
Kaum ein großes Filmprojekt kommt derzeit ohne begleitende Empörungswelle aus. Meistens ist das glücklicherweise nur heiße Luft und in der Regel ignorieren wir dies. Nun hat es aber auch den meist erwarteten Film von uns getroffen, Die Odyssee.
Noch bevor Christopher Nolans Verfilmung in die Kinos kommt, entzündet sich nun eine Debatte an der Besetzung der Helena von Troja. Anlass ist die Berichterstattung, wonach Lupita Nyong’o diese Rolle übernehmen soll. Bei IMDb ist es mittlerweile auch so gelistet. Es war zwar lange bekannt, dass sie mitspielt und es wurde auch hier bei Moviejones fleißig spekuliert (wir hatten an Kirke oder Kalypso gedacht), aber nun ist es wohl offiziell.
Helena von Troja ist in der Die Odyssee keine Hauptfigur, sondern eine Schlüsselgestalt im Hintergrund der Handlung. Sie gilt als sehr schöne Frau und als Auslöserin des Trojanischen Krieges, weil sie Menelaos verließ und nach Troja gelangte. Homer liefert keine Angaben zu Hautfarbe, Haarfarbe oder Gesichtszügen. Ihre Schönheit wird vorausgesetzt, nicht visualisiert.
Befeuert wurde die Diskussion durch Elon Musk, der dem Regisseur öffentlich mangelnde „Integrität“ vorwarf (als Retweet zu der Berichterstattung).
Elon Musk claims Christopher Nolan has lost ‘integrity’ over The Odyssey casting https://t.co/wDheD9P31Y
— Independent Arts (@IndyArts) January 31, 2026
Was Musk sich dabei genau gedacht hat, wissen wir natürlich nicht. Die Argumentationslinie der Kritiker folgt aber immer dem gleichen Muster: Antike Stoffe werden wie historische Protokolle behandelt, Figuren auf äußerliche Merkmale reduziert, künstlerische Interpretation als ideologischer Angriff gedeutet. Dass die Odyssee ein mythologischer Text ist, mehr Märchen als Geschichte, dessen Figuren zwischen Göttern, Metamorphosen und symbolischen Überhöhungen changieren, wird dabei konsequent ignoriert.
Die entgegengesetzte Position lautet: Helena ist bei Homer kein Passfoto, sondern ein Projektionsraum: für Begehren, Schuld, Schönheit, Verhängnis. Ihre „Schönheit“ ist literarische Funktion, keine dermatologische Beschreibung. Wer hier von „historischer Genauigkeit“ spricht, verfehlt den Gegenstand, oder, heutzutage eher die Regel, benutzt ihn bewusst als Vorwand.
Dass sich die Debatte nun sogar an Christopher Nolan entzündet, ist bemerkenswert. Nolan ist kein Regisseur, der für platte Provokationen oder kulturpolitische Symbolgesten bekannt ist; seine Filme stehen vielmehr für formale Strenge und künstlerischen Ernst. Wer seine Arbeit schätzt, dürfte sich von derartigen Nebendebatten kaum vom Kinobesuch abhalten lassen.
Die Hoffnung bleibt, dass sich diese kulturpolitische Aufgeregtheit als das entpuppt, was sie ist: ein trojanisches Pferd ideologischer Interessen, denen es nicht um Kino geht. Und dass Die Odyssee am Ende für das wahrgenommen wird, was zählt, als Kunstwerk, nicht als Austragungsort eines Stellvertreterkriegs.
