
Bewertung: 2 / 5
Ich muss (mal wieder) etwas weiter ausholen, um meine Kritik zu begründen...
Vom Kampf für die User zur seelenlosen Marke: Eine filmhistorische Dekonstruktion von "Tron: Ares"
Trailer zu Tron - Ares
Einleitung: Die Geburt eines digitalen Mythos (1982)
Als Tron 1982 in die Kinos kam, war das Werk seiner Zeit visuell und konzeptionell so weit voraus, dass der kommerzielle Erfolg zunächst ausblieb. Doch für eine Generation, die gegen Ende der 1980er-Jahre aufwuchs, war dieser Film weit mehr als nur Unterhaltung. Er war eine Offenbarung. Für mich selbst, der seine ersten Gehversuche in der Programmierung mittels GFA-Basic auf einem Atari 260 ST beging, lieferte Tron die perfekte Metapher für das Innenleben eines Computers. Fehlerhafte Programmierungen und frustrierende Endlosschleifen, die das System zum Absturz brachten, wurden in der kindlichen Fantasie nicht als technisches Versagen, sondern als heroischer Widerstand gegen das tyrannische Master Control Program (MCP) interpretiert.
Der Film romantisierte den Akt der Softwareentwicklung. Die Vorstellung, als Entwickler ("User") in die eigene Schöpfung hineingezogen zu werden, dort Abenteuer zu bestehen und genuine digitale Freundschaften zu knüpfen, besaß eine enorme Faszination. Die symbiotische Beziehung zwischen dem Sicherheits- und Überwachungsprogramm Tron und seinem Schöpfer Alan Bradley bildete das emotionale und moralische Rückgrat der Erzählung. Unvergessen bleiben Dialoge zwischen Kevin Flynn und den Programmen, wie: "Wer ist der Typ?" – "Das ist Tron. Er kämpfe für die User!", oder natürlich die epische Schlüsselszene, in der Tron Kontakt zu Alan aufnimmt, um essenzielle Daten auf seinem Identitäts-Diskus zu speichern, gefolgt von dem ikonischen Dialog: "Hier Alan 1, bitte Empfang bestätigen!" – "Tron bestätigt Empfang!" – "Ich programmiere alle Informationen auf Deinen Diskus ein, die den MCP löschen und das System verändern werden. Du musst den Diskus in die zentrale Schnittstelle des MCP einsetzen. Die Schnittstelle des Systemkerns befindet sich im Basisbereich. Wir werden nur dann wieder miteinander in Verbindung treten können, wenn Du Erfolg gehabt hast. Viel Glück!"
Trons folgender Kommentar bringt das Pathos und die Bedeutung dieses Moments für das gesamte Raster perfekt auf den Punkt:
"Dieser Diskus ist der Schlüssel für eine neue Ordnung! Er wird uns die Freiheit wiedergeben!"
Tron und sein User waren die ultimativen Helden einer technologischen Zeitenwende.
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"Tron: Legacy" (2010): Das Fundament bröckelt, die Ästhetik triumphiert
Mit einer inszenatorischen Lücke von fast zwei Jahrzehnten führte Tron: Legacy die Geschichte fort – und offenbarte dabei erste symptomatische Schwächen im narrativen Weltenbau. Das auffälligste erzählerische Manko war die Etablierung des TRON-Spielautomaten in der realen Welt. Der Film stellt den Zuschauer vor vollendete Tatsachen: Das Gehäuse trägt den Namen des Programms, ohne dass im Film jemals explizit erklärt wird, dass Kevin Flynn seine digitalen Erlebnisse nach seiner Rückkehr zu einem kommerziellen Arcade-Spiel verarbeitet hatte. Diese kausale Brücke wurde erst nachträglich im erweiterten Universum (der Graphic Novel TRON: Betrayal) ausformuliert. Für den reinen Filmenthusiasten blieb es ein narratives Konstrukt, das man schlicht erahnen oder akzeptieren musste, obwohl eine Erklärung für die Story doch sehr essenziell gewesen wäre: Der Automat dient im Film perfekt als symbolisches und physisches Tor zwischen den beiden Welten.
