
Bewertung: 4.5 / 5
Im Grunde handelt es sich bei "Die Odyssee" um eine Kriegsapokalypse und Leidensgeschichte über Männer / Kriegsheimkehrer, deren Traumata nahegebracht werden, die aber auch an ihren eigenen Taten gemessen und durch die Welt, urweltliche Wesen und Götter bestraft werden. Als nichtig erscheinen. Bei der Konfrontation der Mannen mit dem Zyklopen handelt es sich um Nolans persönlichen Balrog-Moment, Circes Tierverwandlungen gleichen einer Realfilm-Wahrwerdung der entsprechenden Szene aus "Chihoros Reise ins Zauberland".
Durch Brachialität in Bild und Ton/Musik, Horror und Brutalität gelingt es Nolan ungemein gut, die Folgen von Troja so auf die Leinwand zu bringen, wie von Homer beschrieben. Ein Krieg, der durch seinen unvergleichlichen Schrecken, Kriegsverbrechen, immensen Verlust an Menschenleben und Aufbegehren gegen die Götter die menschliche Zivilisation, humanistische Wertegefüge und die Beziehung zwischen Menschen und Göttern in ihren Grundfesten erschüttert hat. Agamemnon sieht in seiner überstilisierten und überbordenden Rüstung zwar ungewöhnlich aus, erfüllt im Kontext der Geschichte aber ihren Zweck, Agamemnon sieht sich selbst nicht mehr als Mensch, sondern als Gottkaiser. Nolan erzählt somit eine universelle und zeitlose Geschichte, die sich problemlos als Metapher auch auf unsere jüngere Vergangenheit und Gegenwart beziehen lässt.
Trailer zu Die Odyssee
Odysseus innerliche Reise ging mir sehr nahe, zerrissen von seinen Schuld- und Reuegefühlen ob des ungeheuren Verlustes, seinem Verantwortungsdrang und seiner Sehnsucht nach der Heimat, obwohl er weiß, da er ob seines Schnerzes und Traumas nie heimkehren kann. Er irrt herum und scheitert, versucht zu vergessen und zu verdrängen (Kalypsos Lotusblüten), bis ihm bewusst wird, dass er sich nur durch die Erkenntnis der eigenen Hilflosigkeit und vollkommene Akzeptanz seiner Schuld befreien kann (das Floß im Meer). Das Lied der Sirenen, Penelopes Erkennen ihres Ehemannes und Odysseus´ finales Geständnis, das sind aufwühlende und harte Szenen, welche "Die Odyssee" zu einem von Nolans emotional nahbarsten Filmen machen.
Hinsichtlich des Reise- und Abenteuercharakters des Films merkt man darüberhinaus, wie einflussreich Homers Werk für die Kunst war und ist, wie oft sie für Romane und Filme, usw. schon als Inspiration diente und verarbeitet wurde. Ich habe mich beim Sehen mehrfach mit dem Gedanken ertappt "Das fühlt sich jetzt komplett wie eine Odyssee an. Warte, das IST die Odyssee!" Selbstverständlich existierten vorher schon Adaptionen des Homer-Werks (z.B. der gute 1954er-Film mit Kirk Douglas oder der von mir geliebte 1997er-Fernsehzweiteiler), aber Nolans Film fühlt sich wie eine ursprüngliche, urtümliche Version an, die am Tiefsten zum Kern der "Odyssee" vordringt. Das Mittelmeer als Lebenshorizont der Griechen, den sie als Pioniere der See durch ausgeklügelte und neuartige Riemen- und Segeltechnik beherrschen, und gleichzeitig als unerforschtes und furchterregendes Terrain, in welches sie dem Weltraum gleichend vorstoßen.
Bezogen auf das Zusammenfügen verschiedener Zeitebenen handelt es sich bei "Die Odyssee" womöglich um Nolans bestes Werk. Herausragend, wie harmonisch die Handlungsstränge zwischen Gegenwart und Vergangenheit/Erinnerungen im Sinne des Erzählflusses und der Dramaturgie ineinander übergehen, großes Lob an Jennifer Lame und ihren Schnitt.

