
Bewertung: 4 / 5
Mit Ku’damm ’77 führt Autorin Annette Hess ihre Schöllack‑Saga in ein neues Jahrzehnt – und wir empfehlen es so: als emotional aufgeladenes, manchmal überdrehtes, aber immer fesselndes Kapitel einer Familie, die seit 2016 das deutsche TV‑Publikum begleitet. Nach "Ku’damm 56" "59" und "63" springt die Geschichte nun 14 Jahre nach vorn ins Berlin des Jahres 1977, mitten in den Deutschen Herbst, zwischen RAF‑Angst, Discofieber und gesellschaftlichen Umbrüchen. Drei Generationen leben inzwischen über der Tanzschule Galant, und die Konflikte sind so groß wie die Zeit, in der sie spielen.
Neue Generation, neue Energie – und eine Erzählperspektive, die frischen Wind bringt
Die dritte Generation – Dorli Schöllack (Carlotta Bähre) und Friederike von Boost (Marie Louise Albertine Becker) – bringt spürbar neue Energie in die Reihe. Ihre Lebensentwürfe, ihr Trotz, ihre Unsicherheiten: Das alles wirkt authentisch für die späten Siebziger und gibt der Serie ein neues Tempo.
Dazu kommt die neue Figur Linda Müller (Massiamy Diaby), eine Dokumentarjournalistin, die die Schöllacks filmisch begleitet. Ihre Perspektive ist ein spannender Kniff, der die Selbstinszenierung der Familie spiegelt. Manchmal sind es etwas viele dieser Einblendungen, aber grundsätzlich funktioniert die Idee – und sie passt zur Zeit, in der Medien und Öffentlichkeit eine immer größere Rolle spielen.
Caterina Schöllack – grantiger, härter, aber mit Herz
Claudia Michelsen ist erneut ein Ereignis. Ihre Caterina wird älter, grantiger, sturer – und gerade dadurch noch interessanter. Sie ist eine Figur zwischen altbacken und modern, zwischen eisernem Pflichtgefühl und einem Herz, das sie nur selten zeigt. Aber die Serie erlaubt sich wieder diese kleinen, flüchtigen Momente, in denen man sieht, wie viel in ihr steckt. Caterina bleibt das emotionale Zentrum der Reihe.
Helga – Männer, Alkohol und die Angst vor dem Alleinsein
Maria Ehrich spielt Helga von Boost mit einer Mischung aus Härte, Verletzlichkeit und Verzweiflung, die unter die Haut geht. Helga hängt emotional noch immer an ihrem Ex‑Mann Wolfgang von Boost (August Wittgenstein), der homosexuell ist und im Osten lebt. Diese Bindung macht ihre Angst, nie wieder jemanden zu finden, nur noch größer.
Genau deshalb fällt sie auf den Zahnarzt Dr. Hannes Mikusch (Florian Stetter) herein – ein Mann, den Caterina als "Lottogewinn" anpreist, der sich aber als gewalttätiger Fehlgriff entpuppt. Helga übersieht die Warnsignale viel zu lange, flüchtet sich immer wieder in Alkohol und kämpft gleichzeitig mit dem Wunsch, endlich gesehen zu werden. Das gehört zu den stärksten Handlungssträngen der Staffel.
Monika, Dorli und der Druck, der alles zerstört
Sonja Gerhardt zeigt Monika Franck-Schöllack als Frau, die nach dem Tod ihres Mannes Joachim Franck (Sabin Tambrea) ihre ganze Energie in die Tanzkarriere ihrer Tochter Dorli steckt. Dorli steht unter enormem Druck, trainiert für die A‑Klasse, nimmt Schmerzmittel, rutscht in eine gefährliche Spirale aus Selbstzweifeln und Abhängigkeit. Die Serie zeigt das intensiv, manchmal schmerzhaft direkt – und genau das macht diesen Plot so stark.
Besonders interessant: Monika begegnet Robert Beck (ebenfalls Sabin Tambrea), einem Lehrer, der Joachim zum Verwechseln ähnlich sieht. Beck ist nicht Joachim, aber seine Ähnlichkeit reißt alte Wunden auf. Beck outet sich als Harald Franck, Joachims Bruder, der nicht im Krieg gefallen, sondern desertiert war. Annette Hess nutzt diese Doppelrolle bewusst, um Monikas Trauer und Sehnsucht sichtbar zu machen, aber auch, um die Rufe des Publikums nach dem starken Charakter von Joachim Franck irgendwie zu befriedigen.
Die Serie übertreibt, und manchmal wird es einfach zu viel
Wie immer neigt die Serie zu Übertreibungen – und bei den Schöllacks gehört das inzwischen fast schon zum Markenzeichen. Annette Hess packt wirklich alles hinein, was irgendwie in die Zeit passt: die Rückforderung der Tanzschule durch eine jüdische Stiftung, Dorlis Drogenabhängigkeit, der enorme Druck, der schließlich zum Karriereabbruch führt, und das Aufbegehren, das dann in der Punk‑Tanzszene am Ende kulminiert, Alkohol und eheliche Gewalt, Stasi, RAF und Emanzipation der Frauen. Denkt, man, ok, jetzt haben wir alles, was gesellschaftlich relevant war in der Zeit auch in der Familiengeschichte, kommt der nächste Brocken auf einen Steinhaufen, der schon viel zu hoch ist.
Manche Übertreibungen funktionieren, andere wirken einfach zu viel, wie die Stasi‑Geschichte um den Verrat von Wolfgang durch seinen besten Freund oder die Enthüllung, dass Linda Caterinas Tochter ist, etwas, das viele ohnehin schon früh vermutet haben. Gleichzeitig gibt es aber auch Zuspitzungen, die erstaunlich gut in das Schöllack‑Universum passen, wie Holgers Heirat mit einer Thailänderin, die nun alles erbt. Es ist dieses typische "Alles auf einmal", das die Reihe ausmacht, was oft funktioniert, aber manchmal dann doch einfach zu viel ist.
Unabhängig von den inhaltlichen Überfrachtungen, die wir empfanden, bleibt eines unbestritten: Szenenbild und Schauspiel sind erneut erstklassig. Die 70er wirken lebendig, detailverliebt und atmosphärisch dicht. Die Kostüme sind größtenteils authentisch und kaum nachgeschneidert. Die Vibes der Siebziger kommen wirklich rüber, auch in den Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie tragen die emotionalen Höhen und Tiefen mit einer Intensität an die Zuschauenden, dass man meint, mit ihnen in einem Raum zu sein. Man spürt die dicke Luft, die Herzlichkeit, Wut und Verzweiflung, empfindet die Angst und die Freude hautnah mit. Etwas, was die Reihe von Beginn an auszeichnet.
Alles in allem haben die sechs Folgen sehr gut unterhalten, auch wenn wir einige Abstriche machen mussten. Zunächst beginnt Ku’damm ’77 etwas flach, dann aber steigert sich die Handlung wieder in dieses berühmte Szenario, in denen sich sowohl gesellschaftliche als auch persönliche Ereignisse überschlagen, ja fast in einen Wettstreit miteinander treten, wer jetzt das größte Problem in die Familie trägt. Ach ja, das hätten wir fast vergessen: Eva (Emilia Schüle), die zu Beginn der neuen Folgen noch wegen eines illegalen Schwangerschaftsabbruchs und einem Fehlverhalten im Knast noch hinter Gittern sitzt, wird auf eine sensible und eher ruhige Weise in die ganze Geschichte integriert. Die Frau, die sich immer selbst treu bleiben will, wird zur Retterin des Familienunternehmens. Wie? Schaut es euch einfach selbst an.


