
Bewertung: 4 / 5
Mit VisionQuest erscheint jetzt das Finale einer Serientrilogie, die vor fünf Jahren mit WandaVision begann und durch Agatha All Along vor zwei Jahren fortgesetzt wurde. Die ersten beiden Serien gehören qualitativ wohl mit zum Originellsten, was von Marvel in den letzten Jahren veröffentlicht wurde. Kann das Finale dem hohen Niveau seiner beiden Vorgänger gerecht werden und diese Trilogie zu einem zufriedenstellenden und runden Abschluss führen?
Unsere Review zu VisionQuest
Vision lebt im Verborgenen, seit er neu gestartet wurde und jenen entkommen ist, die ihn als Waffe einsetzen wollten. Auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn wendet er sich an die in seiner Programmierung eingebetteten KI-Persönlichkeiten, darunter F.R.I.D.A.Y., E.D.I.T.H., J.A.R.V.I.S. und den berüchtigten Ultron. Sein unauffälliges Leben findet ein jähes Ende, als ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wird und er gemeinsam mit Thomas Shepard auf der Flucht ist, einem mysteriösen Jungen, der möglicherweise Visions Sohn in einer neuen Inkarnation ist. Während Vision der Gefangennahme entgeht, muss er sich seiner eigenen Natur stellen, Ultrons Einfluss widerstehen und das Rätsel um seinen jungen Gefährten lösen, wenn er überleben will.
Trailer zu VisionQuest
Wir hatten kurz die Idee, euch diese Review in Code-Form, bestehend aus Einsen und Nullen, zu präsentieren, aber damit wären wir vermutlich ein wenig zu weit gegangen. Eine andere Idee wäre gewesen, diese Review von einer KI schreiben zu lassen. Natürlich haben wir auch diese sofort verworfen, wenngleich es wohl selten so passend gewesen wäre, wie in diesem Fall. Es ist jedoch immer ein gutes Zeichen, wenn eine Serie einen aufgrund ihrer Identität zu solch neuen, ungewöhnlichen Einfällen treibt. Und dies sagt schon einiges über VisionQuest aus.
Im Ganzen schafft es VisionQuest nicht nur, eine gute eigenständige Serie zu sein, mit spannenden Ideen und so viel Vision wie bisher noch nie, sondern auch ein wirklich gelungener und zufriedenstellender Abschluss der Serientrilogie zu sein. Und das alles unter einen Hut zu bringen, ist durchaus eine Kunst.
Dabei ist die Serie nicht perfekt und bietet durchaus Angriffsflächen. Im Laufe der acht Episoden kommt es immer wieder zu Momenten, in denen man den Sinn oder die Logik hinterfragen kann. Weil wir euch nichts spoilern wollen, werden wir auf konkrete Beispiele verzichten. Es ist eben merkwürdig, wenn in einem Moment bestimmte Dinge einfach so geschehen können, im nächsten aber Vergleichbares sich plötzlich als große Schwierigkeit erweist. Auch die Fähigkeiten und Kräfte der Charaktere schwanken spürbar im Laufe der Episoden, immer so, wie es das Drehbuch gerade haben möchte, aber nicht so, wie es eigentlich Sinn ergeben würde. Dies sind Probleme, die leider sehr oft gerade bei Comicverfilmungen vorkommen und auch bei VisionQuest Einzug erhalten.
Wie sehr solche Kritikpunkte am Ende ins Gewicht fallen und Einfluss auf die Bewertung haben, hängt immer von der restlichen Qualität des jeweiligen Produkts ab. Reden wir von einer insgesamt eher schlechten und enttäuschenden Serie, fallen diese Kritikpunkte noch stärker auf und behindern den allgemeinen Spaß, den man beim Schauen gerne haben möchte. Bietet die Serie jedoch eine durchaus gelungene, vielleicht sogar hochwertige Unterhaltung, bei der die positiven Aspekte bei weitem überwiegen und der Spaß im Vordergrund steht, so bemerkt man zwar auch hier diese Kritikpunkte, kann sie aber gut ausblenden und viel leichter verzeihen und akzeptieren. Bei VisionQuest handelt es sich zum Glück um so einen letztgenannten Fall.
Genau wie bei den beiden Vorgängerserien handelt es sich bei VisionQuest um etwas ganz Eigenes. Gleichzeitig wird aber auch durch viele Elemente und Einfälle deutlich, dass dies im Kern Teil der selben Trilogie ist, und gerade die Verbindung zu WandaVision wird mehrmals auf unterschiedliche Weise und mit vertrauten Themen sehr deutlich. Dadurch schafft man es auch, die Trilogie zu einem tollen, auch inhaltlich gelungenen und wie wir finden sehr zufriedenstellenden Abschluss zu bringen.
Dabei ist es den Machern anzurechnen, dass sie mit der Figur des Vision nicht komplett auf Action setzen oder sich zu sehr in der Science-Fiction und virtuellen Welten verlieren. Wenngleich VisionQuest sein eigenes Ding ist, so spürt man im Kern, im zugrunde liegenden Code, wenn man so möchte, dass dies hier eine deutliche Fortsetzung der vorherigen beiden Serien ist und sich daran auch orientiert wird. Identität, Trauer, Familie – viele der Themen, die WandaVision und Agatha All Along thematisiert haben, finden sich auch hier wieder. Wenngleich auch nicht ganz so tief emotional wie bei WandaVision, so zeigen die KI-Persönlichkeiten hier doch immer noch mehr Emotionen und Empathie als so mancher Politiker unserer heutigen Zeit.