Dennoch funktionierte Legacy als audiovisuelles Gesamtkunstwerk. Der visionäre Soundtrack von Daft Punk verschmolz organisch mit den State-of-the-Art-Effekten und erzeugte eine unnachahmliche, hypnotische Atmosphäre. Auch die Tragödie des titelgebenden Helden wurde trotz drastisch reduzierter Screentime würdevoll fortgeschrieben. Trons Umprogrammierung durch Clu zum stummen Vollstrecker "Rinzler" spiegelte die Pervertierung des Systems wider. Sein finaler Akt der Emanzipation – die visuelle Rückkehr des blau-weißen Leuchtens, der Sturz in die Sea of Simulation und die historische Reminiszenz "Ich kämpfe für die User!" – bildete den emotionalen Höhepunkt des Films und sicherte die Flucht der Protagonisten.
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"Tron: Ares": Die endgültige Entfremdung von den eigenen Wurzeln
Mit dem dritten Teil, Tron: Ares, hat sich das Franchise endgültig meilenweit von seinen philosophischen und inhaltlichen Wurzeln entfernt. Wer die Filmreihe chronologisch verfolgt, wird mit einem massiven logischen Bruch konfrontiert: Das namensgebende Programm Tron sowie die fundamentale Prämisse seines Schöpfers Alan Bradley werden schlichtweg ignoriert. Die oberflächliche Erwähnung des Arcade-Spiels wirkt für den Gelegenheitszuschauer, der die Comic-Hintergründe nicht kennt, vollkommen unschlüssig. Aus "Tron" ist eine seelenlose Marke geworden – ein reines visuelles Etikett für Neon-Ästhetik, das seinen eigenen Namensgeber eiskalt opfert.
Anstelle einer kohärenten Weiterführung der Mythos-Substanz konzentriert sich die Handlung auf die neue, von Jared Leto verkörperte KI namens Ares und den generischen Konflikt zwischen den Tech-Giganten ENCOM und Dillinger Systems. Die erzählerische Qualität fällt dabei drastisch ab. Wenn das Drehbuch etabliert, dass ein hochkomplexer, digitaler Lebenszeit-Code innerhalb von exakt 29 Minuten übertragen werden muss, verlässt der Film den Pfad der technologischen Faszination und flüchtet sich in stumpfe Hollywood-Klischees. Besonders paradox: Die im Film dargestellte künstliche Intelligenz agiert in ihren logischen Mustern und Verhaltensweisen spürbar dümmer und limitierter als reale, uns heute bereits zur Verfügung stehende Sprachmodelle wie ChatGPT.
Auch auf der auditiven Ebene enttäuscht das Werk. Der Soundtrack von Nine Inch Nails schafft es nicht, die Fußstapfen von Daft Punk auszufüllen; die Musik wirkt oft deplatziert und verfehlt die symbiotische Verschmelzung mit den gezeigten Bildern. Einzig die handwerklich hervorragenden visuellen Effekte vermögen zu überzeugen. Ein seltener erzählerischer Lichtblick ist ein nostalgischer Abstecher auf das ursprüngliche Raster der 1980er-Jahre. In diesen wenigen Momenten harmonieren die Retro-Effekte und die musikalische Untermalung perfekt und lassen für Sekundenbruchteile die einstige Magie aufblitzen.
Fazit
Tron: Ares verlässt das Grid und verliert dabei seine Seele. Die einstmals visionäre Idee eines digitalen Mikrokosmos, in dem Programme für die Freiheit ihrer User kämpfen, wurde zugunsten einer austauschbaren KI-Invasionsgeschichte in der realen Welt fallengelassen. Was bleibt, ist ein visuell opulenter, aber erzählerisch hohler Science-Fiction-Film, der die emotionale Bindung zu seinen treuen Fans der ersten Stunde zugunsten einer vermeintlichen Massentauglichkeit leichtfertig verspielt hat.
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