
Bewertung: 3.5 / 5
Nach zwei Jahren Pause kehren die Strohhutpiraten endlich mit neuen Folgen zurück auf den Bildschirm. Doch hat sich die lange Wartezeit auch gelohnt? Die erste Staffel von One Piece konnte jedenfalls viele Fans von sich überzeugen und sogar begeistern. Und wenngleich Staffel 2 ebenfalls wieder für glückliche Gesichter sorgen dürfte, so werden hier aber auch die Probleme einer solchen Live-Action-Umsetzung deutlich sichtbarer, als es noch in Staffel 1 der Fall war.
Unsere One Piece Staffel 2 Review
Nachdem die Crew in Staffel 1 erst sich und dann auch ein Schiff gefunden hat, setzen sie jetzt endlich gemeinsam Kurs auf die Grandline, um dort das sagenumwobene One Piece zu finden. Doch der Weg dorthin ist nicht einfach und erst einmal dort angekommen, warten auch schon neue Herausforderungen auf die Strohhutpiraten. Neben Riesen und Meeresungeheuern bekommen sie es auch mit der gefährlichen Baroque-Firma zu tun.
Trailer zu One Piece Staffel 2
Die erste Staffel kam bei Fans des Anime und des Mangas durchaus gut an, vor allem, weil man es schaffte, nicht nur die Welt, so verrückt sie teilweise auch sein mag, gekonnt zum Leben zu erwecken, sondern auch den Spirit der Vorlage gerecht zu werden. Staffel 2 macht hier nahtlos weiter. Man nimmt hier wahrlich keine Gefangenen, und so verrückt die Kostüme, Sets, Fähigkeiten oder Frisuren in der Vorlage auch sein mögen, bleibt man dem treu und geht hier wirklich all in.
Dementsprechend teuer ist die Serie aber auch. Das Budget für die erste Staffel betrug 18 Mio. $ - pro Episode! Wir haben bezüglich Staffel 2 keine genaue Summe, aber es ist gut möglich, dass das Budget hier noch einmal etwas höher ist. Und das sieht man auch durchaus. One Piece ist eine unglaublich ambitionierte Serie. Und sie ist eben in einer fiktionalen Welt angesiedelt, die einen so einzigartigen Stil hat, dass man hier nahezu alles selbst bauen muss. Es gibt schlicht keine Städte oder bereits existierende Sets die man als Vorlage nutzen könnte, mit wenigen Ausnahmen vielleicht. Hinzu kommen natürlich die vielen Effekte, vor allem hinsichtlich der Teufelsfrucht-Kräfte. Und nicht zu vergessen spielt sehr vieles auf Wasser, und es ist eine alte Hollywood-Weisheit, dass ein Dreh in Verbindung mit Wasser immer verdammt teuer wird, fragt mal Kevin Costner und Waterworld.
Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Sah Staffel 1 schon gut aus, schafft es Staffel 2 tatsächlich, dies noch zu steigern. Die handwerkliche Umsetzung ist definitiv gelungen und insgesamt macht die neue Staffel richtig viel Spaß.
Der Kern von One Piece sind natürlich die Strohhutpiraten, und diese funktionieren in Staffel 2 sogar noch besser als in der ersten. Dies liegt daran, dass die Crew sich jetzt endlich spürbar zusammengefunden hat, sowohl in der Geschichte als auch hinter den Kulissen. Auch scheinen die Schauspieler diesmal noch selbstbewusster an ihre jeweiligen Rollen herangegangen zu sein. Und es tut der Serie gut, dass es zu mehr zwischenmenschlichen Momenten unter der Crew kommt, für die in Staffel 1 schlicht noch kein Raum war. Die Chemie stimmt hier und vor allem davon lebt die Serie, was Mut für hoffentlich viele weitere Staffeln macht.
Neben dem bereits etablierten Cast tauchen auch neue Figuren auf. Hier weiß vor allem Charithra Chandran als Miss Wednesday zu überzeugen und sie fügt sich gut in die Crew hinein. An der Debatte rund um ihre Hautfarbe wollen wir uns nicht beteiligen, da diese einfach nur lächerlich ist.
Um diese fantastische Welt zum Leben zu erwecken, werden natürlich jede Menge Effekte benötigt. Seien es einzigartige Inseln, Meeresungeheuer oder Dinosaurier, Staffel 2 hat so manches zu bieten. Wenngleich man hier keine Hochglanzeffekte auf absolutem Topniveau erwarten sollte, funktioniert das meiste doch sehr gut. Es gelingt, die Welt stilistisch treu der Vorlage gut darzustellen.
