
Bewertung: 4 / 5
Wenn Marvel Studios eine Serie herausbringt, dann weiß man nie, was man bekommt. Bisher gab es vollkommen gelungenes und originelles wie WandaVision, tolle Unterhaltung mit Loki, aber auch eher Durchschnittliches wie The Falcon and the Winter Soldier. Serien wie Echo, Ironheart oder She-Hulk - Die Anwältin kamen dagegen weit weniger gut an. Jetzt startet Wonder Man auf Disney+, und es stellt sich die Frage, wo sich die neueste MCU-Serie einreihen wird.
Wonder Man Review
Der aufstrebende Hollywood-Schauspieler Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II) kämpft darum, seine Karriere in Gang zu bringen. Bei einer zufälligen Begegnung mit Trevor Slattery (Ben Kingsley), einem Schauspieler, dessen größte Zeit wohl schon hinter ihm liegt, erfährt Simon, dass der legendäre Regisseur Von Kovak (Zlatko Buric) eine Neuverfilmung des Superheldenfilms „Wonder Man“ plant. Die beiden Schauspieler, die sich an entgegengesetzten Enden ihrer Karriere befinden, streben verbissen nach Rollen in diesem Film, die ihr Leben verändern könnten, während das Publikum einen Blick hinter die Kulissen der Unterhaltungsindustrie erhält.
Trailer zu Wonder Man
Offen gesagt, waren unsere Erwartungen relativ niedrig. Die Dreharbeiten fanden bereits 2023 statt, was nach Jahreszahl jetzt drei Jahre zurückliegt. Da fragt man sich natürlich, warum man die Serie so lange zurückhält. Zudem hielt man sich auch in Sachen Marketing bislang zurück, was meist ein Zeichen dafür ist, dass kein allzu großes Vertrauen vorliegt. Die Außenwirkung ist jedenfalls nicht gut, zumal Ähnliches auch bei Serien wie Echo oder Ironheart der Fall war. Da hatte man teilweise das Gefühl, man sei kurz davor, besagte Serien in den berühmten Giftschrank sperren zu wollen.
Vielleicht möchte man hier die Sache aber auch einfach mal etwas anders angehen, was gleichzeitig auch zum Inhalt der Serie passen würde. Dass zumindest ein gewisses Maß an Vertrauen hinsichtlich der Qualität von Wonder Man bei Marvel Studios vorliegt, könnte man zum einen daran erahnen, dass der Presse bereits Anfang Dezember alle acht Episoden zur Verfügung gestellt wurden, und, dass man die Redaktionen ihre jeweiligen Reviews bereits eine ganze Woche vor der Premiere auf Disney+ veröffentlichen lässt. Aber auch die Tatsache, dass Regisseur Destin Daniel Cretton nach Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings und nach seiner Arbeit an Wonder Man kürzlich auch Spider-Man - Brand New Day drehen durfte und er sich damit so langsam zur Allzweckwaffe des MCU entwickelt, spricht für zumindest ein gewisses Maß an Vertrauen in die Serie. Wäre man mit Wonder Man nicht zufrieden gewesen, hätte man ihm doch kaum mit Spider-Man die mit wichtigste Marvel-Marke anvertraut, oder?
Es sind widersprüchliche Signale, die Marvel Studios hier sendet. Was ironischerweise auch wiederum irgendwie zum Inhalt der Serie passt. Und um jetzt mal langsam zum Punkt zu kommen: Wir hatten sehr viel Spaß mit Wonder Man!
Nicht nur bekommen wir hier einen unterhaltsamen Beitrag zum MCU spendiert, sondern endlich auch mal wieder einen frischen Ansatz. Gerade als Origin-Story geht man hier nach langer Zeit mal wieder komplett neue Wege. Wir können euch auch nur empfehlen, die Serie ohne große Vorkenntnisse zu schauen, und werden daher hier auch möglichst wenig auf Inhaltliches eingehen. Nicht unbedingt, weil es einen großen Twist oder überraschende Wendungen gibt, sondern einfach, weil wir es ohne große Vorkenntnisse sehr genossen haben, zu sehen, wie die Geschichte sich hier Episode um Episode weiter entfaltet. Was hat es mit Simon Williams auf sich? Wie passt Trevor in all das hinein? Warum dieser Meta-Ansatz?
