
Bewertung: 4 / 5
Das schwermütige und bedrückende Drama The Chronology of Water kommt nun auch endlich in Deutschland in die Kinos. Ob der erste Langspielfilm der Oscar-Nominierten Schauspielerin Kirsten Stewart (Spencer) etwas kann, verraten wir euch in unserer Kritik.
Als Kristen Stewarts Spielfilmdebüt The Chronology of Water 2025 seine Premiere auf dem Cannes Film Festival feierte, erhielt er vom anwesenden Publikum sechseinhalb Minuten Standing Ovations. Der Film lief in der Sektion Un Certain Regard, die sich vor allem unbekannteren und weniger konventionellen Werken widmet. Stewart verfilmte die gleichnamige Biografie der Autorin Lidia Yuknavitch und schrieb selbst das Drehbuch. Insgesamt handelt es sich um ein psychologisches Drama.
Lidia wächst im Oregon der 1970er-Jahre in einem von Gewalt und Alkohol geprägten Umfeld auf. Als begabte Schwimmerin sucht sie Zuflucht im Wasser, doch Schmerz und Selbstzerstörung begleiten sie auch an Land. Erst im Schreiben beginnt sie, sich ihre eigene Geschichte anzueignen und Erfahrungen von Verletzung und Verlust in Sprache zu verwandeln.
Der Film erzählt keine klassische Biografie. Durch seine fragmentarische Inszenierung verweigert er konsequent jede Linearität. Der Zuschauer wird Teil von Lidias traumähnlichen Erinnerungen – Bruchstücke von Schmerz und Freude, die sich nicht chronologisch ordnen lassen. Lidia sagt selbst im Film, dass Erinnerungen Geschichten seien. Genau so kann man auch diesen Film betrachten: als viele kleine Erzählungen, die zusammen ein Ganzes ergeben. Diese Struktur wirkt nicht wie ein künstlerischer Selbstzweck, sondern wie die einzig logische Erzählweise, da Erinnerungen selbst ungreifbar, vage und bewusst oder unbewusst voller Lücken sind.
Immer wieder zeigt der Film über seine Laufzeit hinweg, wie stark ein Mensch unter seiner Vergangenheit leiden kann und wie sehr diese die Gegenwart bestimmt. Als professionelle Schwimmerin findet Lidia ihre größte Zuflucht im Wasser. Dort versucht sie zu fliehen, für einen Moment nicht an das Vergangene oder das Kommende zu denken, sondern ausschließlich im Hier und Jetzt zu sein. Der Film selbst erreicht genau diesen Zustand: Er erzeugt ein Bild von Lidia Yuknavitch, das weit über eine oberflächliche Darstellung hinausgeht. Es entsteht ein psychologisches Porträt, das man in dieser Intensität nur selten im Kino sieht.
Die Beziehung zu ihrer Schwester sowie der Schmerz durch den Missbrauch des Vaters und die emotionale Kälte der Mutter werden nicht explizit ausgestellt, sind jedoch in jeder Szene spürbar. Abhängigkeit, Hilflosigkeit und die Unfähigkeit, sich vollständig zu lösen, durchziehen das gesamte Geschehen. Selbst nachdem Lidia das Elternhaus verlässt, bleibt der Vater wie ein Schatten über ihrem Leben. Erst durch das Schreiben findet sie eine weitere Möglichkeit, ihre Emotionen zu verarbeiten. Wie sie selbst sagt:
„Im Wasser, wie in Büchern, kann man sein Leben hinter sich lassen.“
Der Film vermittelt die Hoffnung, dass es selbst in den dunkelsten Momenten einen Ausweg geben kann.
Visuell ist der Film außerordentlich ausdrucksstark. Die Bildsprache funktioniert teilweise sogar ohne Dialoge. Besonders eindrücklich ist eine Szene, in der Lidia ihrem Vater gegenübersteht: Kein Wort wird gesprochen, nur Blicke werden ausgetauscht. Es folgt ein Schnitt auf eine Trophäe aus einem Schwimmwettbewerb, blutverschmiert im Intimbereich – dann wieder ein Schnitt zurück zu Lidia, dann zum Vater. Ohne explizite Darstellung wird klar, was geschehen ist. Der Film sagt, was gedacht wird, ohne es auszusprechen.
Gleichzeitig zeigt das Werk, wie stark Schreiben als Mittel der Verarbeitung wirken kann und dass daraus Literatur entstehen kann, die so persönlich ist, dass Leser sie möglicherweise nicht vollständig begreifen. Man spricht zwar dieselbe Sprache, doch die Worte bleiben fremd und erzeugen Unverständnis oder Ablehnung.
Imogen Poots gelingt es in der Rolle der Lidia, ihre innere Zerrissenheit in jedem Moment glaubhaft zu verkörpern. Keine Szene wirkt konstruiert oder überzogen. Auch Thora Birch als Lidias Schwester ist positiv hervorzuheben. In ihrer begrenzten Präsenz vermittelt sie eine glaubwürdige Vorbildfunktion und emotionale Stütze für die Hauptfigur. Der übrige Cast erhält vergleichsweise wenig Raum, sodass deren Leistungen weniger stark ins Gewicht fallen.
Die Kamera von Corey C. Waters arbeitet intensiv mit Close-ups, insbesondere mit Nahaufnahmen von Gesichtern und Körperdetails, um Emotionen greifbar zu machen. Auch das Schnitttempo ist den traumähnlichen Zuständen angepasst: Sprunghafte Erinnerungen werden schneller montiert, während Unterwasserszenen bewusst verlangsamt sind, um das Gefühl der Flucht vor der Realität erfahrbar zu machen.
FAZIT
The Chronology of Water ist ein Film, dessen größte Stärken zugleich als Schwächen empfunden werden können. Die nichtlineare Erzählweise und das insgesamt ruhige, teils verlangsamte Tempo können für manche Zuschauer anstrengend oder langwierig wirken. Wer sich jedoch auf diese Form einlässt, erlebt ein tiefgreifendes Psychogramm und einen emotional packenden Film, der noch lange nachwirkt.


