
Bewertung: 4 / 5
„Die Odyssee“ war neben „Dune: Part Three“ wohl mein meist erwarteter Film 2026. Christopher Nolan hat mich, abgesehen von „Dunkirk“ und „Tenet“, immer auf ganzer Linie überzeugt. Leider gelingt dies „Die Odyssee“ nicht ganz, aber immer noch besser als den beiden genannten Filmen.
Beginnen wir beim Positiven:
Trailer zu Die Odyssee
Inszenatorisch und audiovisuell ist „Die Odyssee“ großartig. Reale Drehorte, starke Bilder und praktische Effekte statt CGI-Overkill machen einfach richtig viel Spaß und heben diesen Film von den meisten anderen Filmen deutlich ab. Hier gibt es nicht viel zu kritisieren, wobei ich in den Kämpfen, insbesondere beim letzten Kampf, die Kameraführung als etwas zu hektisch und unruhig empfand, das Geschehen war mir dadurch und auch durch zu häufige Schnitte und Perspektivenwechsel oftmals etwas zu unübersichtlich. Aber in den ruhigen Szenen oder während großer Total-Aufnahmen ist die Kameraführung großartig.
Die Tonabmischung ist stark, aber die tiefen Töne übertünchen für meinen Geschmack etwas zu häufig die Mitten und Höhen. Das Gedröhne wirkt dabei oftmals als eher störend denn als Bereicherung der Klangkulisse.
Die Musik von Ludwig Göransson war okay, die Titelmelodie bzw. das Maintheme hat mir dabei noch am besten gefallen, doch die restlichen Stücke sind bei mir kaum hängengeblieben. Göransson ist einer meiner liebsten Filmkomponisten der heutigen Zeit, jedoch würde ich sein Werk in „Die Odyssee“ als eines seiner schwächeren Werke bezeichnen. Nolan wollte wohl offenbar Hans Zimmer, Göransson musste dies dann liefern und sich dem Wunsch beugen, so jedenfalls mein häufiger Eindruck der Musik.
Die Kostüme und allgemein die Ausstattung hat mir gut gefallen, wenn auch manche Kostüme und Rüstungen etwas zu sauber wirkten. Und die Rüstung von Agamemnon wirkte viel zu protzig, modern und unpraktisch für den Kampf.
Der Film bietet viel Abwechslung bei der Inszenierung, bei den Settings und bei der Handlung, und dadurch wirken die 170 Minuten nicht als zu lang. Allerdings wirken die 170 Minuten auch nicht gerade kurzweilig, die Längen des Films spürte ich hier und da dann doch. Trotz der langen Laufzeit gelang es dem Film erst in den letzten 30 Minuten, mich emotional zu packen. Die vorherigen 140 Minuten war mir der Film emotional zu distanziert. Ich konnte weder mit Odysseus noch mit seinen Männern mitfiebern oder mitfühlen, da der Film einfach keine emotionale Bindung zwischen mir und den Charakteren aufbauen konnte. Auch Telemachos und Penelope konnten mich emotional kaum abholen und für sich gewinnen. Einzig der Hund Argos konnte richtige Gefühle bei mir erzeugen, und das Ende bzw. generell die letzten 30 Minuten schafften dies dann ebenso.
Leider jedoch nutzte Nolan die 170 Minuten kaum dafür, die Charaktere zu charakterisieren, diese bleiben relativ flach und gleich, ohne sich groß weiterzuentwickeln. Klar, Odysseus macht eine gewisse Weiterentwicklung durch, ebenso Telemachos, doch beide bleibt klar hinter den Möglichkeiten zurück. Viele loben das Schauspiel besonders, doch auch hier empfinde ich das Schauspiel der meisten Darsteller nur als solide. Auch Matt Damon hatte schon bessere Performances abgeliefert, z. B. bei „Der Marsianer“. Anne Hathaway konnte mich jetzt auch nicht zu voll überzeugen, ihr Schauspiel war dem Charakter angemessen, aber da Penelope als Charakter auch nicht allzu viel zu tun bekommt, ist das auch nicht weiter verwunderlich.
Die Handlung selbst fand ich gut, die Erzählstruktur ebenfalls. So verwirrend wie bei „Oppenheimer“ ist es hier bei weitem nicht. Hier kann man eigentlich immer genau sagen, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Ich mochte den Ansatz, Odysseus nicht immer als einen Helden dazustellen, sondern als einen Soldaten, der sich selbst verloren und wiedergefunden hat, jemand, der an den Gräueltaten des Krieges beinahe zerbrochen ist und mit neuer Stärke daraus hervorgegangen ist.
Schade finde ich aber, dass die einzelnen Inseln mit ihren Tücken und Gefahren für meinen Geschmack zu schnell abgehandelt wurden. Das wirkte wie eine Checkliste, die abgehakt wurde. Ich hätte da gerne mehr von gesehen. Die Sirenen z. B. kamen mir viel zu kurz, ebenso die anderen Gefahren und Inseln. Von Kalypso hatte ich auch etwas mehr erwartet als nur Gerede. Charlize Theron war bei dem Charakter auch ein wenig verschwendet, sie war hier gar unterfordert. Auch die Mannschaft von Odysseus kam mir zu kurz und wirkte eigentlich permanent wie Statisten mit Gesichtern.
Weshalb genau Odysseus sich am Ende ausgerechnet als Sinon ausgibt und meint, er wäre der mutigste aller seiner Krieger gewesen, erschließt sich mir nicht so recht. Von Sinan haben wir nur wenig gesehen, und etwas echt Mutiges ist mir da nicht aufgefallen. Das wirkte mir ein wenig zu aufgesetzt.
Trotz aller Kritik, die ich hier geübt habe, hat mir der Film sehr gut gefallen. Das Filmerlebnis war sehr intensiv, wenn auch emotional etwas distanziert und kühl. Der Film weckt bei mir jetzt nicht direkt das Bedürfnis, ihn sofort erneut sichten zu wollen, denn dazu war er mir letztendlich etwas zu lang und hat den Fokus zu oft falsch gesetzt. Die emotionalere Schiene mit mehr Spannung wäre in meinen Augen deutlich besser gewesen als die distanziert kühle Darstellung.
Im Ranking der Nolan-Filme steht „Die Odyssee“ für mich klar hinter Meisterwerken wie „Interstellar“, „Inception“, „The Dark Knight“, „The Dark Knight Rises“, „Batman Begins“ und „Oppenheimer“, aber immer noch vor „Tenet“ und „Dunkirk“.
Bewertung: 8/10 Punkte
Wiederschauwert: Mittel
Nachhaltiger Eindruck: Mittel
Emotionale Tiefe: Mittel


