
Bewertung: 3.5 / 5
Es ist schon ironisch, dass von den beiden aktuell größten Blockbuster-Regisseuren einer seine Filme komplett vor Greenscreens dreht, was dazu führt, dass sie wie Computerspielsimulationen aussehen, während der andere (fast) alle Effektszenen praktisch lösen möchte, was dann eben oft vergleichsweise unspektakulär ausfällt. Natürlich ist Nolans Ansatz Camerons seelenlosem 3D-Gehampel aus dem Rechner hundert Mal vorzuziehen, aber optimal wäre bei der Verfilmung eines fantastischen Stoffes eben eine gesunde Mischung aus praktischen und CGI-Effekten. Und leider offenbart "Die Odyssee" gerade an entscheidenden Stellen dann doch die Grenzen von Nolans selbstauferlegter Limitierung.
Die Laistrygonen, in der Vorlage noch als felsbrockenwerfende Riesen beschrieben, wirken hier so als habe man einfach einem American Football-Team Ritter-Rüstungen angezogen und Schwerter in die Hand gedrückt. Beim Seeungeheuer Skylla hat Nolan dagegen das aus "Der weiße Hai" bekannte Prinzip, das Monster zunächst nicht zu zeigen, zu "das Monster gar nicht zeigen" modifiziert. Und mehr als eine animatronische Riesenpuppe anzufertigen wäre wohl zu viel Aufwand gewesen, daher gibt es keine weiteren Zyklopen und die Polyphem-Episode muss bei Nolan ohne ihren ikonischsten Teil auskommen. Die Szene in Polyphems Höhle ist leider auch ein Beispiel für den teilweise konfusen Schnitt.
Trailer zu Die Odyssee
Eine weitere Limitierung, für die er allerdings nichts kann, ist Nolans Farbenblindheit, die dazu führt, dass seine Filme stets eine gedämpfte blau-graue Farbpalette aufweisen. Dennoch hätte sein Kameramann van Hoytema bei der Farbkorrektur hier doch gerne mal etwas mehr Sättigung reinmischen können, der Schauplatz ist immerhin der Mittelmeerraum und nicht Schottland. Und den Hades als schlammigen Strand darzustellen gehört jetzt auch nicht gerade zu den visuellen Leckerbissen der letzten Kinojahre. Ansonsten fangen Nolan und van Hoytema hier aber einige schöne Landschaftspanoramen ein.
In der abschließenden Actionszene erweist Nolan dann wohl seinem Hauptdarsteller Matt Damon Reverenz, indem er sie mit Bourne-mäßiger Wackelkamera (wie viele Männer hat es wohl gebraucht um die tonnenschwere IMAX-Kamera so stark zu rütteln?) filmt. Damon erhält hier wenig überraschend auch die größte Bühne, sein Schauspieltalent zu zeigen, während der Rest der namhaften Besetzung meist nicht über die Rolle von Stichwortgebern hinauskommt. Ausnahmen bilden Anne Hathaway und Tom Holland, deren gemeinsame Szenen aber unter einer schlecht austarierten Dynamik leiden, da Hathaway immer etwas drüber ist, während Holland zu zurückgenommen spielt.
Womit Nolan am meisten überzeugen kann sind einige überraschende kreative Entscheidungen. So verändert er Odysseus Motivation erheblich und fügt ihr einen Schuldkomplex hinzu, was erstaunlich gut funktioniert und in der stärksten Sequenz des Films mündet. In diesem Zusammenhang erweist sich auch die Doppelrolle von Zendaya als genialer Einfall und lässt auch den Verzicht auf die Darstellung anderer Götter wie Zeus oder Poseidon in einem neuen Licht erscheinen.
Natürlich ist die hier gewählte Thematik in Nolans Schaffen nicht neu, sondern geradezu eine Konstante, aber die besten Adaptionen sind nun einmal diejenigen, bei denen der Künstler die Vorlage nicht treudoof kopiert, sondern ihren Kern weitgehend erhält und dabei seinen eigenen Stempel aufdrückt. Mit dieser Neuinterpretation von Odysseus innerer Heldenreise fügt Nolan dem schon häufig umgesetzten Stoff interessante Facetten hinzu und rechtfertigt somit seine Adaption abseits der reinen Schauwerte.