Auch die Action konnte zumeist überzeugen. Natürlich muss man wissen, was man sich hier ansieht, denn teilweise sind manche Kämpfe und Bewegungen schon ein wenig seltsam, vor allem, wenn man keine Ahnung vom Anime hat. Aber wie bereits erwähnt gehen die Macher hier wirklich all in was die Umsetzung der Vorlage betrifft. Dass dabei nicht unbedingt alles funktioniert, und manches auch an der Grenze zur Lächerlichkeit kratzt, ist eine Tatsache, die man bei so einer Umsetzung wohl einfach akzeptieren muss.
Manches jedoch funktioniert richtig gut. So gibt es in der dritten Episode eine Actionsequenz, die uns regelrecht begeistert hat. Hier nimmt es Zorro im Alleingang mit gleich 100 Agenten der Baroque-Firma auf. Und ja, es sind wirklich 100 Gegner – Zorro zählt mit! Ein Kampf, der sich über mehrere Etagen erstreckt und mit richtig tollen Kampf- und Schwertchoreografien zu begeistern weiß. Tatsächlich hat uns diese Szene sehr stark an die vergleichbare berühmte Szene aus Kill Bill - Vol. 1 erinnert, in der es die Braut (Uma Thurman) mit den Crazy 88 aufnimmt. Im Vergleich ist der Grad an Brutalität hier natürlich auf eine eigentlich schon sehr unrealistische Weise reduziert, aber One Piece soll sich ja immerhin auch an ein jüngeres Publikum richten, von daher ist dies nachvollziehbar und schmälert keineswegs die für uns beste Actionszene der ganzen Staffel.
Und dann dürfen sich die Fans natürlich auch auf den Auftritt von Chopper freuen. Uns hat seine Umsetzung recht gut gefallen und die Serie nimmt sich hier auch die nötige Zeit, uns die Figur näherzubringen und uns seinen Hintergrund zu erzählen. Um ihn richtig darzustellen, greift man zum einen auf CGI-Effekte zurück, die gerade für eine Serie äußerst gut sind, aber man geht auch den klassischen Weg und hat jemanden in ein Kostüm gesteckt, ihr wisst schon, für die eher größere Form Choppers. Wenngleich wir diesen Weg begrüßen (und es vermutlich auch schlicht günstiger so war), so wirkt es doch auch ein wenig merkwürdig, dass die eben noch rein mittels CGI generierte Figur plötzlich ein Mann in einem Kostüm ist.
Die Schattenseite
Wie ihr an der oben stehenden Wertung bereits sehen könnt, schafft die neue Staffel trotz vieler guter Aspekte dennoch nicht, völlig zu überzeugen. Man kann One Piece aus zwei Perspektiven bewerten: Mit und ohne Kenntnisse der Vorlage. Wir versuchen hier, beide Sichtweisen zu berücksichtigen, und dadurch ergeben sich einige Probleme.
Trotz des hier gemachten Aufwands muss man leider auch sagen, dass die Serie oft an ihre Grenzen stößt. Vieles sieht sehr digital und damit verdammt künstlich aus, was sich bei einer so ambitionierten Serie wohl auch nicht vermeiden lässt. Dennoch ist es schade. Mit am meisten darunter leiden muss Ruffy, dessen Gum-Gum-Kräfte ohnehin problematisch sind, da das Stretchen von Körperteilen noch nie gut umgesetzt werden konnte. Daher hält die Serie sich hier auch auffallend zurück und wir bekommen nur selten seine Kräfte zu sehen. Und wenn Ruffy sie einsetzt, ist es leider meist sehr enttäuschend. Seine Kämpfe haben kaum Wucht und sind in keinster Weise mit dem zu vergleichen, was der Anime diesbezüglich zeigt. Wer auf die große Ruffy-Action gehofft hat, wird auch in Staffel 2 enttäuscht werden.
Auch andere Actionsequenzen kämpfen mit ähnlichen Problemen. Vor allem in der ersten Folge ist uns da eine negativ in Erinnerung geblieben, wo unter anderem Alvidas rutschige Teufelsfrucht-Fähigkeit einfach mies aussah und die ganze Sequenz eher schlecht war. Es gibt immer wieder solche Momente im Verlauf der Staffel, wo einem klar wird: Nicht alles, was im Anime toll aussieht, funktioniert auch in einer Live-Action-Umsetzung.