Visuell weiß die Serie definitiv zu überzeugen. Dabei handelt es sich hierbei um eine gar nicht mal so effektlastige Serie, wie man zunächst denken würde. Bestimmt auch aus Budget-Gründen hält man sich hier etwas zurück. Was nicht heißt, dass man sich nicht auf so manche Schauwerte freuen darf. Doch vor allem überzeugt die Serie mit tollen und kreativen visuellen Ideen, die mal mehr und mal weniger offensichtlich in den Episoden eingebaut sind. Dazu zählt etwa ein pixeliges Kaminfeuer, welches einem auf den ersten Blick so vielleicht gar nicht direkt auffällt. Solche und weitere Kleinigkeiten zeigen, wie viel Spaß die Macher und Designer während der Produktion der Serie gehabt haben müssen.
Zum größten Pluspunkt der Serie kommen wir jetzt, nämlich den Schauspielern. Wenn man sich VisionQuest nur wegen einer Sache ansehen sollte, dann wegen des tollen und unterhaltsamen Schauspiels der Beteiligten. Die Sets sind toll, die Effekte sind, was man erwarten kann, und die Story ist sicher interessant, aber Spaß machen hier vor allem die Schauspieler.
Als Allererstes muss man hier natürlich Paul Bettany nennen, der endlich nach all den Jahren richtig viel Raum bekommt, um uns so viel von Vision zu geben, wie im ganzen MCU bisher nicht. Und man merkt, dass er dies genießt. Dabei schafft er es auch sehr gekonnt, mit seinem Schauspiel deutlich zu machen, dass dieser Vision nicht derselbe ist, wie der Vision, den wir bislang kannten. Ein Blick in sein Gesicht reicht, um zu wissen, mit welcher Inkarnation wir es hier gerade eigentlich zu tun haben. Und ohne zu viel zu verraten, bekommt er im Laufe der Episoden einige tolle Szenen, in denen Bettany sich schauspielerisch austoben kann.
Wer Vision sagt, muss auch Ultron sagen. James Spader feiert seine Rückkehr ins MCU und was für eine! Jede einzelne seiner Szenen ist ein reiner Genuss, und es gibt verdammt viele Szenen mit ihm. Er spielt hier nicht nur einen Charakter, der mal eben vorbeikommt, um ’Hallo’ zu sagen. Er ist klar die zweite Hauptrolle der Serie mit entsprechender Screentime. Den Spaß, den Spader dabei hat, ist zu jeder Zeit ersichtlich. Avengers - Age of Ultron zählt nicht unbedingt zu den beliebtesten MCU‑Filmen unter den Fans und auch der dortige Umgang mit Ultron wird oft kritisiert. Umso schöner ist es zu sehen, dass man Spader hier eine weitere Möglichkeit als Ultron gewährt hat, und wir sind uns sicher, dass viele Fans sehr viel Spaß mit ihm haben werden.
Auch der restliche Cast weiß größtenteils zu überzeugen. James D’Arcy kehrt unter anderem als Avatar von Jarvis zurück, einer der vielen Bewohner in Visions geistigem (virtuellem) Zuhause. Auch Todd Stashwick legt einen gelungenen Auftritt als Paladin hin, der definitiv so viel Spaß macht, dass man sich schon jetzt über weitere Auftritte mit ihm, vielleicht ja in Verbindung mit Jon Bernthals Punisher, freuen würde.
Weil dies aktuell bei jedem Marvel-Projekt ein Thema ist: Konkrete Verbindungen zu Avengers - Doomsday gibt es hier nicht. Und bis auf eine Szene während des Abspanns der letzten Folge gibt es auch keinerlei Post-Credit-Szenen in den Episoden, auf die ihr warten müsst. Diese haben zudem alle eine ungefähre Laufzeit von um die 50 Minuten, mal ein paar Minuten mehr, mal etwas weniger. Bis auf die beiden letzten Episoden, die haben eine Laufzeit von etwas mehr als 60 Minuten.
Fazit
Mit VisionQuest gelingt ein wirklich gelungener und vor allem unterhaltsamer Abschluss einer kreativ mindestens faszinierenden Serientrilogie. Die Geschichte steht zwar für sich, gleichzeitig schafft man es aber auch, das fortzuführen und schließlich zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu bringen, was mit WandaVision begonnen wurde.
Die Serie ist nicht perfekt und hat sicherlich auch ihre Fehler. Aber wenn etwas so gut zu unterhalten weiß, sodass die vorhandenen Kritikpunkte kaum ins Gewicht fallen und nichts vom eigentlichen Spaß nehmen, spricht das definitiv für die Serie als Ganzes. Und VisionQuest macht alleine schon dank der tollen Darsteller und ihrer wirklich tollen Leistungen verdammt viel Spaß.
Denn wenn man nur einen Grund benötigt, sich diese acht Episoden anzusehen, dann wären dies Paul Bettany und vor allem der grandiose und gut aufgelegte James Spader. Gemeinsam und getrennt sind vor allem diese beiden mit ihrem tollen Schauspiel maßgeblich für den hohen Unterhaltungsfaktor von VisionQuest verantwortlich.


