
Wenn von Filmzensur die Rede ist, denken die meisten Menschen an herausgeschnittene Gewaltszenen. An beschlagnahmte Horrorfilme. An schwarze Balken oder plötzlich abbrechende Einstellungen.
Doch die wirksamste Form der Zensur fällt vielen Zuschauern überhaupt nicht auf.
Man sieht sie nicht...
Man hört sie!
Seit Jahrzehnten werden ausländische Filme für den deutschen Markt synchronisiert. Meist geschieht das professionell und werkgetreu. Doch immer wieder wurden Dialoge verändert, Aussagen abgeschwächt oder ganze Figuren neu interpretiert. Manchmal geschah dies aus politischen Gründen, manchmal aus Rücksicht auf das Publikum, manchmal aus wirtschaftlichen Erwägungen. Und gelegentlich entstand daraus etwas völlig Neues.
Die Geschichte der deutschen Synchronisation ist deshalb weit mehr als die Geschichte bloßer Übersetzungen. Sie ist auch eine Geschichte von Anpassung, Umdeutung und gelegentlich sogar Zensur.
Der Film, den Deutschland nie sehen sollte
Der vielleicht spektakulärste Fall stammt ausgerechnet von einem der berühmtesten Filme aller Zeiten.
Als Casablanca Anfang der fünfziger Jahre erstmals in Deutschland erscheinen sollte, stand man vor einem Problem. Der Film erzählt vom Kampf gegen den Nationalsozialismus. Die Helden sind Widerstandskämpfer. Die Nazis sind die Bösewichte.
Nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien das offenbar nicht jedem Verantwortlichen als ideale Grundlage für eine deutsche Kinofassung. Also entschied man sich für eine radikale Lösung. Man übersetzte den Film nicht einfach. Man schrieb ihn um.
Aus dem tschechischen Widerstandskämpfer Victor Laszlo wurde ein norwegischer Wissenschaftler namens Victor Larsen. Politische Zusammenhänge verschwanden. Hinweise auf Konzentrationslager verschwanden. Die deutsche Besatzung Europas verschwand. Selbst die berühmte Szene, in der die Gäste von Rick´s Café die deutschen Offiziere mit der Marseillaise übertönen, wurde entfernt.
Wer die damalige deutsche Fassung sah, bekam nicht denselben Film präsentiert wie das internationale Publikum. Er bekam eine völlig neue Geschichte.
Heute gilt dieser Eingriff als einer der extremsten Fälle von Synchronisationszensur überhaupt. Gerade deshalb wirkt er wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Eine Kuriosität der Nachkriegsjahre. Ein Kapitel der Filmgeschichte, das längst abgeschlossen scheint.
Doch genau hier beginnt die eigentliche Geschichte.
Denn die Manipulation durch Synchronisation verschwand nie. Sie wurde lediglich subtiler.
Stirb Langsam und die verschwundenen Deutschen
Springen wir ins Jahr 1988.
Bruce Willis wird mit Stirb langsam Die Hard über Nacht zum Actionstar. Alan Rickman erschafft mit Hans Gruber einen der charismatischsten Filmschurken der Kinogeschichte. Im Original ist dabei völlig klar, wer Gruber und seine Männer sind: Deutsche!
Sie sprechen Deutsch. Sie stammen aus Deutschland und mehrere Dialoge beziehen sich ausdrücklich darauf.
Doch in der deutschen Synchronfassung beginnt plötzlich eine merkwürdige Verwandlung: Hans wird zu Jack, Karl wird Charlie, Heinrich wird Henry, Fritz wird Fred… und der ein oder andere bekommt einen italienischen Akzent.
Auch verschiedene Dialoge, die eindeutig auf Deutschland verweisen, werden umgeschrieben und andere in ihrer Kaltblütigkeit entschärft.
Ein besonders kurioses Beispiel betrifft eine Bemerkung über Berlin. Im Original erwähnt einer der Terroristen beiläufig, dass er eine bestimmte Stereoanlage mehrfach in Berlin besitzt. In der deutschen Fassung verschwindet Berlin komplett aus dem Gespräch. Stattdessen stand die Anlage im Büro des Gefängnisdirektors.
Als Beispiel wird die entschärfte Skrupellosigkeit in einem Dialog zwischen Takagi und Hans Gruber deutlich:
Original:
Takagi: „[…] I´m telling you, you´ll just have to kill me!”
Hans: “Okay, we do it the hard way!”
Synchro:
Takagi: „[…] Wenn Sie mir nicht glauben, müssen Sie mich umbringen!“
Hans: „Leider. Dann eben auf die harte Tour, schade!“
Die Handlung bleibt erhalten. Der Sinn der Szene ebenfalls.
Doch sowohl die Härte, als auch die deutsche Herkunft der Figuren wird im Laufe des Films Stück für Stück verwischt.
Warum?
Eine offizielle Erklärung existiert nicht. Die Vermutung liegt allerdings nahe: Deutsche Terroristen als zentrale Schurken eines großen Hollywood-Blockbusters erschienen Ende der achtziger Jahre für den deutschen Markt möglicherweise als problematisch und, auch wenn er den wehrlosen Takagi kaltblütig ermordet, sollte man doch den Eindruck gewinnen, Hans Gruber erledigt seinen Job nicht ganz ohne Reue.
Das Interessante daran ist nicht die Größe des Eingriffs. Es ist seine Unsichtbarkeit. Die meisten Zuschauer bemerkten ihn nie. Wer nur die deutsche Fassung kennt, wird kaum auf die Idee kommen, dass hier überhaupt etwas verändert wurde.
