Bewertung: 4.5 / 5
Nachdem Regisseur Federico Fellini 1960 mit Das süße Leben die Goldene Palme gewann, fiel er in eine tiefe Schaffenskrise. Diese Phase versuchte er mit Achteinhalb zu verarbeiten – einem Film, der ebenfalls von einem Regisseur handelt. Das Projekt wurde mehrfach verschoben und bereits im Vorfeld von Produzenten wegen seiner episodenhaften Struktur kritisiert. Fellini ließ sich davon jedoch nicht beirren: Im Jahr nach der Veröffentlichung wurde Achteinhalb mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.
Inhalt:
Um seine Kreativität und Inspiration wiederzufinden, zieht sich der Regisseur Guido Anselmi in einen abgeschiedenen Kurort zurück. Doch der erhoffte Abstand stellt sich nicht ein. Nach und nach treffen all jene Personen ein, von denen er sich eigentlich zeitweise hatte lösen wollen.
Vorweg lässt sich sagen: Dieser Film kann – ja sollte – auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Jede Szene lädt dazu ein, über die reine Handlung hinaus gelesen zu werden. Was Fellini hier geschaffen hat, wirkt wie ein Puzzle, das sich der Zuschauer selbst zusammensetzen muss, um zu verstehen, was der Film eigentlich bedeutet und aussagen will. Auf den ersten Blick geht es um einen Regisseur, der nicht in der Lage ist, die Vision seines Drehbuchs auf die Leinwand zu bringen. Doch ist dies nicht vielmehr eine Reflexion Fellinis über sein eigenes Leben? Überträgt er nicht seine privaten Zweifel und Krisen auf Guido als sein filmisches Alter Ego?
Gleichzeitig nutzt Fellini diese Figur, um die italienische Filmwelt der 1960er-Jahre zu spiegeln. Achteinhalb thematisiert die gesellschaftlichen und institutionellen Hürden, mit denen Kunst in dieser Zeit konfrontiert war. Die katholische Kirche etwa konnte nicht ohne Weiteres kritisch dargestellt werden. Im Film versucht Guido, einen Kardinal von bestimmten Szenen zu überzeugen, stößt jedoch immer wieder auf Missverständnisse und Ablehnung. Weder seine engsten Freunde noch Produzenten oder Außenstehende können nachvollziehen, warum ein etablierter Regisseur wie er derart an sich selbst und seiner Idee zweifelt.
Doch genau darin liegt die Tragik künstlerischen Schaffens: Der Künstler trägt eine Idee in sich, ist aber womöglich unfähig, sie angemessen zu visualisieren. Als Filmregisseur verschärft sich dieses Dilemma zusätzlich, da unzählige Menschen von ihm abhängig sind und erwarten, dass das entstehende Werk sowohl kommerziell erfolgreich ist als auch den künstlerischen Anspruch des Filmemachers erfüllt.
Marcello Mastroianni verkörpert Guido Anselmi in jeder Szene absolut überzeugend. Er trägt den Film vollständig und ist beinahe durchgehend präsent. Ergänzt wird das Ensemble durch namhafte Schauspielerinnen wie Claudia Cardinale als Claudia und Anouk Aimée als Guidos Ehefrau Luisa. Aimée spielt die Frau eines von Selbstzweifeln und Unentschlossenheit geplagten Regisseurs, die ihren Mann zwar unterstützen möchte, zugleich aber an seiner Treue zweifelt.
Auch die weiteren Nebendarsteller tragen maßgeblich zur Dichte des Films bei. Ob Produzenten, Kritiker, Geistliche oder frühere Weggefährten – jede Figur wirkt präzise gezeichnet und erfüllt weniger eine realistische als vielmehr eine symbolische Funktion innerhalb von Guidos innerem Konflikt. Gerade in ihrer oft karikaturhaften Zuspitzung spiegeln sie die Stimmen des Zweifels, des Drucks und der Erwartungshaltung wider, denen Guido – und damit Fellini selbst – ausgesetzt ist.
Die Kameraarbeit von Gianni Di Venanzo, der zuvor bereits mit Michelangelo Antonioni an Die Nacht und L’Eclisse – Liebe 1962 gearbeitet hatte, ist eine visuelle Erfahrung für sich. Wie die Handlung selbst findet auch die Kamera stets das richtige Bild im richtigen Moment und verleiht den Szenen zusätzliche Authentizität und Vielschichtigkeit.
Insgesamt ist Achteinhalb ein Werk von außergewöhnlicher Eigenständigkeit. Fellinis schonungslose Abrechnung mit seinen eigenen Erfahrungen schuf einen Meilenstein der Filmgeschichte, der zahlreiche Regisseure – von Martin Scorsese bis Alejandro González Iñárritu – nachhaltig beeinflusst hat.