Was die inhaltliche Umsetzung betrifft, so gibt es auch hier deutliche Probleme. Am besten ersichtlich werden diese vermutlich, wenn man sich die Figur Ruffy ansieht. Denn wenn jemand die Vorlage nicht kennt, wird er kaum begreifen können, was an Ruffy eigentlich so besonders sein soll. In der zweiten Staffel tut er kaum etwas und man kann sich zwischendurch sogar fragen, warum er überhaupt als Captain akzeptiert wird, da er scheinbar von nichts eine Ahnung hat. Ruffy in der Live-Action-Umsetzung definiert sich nur über das, was andere ständig über ihn sagen, aber nicht über das, was er selbst sagt oder tut. Und das ist einfach ein verdammt großes Problem.
Dies liegt natürlich daran, dass jede Menge aus der Vorlage weggelassen werden musste und wir dadurch eigentlich wichtige Momente mit den Figuren verpassen. Man mag seine Witze darüber machen, dass der Anime inzwischen bei über 1000 Folgen angekommen ist, aber es hat eben auch seinen Grund, warum One Piece-Schöpfer Eiichiro Oda die Geschichte so erzählt, wie er sie eben erzählt, auch in dieser Ausführlichkeit. Darin liegt die Stärke von One Piece. Dadurch bedeuten uns die Figuren so viel. In der Netflix-Umsetzung geht sehr vieles davon leider verloren. Und es ist leider zu befürchten, dass dies in den kommenden Staffeln nicht besser, sondern dieses Problem eher noch größer wird.
Mit gerade einmal acht Episoden pro Jahr wird es schwer werden, die immer größer werdenden Storys und die stetig wachsende Anzahl an Figuren der Vorlage gerecht unterzubringen. Und selbst wenn man es tatsächlich schafft, diesen jährlichen Rhythmus hinzubekommen, würde es wohl über 20 Jahre dauern, um die bisherige Vorlage komplett abzuarbeiten. Das ist einfach nicht realistisch.
Es ist am Ende wohl auch eine Frage der Kosten. 18 Mio. $ pro Episode machen am Ende 144 Mio. $ pro Staffel, das ist das Budget eines Kino-Blockbusters. Was auch erklärt, warum man nur acht Episoden pro Staffel produziert bekommt. Würde man es schaffen, die Produktionskosten deutlich zu verringern, würde man auch mehr Episoden pro Staffel zustande bekommen und könnte die Geschichte ausführlicher und mit der nötigen Tiefe erzählen. Doch dies ist ein Problem, mit dem sich viele Produzenten vieler Serien seit Jahren herumschlagen.
Fazit
One Piece ist ein Paradoxon. Auf der einen Seite ist die Netflix-Serie der endgültige Beweis, dass man einen Anime wie One Piece verdammt gut und vorlagengetreu umsetzen kann. Auf der anderen Seite zeigt die Adaption aber gleichzeitig auch, dass ein Anime wie One Piece unmöglich 1:1 umzusetzen ist. Ja, es geht, und ja, es geht nicht.
Dass, was die Macher hier tun, machen sie gut, keine Frage. One Piece ist auch in der zweiten Staffel ein ganz großer Spaß und sie haben verdammt viele Dinge richtig gut umgesetzt bekommen. Es ist dabei positiv zu erwähnen, dass man sich in Sachen Adaption nicht zurückhält, sondern sich sehr eng an die Vorlage hält, vor allem was den Stil der Welt betrifft. Allein damit so in die Vollen zu gehen, ist lobenswert.
Allerdings stößt die Serie auch oft an ihre Grenzen und es zeigt sich, dass nicht alles, was in einem Anime funktioniert, auch in einer Live-Action-Serie funktioniert. So dürfen wir uns über einige grandiose Szenen und Momente freuen, müssen aber auch erwähnen, dass einige Szenen schlicht nicht funktionieren oder sogar schlecht sind.
Am Ende bleiben zwiespältige Gefühle. One Piece macht verdammt viel richtig und verdammt viel Spaß und wir hoffen noch auf viele weitere Staffeln. Auch können wir der Serie im Grunde nicht viel vorwerfen, denn die Macher unterliegen hier schlicht natürlichen und finanziellen Grenzen, die es ihnen unmöglich machen, eine Vorlage wie One Piece mit der eigentlich nötigen inhaltlichen Tiefe zu adaptieren. Vor allem langjährige Fans müssen daher wohl akzeptieren, dass vor allem die Charakterdarstellung und Tiefe der Netflix-Umsetzung nie mit dem Anime und Manga wird mithalten können. Die Serie ist der Vorlage würdig und unwürdig zur gleichen Zeit. Eben ein wahres Paradoxon.

