
Bewertung: 5 / 5
Ich habe in meinem Leben viele Filme und Serien gesehen - einige schlechte, einige gute, einige herausragende. Aber nie habe ich etwas Vergleichbares wie diese Serie gesehen. Six Feet Under ist nicht nur die beste Drama-Serie aller Zeiten, sondern vor allem eine lebensverändernde Erfahrung, die es in dieser Form kein zweites Mal gibt und die sie bis in alle Ewigkeit auf dem Thron halten wird. Das müsste nun mein mittlerweile fünfter Rewatch sein, und würde man mich vor die Wahl stellen, auf einen weiteren Rewatch zu verzichten oder nie wieder einen neuen Film oder eine neue Serie zu gucken, würde ich mich wohl immer wieder für Six Feet Under entscheiden. Denn mit fortschreitender Lebenserfahrung gewinnt man tatsächlich immer wieder einen neuen Blickwinkel auf die Handlungen und Entscheidungen der Figuren. Und ich denke, dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen…
Six Feet Under hat in der Tat die wohl besten, komplexesten Charaktere in der Film- und Seriengeschichte hervorgebracht. Es sind keine klassischen Helden, die man bewundert und denen man blind nacheifern möchte. Auch keine Antihelden, wie sie so typisch für das Golden Age of Television waren - Figuren wie Tony Soprano oder Walter White, die in einen Strudel aus Kriminalität und Gewalt geraten und teilweise schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen, die so weit ab der eigenen Lebensrealität des Zuschauers sind. Nein, die Charaktere in Six Feet Under sind so zutiefst menschlich gezeichnet, dass man sich selbst und Personen aus dem nahen Umfeld in ihnen wiederfindet. Die Handlungen und Entscheidungen der Charaktere sind nicht immer die besten, aber immer zutiefst nachvollziehbar und nachempfindbar. Mit jedem Rewatch geht man auf eine neue Reise mit den Fishers, hinterfragt den Sinn und Unsinn des eigenen Lebens, den Zweck und die Erfüllung von und in Beziehungen sowie die eigenen Bedürfnisse und Träume. Six Feet Under wurde seinerzeit als Serie über den Tod vermarktet, dabei ist sie natürlich vor allem eine Serie über das Leben. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Six Feet Under im Gegensatz zu anderen HBO-Kultklassikern nie so ganz im Mainstream angekommen ist. Die Serie ist kein reiner Eskapismus, um der Realität zu entfliehen. Sie zwingt die Zuschauer, über Dinge nachzudenken, sich dem eigenen Leben zu stellen und sich seiner begrenzten Zeit auf Erden bewusst zu werden. Nicht jeder will und kann damit konfrontiert werden.
Betrachtet man den heutigen Serienmarkt, ist Six Feet Under eine besondere Wohltat. Seit die großen Streamingdienste aufgetaucht sind, driftet der Markt zunehmend in Richtung Franchise, Spektakel, kurze Aufmerksamkeitsspanne und algorithmischer Optimierung ab. Serienstaffeln werden immer kürzer und plotgetriebener. Riskantere, innovative Autorenprojekte werden zunehmend nur noch im Miniserien-Format realisiert. Langserien, die charakterzentriert, literarisch, langsam und cliffhangerbefreit sind, werden heute fast nirgends mehr gemacht. Das war in dieser Form wohl überhaupt nur mal möglich, weil HBO Anfang der 2000er noch konkurrenzlos war und auf Markenprestige statt Einschaltquoten setzen konnte. Aber Six Feet Under zeigt, was für ein Verlust diese Art des mutigen Serienerzählens ist.
