Bewertung: 5 / 5
Oliver ist ein talentierter Grafiker und führt eigentlich ein Leben, um das ihn viele beneiden würden. Doch in seiner aktuellen Situation sieht das alles ganz anders aus. Oliver hat seinen Vater Hal kürzlich an Krebs verloren. Daraufhin fällt er in einen unaufhörlichen Strudel aus Trauer und Selbstzweifeln. Kurz nach dem Tod seines Vaters lernt Oliver die erfolglose Schauspielerin Anna kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Während dieser Beziehung verbindet Oliver vieles mit seiner eigenen Kindheit, vor allem die Beziehung zwischen seiner Mutter und seinem Vater. Die Erinnerungen an Hal lassen ihn nicht los – auch, weil sich dieser mit 75 Jahren endlich als schwul geoutet hatte und sich sein gesamtes Weltbild im hohen Alter noch einmal grundlegend veränderte.
Ich dachte, ich beginne diese Kritik bewusst erst einmal mit dem Inhalt des Films, um mir danach genug Zeit nehmen zu können, über die Themen dieses Werkes zu sprechen. Denn Mike Mills’ Tragikomödie basiert auf seiner eigenen Geschichte. Auch Mills’ Vater outete sich mit 75 Jahren als homosexuell und starb wenige Jahre später. Kurz nach dessen Tod verarbeitete Mills seine Trauer und Emotionalität, indem er begann, das Drehbuch zu „Beginners“ zu schreiben. Alles, was wir hier sehen und fühlen, hat auch der Regisseur selbst erlebt und durchlitten.
„Beginners“ ist dadurch einer der emotionalsten Filme, die man finden kann. Ein Werk, das von Melancholie, Liebe, Trauer und Verlust durchzogen ist. Ich selbst kenne eine solche Situation nur zu gut. Meine Großmutter starb 2020 und war zu Lebzeiten einer der wichtigsten Anker in meinem Leben. Nach ihrem Tod verschlechterte sich meine psychische Verfassung – insbesondere im Zusammenhang mit meiner Zwangsstörung und meinem ADHS – so sehr, dass ich mich beinahe umgebracht hätte, wenn ich mich nicht selbst in eine Klinik eingewiesen hätte. Solche Verluste können einen Menschen komplett verändern, sowohl zum Guten als auch zum Schlechten. „Beginners“ macht genau das spürbar – von der ersten bis zur letzten Minute.
Die Figuren durchleben alles, was man in solchen Situationen durchleben kann, und das ist zutiefst menschlich. Natürlich sind wir Menschen dafür gemacht, über Dinge hinwegzukommen, doch das braucht Zeit. Und diese Zeit hinterlässt oft Narben, die ein Leben lang bleiben. Neben dem Thema Verlust und dem Umgang mit Trauer geht es hier auch um Depressionen und das Gefühl, auf der Stelle zu treten, ohne wirklich voranzukommen. Besonders deutlich wird das durch die Figur Anna, herausragend gespielt von Mélanie Laurent. Ihre Rolle ist vielschichtig, zerbrechlich und bildet einen wunderbaren emotionalen Gegenpol zu Oliver. Dass sich die psychischen Probleme beider Figuren auch gegenseitig abstoßen können, ist nur konsequent und wird hier sehr ehrlich gezeigt.
Trotz all der Traurigkeit und Emotionalität ist „Beginners“ aber nie erdrückend oder hoffnungslos. Im Gegenteil: Der Film bejaht das Leben auf eine ganz eigene Weise. Er zeigt, dass es sich lohnt weiterzuleben, selbst wenn es immer wieder Momente gibt, die sich anfühlen, als stecke man in einer Sackgasse fest. Dank der überwältigenden schauspielerischen Leistungen – allen voran Ewan McGregor und Christopher Plummer, der für diese Rolle völlig zurecht den Oscar als bester Nebendarsteller gewann – wird all das noch greifbarer und ehrlicher.
Am Ende möchte ich noch ein weiteres Thema ansprechen, das bisher nur angerissen wurde: Queerness. Dass wir heute in einer Zeit leben, in der Homosexualität und queere Identitäten akzeptierter sind, ist alles andere als selbstverständlich. „Beginners“ zeigt sehr deutlich, wie sehr sich queere Menschen früher verstecken mussten, um nicht Gewalt, Ausgrenzung oder Strafen ausgesetzt zu sein. Zwar sind wir weiter als in den 60er- oder 70er-Jahren, doch noch immer gibt es zu viele Menschen, die queeren Personen wie Hal – oder auch mir – die Menschlichkeit absprechen und uns als krank oder pervers bezeichnen. Diese Meinungen stammen häufig aus rechtsradikalen Spektren, aber es bleibt dennoch erschütternd, dass man im Jahr 2026 noch immer nicht völlig frei seine Sexualität und Liebe leben kann. Niemand kann etwas dafür, wen er liebt. Wir sind alle gleich – egal ob queer, schwul oder nicht.
FAZIT
„Beginners“ ist damit eine Ode an das Frei-Sein, an das Ausleben und an die Erkenntnis, dass es niemals zu spät ist, zu sich selbst zu finden. Dieser Film ist ein unfassbares Meisterwerk. So vielschichtig und doch so einfach. So menschlich und gleichzeitig so tragisch. Ein Film, der mich vermutlich den Rest meines Lebens begleiten wird – wegen seiner Wahrhaftigkeit, seiner Ehrlichkeit, seiner Liebe, die sich echter anfühlt als in kaum einem anderen Film, und wegen seiner tiefen Menschlichkeit, die uns heutzutage immer mehr verloren zu gehen scheint.


