diesen Weg konsequent weitergehen.
Die Figuren neben Cage machen ihren Job ordentlich. Die Seele der Serie wird wohl Maria sein, gespielt von Karen Rodriguez, welche Bens Assistentin spielt und dafür sorgt, dass unser Held auch an die alltäglichen Dinge denkt. Die Dialoge mit ihr machen Spaß. Li Jun Li verkörpert die geheimnisvolle Layla, eine Femme fatale, die Ben in den zentralen Fall hineinzieht. Auch sie gefällt uns sehr gut.
Allerdings solltet ihr nicht viel zu viel erwarten. Trotz der sehr gelungenen Inszenierung bleibt die Geschichte bislang recht vertraut. Viele Motive stammen direkt aus klassischen Noir-Erzählungen oder bekannten Superheldengeschichten. Überraschende Wendungen oder besonders innovative Ideen sucht man bislang eher vergeblich. Die Handlung erfüllt ihren Zweck, erreicht aber nicht immer die Qualität der visuellen Umsetzung.
Produktionstechnisch hinterlassen die ersten drei Episoden einen sehr hochwertigen Eindruck. Ausstattung, Kostüme, Kameraführung und Musik greifen hervorragend ineinander und erschaffen eine Welt, die sich deutlich vom üblichen Superheldeneinerlei abhebt. Gerade Fans klassischer Detektivgeschichten dürften hier auf ihre Kosten kommen.
Fazit
Spider-Noir startet stark. Die Serie überzeugt vor allem durch ihre außergewöhnliche Atmosphäre, ihre beeindruckende Bildsprache und einen hervorragend besetzten Nicolas Cage. Erzählerisch bewegt sie sich bislang auf vertrautem Terrain und verlässt sich stärker auf Stil als auf große Überraschungen. Wer Noir-Filme, Detektivgeschichten und ungewöhnliche Marvel-Experimente mag, findet in den ersten drei Folgen einen vielversprechenden Auftakt. Ob die Serie am Ende zu den ganz großen Superheldenproduktionen zählen wird, bleibt offen – neugierig auf die kommenden Episoden macht sie aber allemal.