Es ist erstaunlich, wie sehr es die Serie mit ihrer unaufgeregten Erzählweise schafft, einen emotional zu zerreißen und dann in der nächsten Szene wieder so lebensbejahend und berührend ist, dass man sich ein kleines bisschen tiefer verliebt - sowohl in die Figuren als auch in das Leben an sich, das man plötzlich ein kleines bisschen besser versteht. Nur wenige Serien und noch weniger Filme haben es geschafft, mich so stark emotional zu berühren. Nirgendwo anders musste ich so oft und so stark weinen (aus Freude und Verzweiflung), wie hier. Six Feet Under erreicht das mit recht einfachen Mitteln: ein phänomenaler Cast und großartige, schonungslos ehrliche Dialoge stehen im Vordergrund. Es genügen zum Teil 1–2 Personen und ein unausgesprochener Konflikt, der plötzlich am Küchentisch der Fishers zum Vorschein kommt. Die zurückhaltende, introspektive Inszenierung der Serie unterstützt diese immense emotionale Wirkung. Alan Ball setzte mit seinem Team (insbesondere mit Kameramann Alan Caso) bei der visuellen Gestaltung bewusst auf gedämpfte, entsättigte Farben und natürliches Licht. Six Feet Under verzichtet auf hektische Kamerafahrten, setzt Close-Ups nur sehr dezent ein und verwendet vor allem weitläufige Einstellungen, um den Charakteren und ihrer emotionalen Isolation Raum zu geben. Ich bin immer wieder erstaunt, wie atmosphärisch einnehmend das ist. Gerade auch in Verbindung mit der großartigen Musik von Richard Marvin, die meist ebenso sehr dezent eingesetzt wird. Dadurch wird den Charakteren und den Dialogen der größtmögliche Raum gegeben. Nichts wirkt überinszeniert für den großen Knall. Alles ist so pur, geerdet, echt. Die zahlreichen (Tag-)Traumsequenzen und Interaktionenen mit den Toten, die besonders in den ersten beiden Staffeln noch sehr präsent sind, lockern die Atmosphäre immer mal wieder auf mit ihrem morbiden, schwarzen Humor und geben der Serie die nötige Leichtigkeit. Aber natürlich sind sie nie Selbstzweck, sondern führen uns stets tiefer in die Psyche der Fischers - in ihre Wünsche, Krisen und Konflikte.
Meine Erstsichtung der Serie ist nun bald unglaubliche 15 Jahre her. Jedes Mal bin ich mit den Charakteren auf eine neue Reise gegangen. Damals vordergründig mit Claire und David, in denen ich mich vor allem wiederfand, inmitten von Teenager-Konflikten, unterdrückten, kontrollierenden Emotionen sowie Unsicherheiten im Selbstbild und in der Sexualität. In späteren Rewatches, mit Mitte 20, konnte ich mich vor allem auch stark mit Ruth identifizieren, die nach dem Tod ihres Ehemanns verpasste Erlebnisse nachholt und nach unglücklichen Jahren das Leben neu genießen zu lernt. Und beim jetzigen Rewatch, wo ich allmählich auf die 30 zugehe, fange ich ausgerechnet an, mit Nate zu sympathisieren, der Mitte 30er in der Mid-Life-Crisis, der für mich davor immer recht untergegangen ist. Und dann wäre da natürlich noch Brenda, die ich seit meiner Erstsichtung bewundere und idealisiere (selbst nach den Eskapaden und Entwicklungen in Staffel 2). Wer in so einer verkorksten Familie aufwächst wie sie und trotzdem so stark bleibt und versucht, sich zu einem besseren Menschen zu entwickeln, hat meinen größten Respekt.
Am Ende kann man wohl nur scheitern, dieser Serie mit Worten gerecht zu werden. Six Feet Under geht weit über die übliche Serienunterhaltung hinaus. Sie ist eine einzigartige, tiefgründige Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz. Es schmerzt mich jedes Mal, nach den finalen Episoden zu wissen, dass meine Reise mit der Fisher-Familie nun zuende ist und es dort draußen nichts gibt, das mich dermaßen gebannt vor dem Fernseher sitzen lässt. Aber das Leben geht weiter, und ich weiß schon jetzt gewiss: Auch bei meinem nächsten Rewatch wird es sich ab Folge 1 wieder anfühlen wie eine Heimkehr zu einer Familie, die ich nie wirklich verlassen habe, sondern immer im Herzen bei mir trage. In der Zwischenzeit versuche ich, noch etwas Lebenserfahrung zu sammeln und meine Lehren aus der Serie zu ziehen - oder, um es in Nathaniels Worten auszudrücken:
„You hang onto your pain like it means something, like it’s worth something. Well, let me tell ya, it’s not worth shit. Let it go. Infinite possibilities and all he can do is whine.“
David: "Well, what am I supposed to do?"
Nathaniel: "What do you think? You can do anything, you lucky bastard, youre alive!"
Mein persönliches Season-Ranking:
1>2>5>3>4
Meine Highlight-Episoden aus jeder Staffel:
Season 1:
1.06 - The Room
1.10 - The New Person
1.12 - A Private Life
Season 2:
2.05 - The Invisible Women
2.06 - In Place of Anger
2.13 - Ill Take You
Season 3:
3.04 - Nobody Sleeps
3.06 - Making Love Work
3.13 - Im Sorry, Im Lost
Season 4:
4.01 - Falling Into Place
4.05 - Thats My Dog
4.12 - Untitled
Season 5:
5.09 - Ectone
5.10 - All Alone
5.12 - Everybody Waiting