Ein großer Pluspunkt der Serie ist, dass sie sich in keiner Weise gestreckt anfühlt. Die acht Episoden sind mit um die 30 Minuten vergleichsweise kurz und das Vergnügen daher eher ein kurzes. Aber dies kommt der Geschichte und den Entwicklungen zugute. Nicht eine Minute wirkt hier vergeudet.
MCU-Fans sollten sich jedoch darauf einstellen, dass Wonder Man keine typische Superhelden-Serie ist. Effekte kommen z.B. kaum vor. Hier fliegt niemand durch die Gegend, rennt durch Wände oder schießt Laserstrahlen aus seinen Augen. Im Kern geht es um zwei Schauspieler, die versuchen, in Hollywood Fuß zu fassen, sich durch Casting um Casting quälen müssen, ehe sie den großen Job an Land ziehen und ihre Chance erhalten. Und wie sie damit dann umgehen, wenn sie diese Chance erhalten.
Auch geht es um die Welt und wie sie sich verändert, wenn plötzlich überall Superhelden durch die Gegend rennen und dies zum Alltag wird. Wie sieht so eine Welt aus? Wie lebt es sich darin? Welche Veränderungen bringt dies mit sich? Eine wird im Laufe der Serie genauer thematisiert, denn im Hollywood des MCU darf nur wer arbeiten, der vorher vertraglich versichert hat, dass er keine Superkräfte besitzt. Und wie man erfahren wird, hat dies auch seine guten Gründe.
Alles ist sehr bodenständig und charakterbasiert in Wonder Man. Und so ist der größte Effekt der Serie ihre Schauspieler, und die dürfen hier voll aufspielen und glänzen, allen voran Yahya Abdul-Mateen II und Sir Ben Kingsley. Bei beiden macht es viel Spaß, ihnen zuzusehen. Für Yahya Abdul-Mateen II haben wir im Grunde nur Lob übrig. Schon die erste Folge hat uns durch ihn und sein Schauspiel komplett überzeugt. Doch es ist vor allem Kingsley, den wir hier lobend hervorheben wollen. War sein Auftritt in Iron Man 3 vor allem kontrovers und geriet er in Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings mehr zum lustigen Sidekick, so darf er in Wonder Man endlich richtig glänzen. Lustig ist er auch hier, doch sein Charakter bekommt unweit mehr Tiefe und auch mehr Drama verpasst. Dadurch waren wir dann auch sehr erfreut, dass er hier weit mehr als nur einen Gastauftritt hat, sondern im Grunde neben Yahya Abdul-Mateen II die zweite Hauptrolle spielt. Bei beiden passt zudem die Chemie, sodass sie ein sehr gutes Duo abgeben.
Wenngleich so manches danach klingt, als könne man hier etwas im Stil von The Studio erwarten, so täuscht dieser Eindruck. Auf dem Papier mag sich einiges sehr vergleichbar anhören, doch beide Serien unterscheiden sich deutlich voneinander und Wonder Man ist definitiv komplett etwas ganz Eigenes.
Fazit
Wonder Man ist anders als alles, was das MCU bisher hervorgebracht hat. Nicht auf spektakuläre Weise, sondern vielmehr durch seine Bodenständigkeit und die Abwesenheit großer Superheldenaction oder beeindruckender Effekte. Hier stehen vor allem die Inszenierung und das Schauspiel im Vordergrund, und das eben auch inhaltlich, was die Metaebene der Serie noch einmal zusätzlich unterstreicht.
Mit Avengers - Doomsday wird das MCU-Jahr 2026 natürlich wesentlich spektakulärer und in einem größeren Effektefeuerwerk enden, doch mit Wonder Man legt das neue MCU-Jahr nicht nur einen vielversprechenden, sondern in seiner Art und Weise auch sehr überraschenden Start hin, den wir euch nur herzlich empfehlen können.


