
Bewertung: 4.5 / 5
Zwischen 1932 und 1943 veröffentlichte die amerikanische Schriftstellerin Laura Ingalls Wilder insgesamt acht autobiographische Bücher, die auf ihren Kindheitserinnerungen sowie Tagebüchern beruhen. Die Reihe ist hierzulande als Unsere kleine Farm bekannt und die Romane gehören wohl zu den bekanntesten Kinderbüchern aller Zeiten. Bereits in den 1970er Jahren entstand ein Serienklassiker, die sich bis heute weltweit großer Beliebtheit erfreut. Jetzt legt Netflix die Geschichte im Jahr 2026 mit Unsere kleine Farm neu auf. Schafft man es, in die großen Fußstapfen des Serienklassikers zu treten und gleichzeitig die Geschichte buchgetreu neu zu verfilmen?
Unsere Review zu Unsere kleine Farm
Basierend auf der Lebensgeschichte von Laura Ingalls Wilder erzählt Unsere kleine Farm die Geschichte der Familie Ingalls, die mit ihrem Planwagen in den Westen der USA zieht, um in Kansas ein neues Leben zu beginnen. In der Nähe der neugegründeten Stadt Independence bauen sie sich eine Blockhütte sowie ein neues Leben auf. Mit vielen Problemen konfrontiert, schließen Laura und ihre Familie dort neue Freundschaften, wie mit dem Einsiedler Mr. Edwards, und entdecken sowohl die Wunder als auch die Gefahren der weiten Prärie.
Trailer zu Unsere kleine Farm
Unsere kleine Farm ist einer der ganz großen Serienklassiker und lief von 1974 bis 1983 für insgesamt 9 Jahre. Ganze 204 Episoden wurden produziert. Selbst heute erfreut sie sich noch großer Beliebtheit und kann regelmäßig im Fernsehprogramm vorgefunden werden. Viele Generationen sind seitdem mit dieser Serie aufgewachsen und haben die Familie Ingalls in ihr Herz geschlossen. Daher ist der bis heute andauernde Erfolg natürlich auch mit den vielen Schauspielern von einst verbunden, allen voran der unvergessliche Michael London, aber natürlich auch Melissa Gilbert als Laura oder Victor French als Mr. Edwards.
Der Serienklassiker hat sich so sehr ins gesellschaftliche Gedächtnis eingebrannt, dass man sich eine neue Version dieser Geschichte kaum vorstellen kann. Kann es jemals einen anderen Charles Ingalls als Michael London geben? Kann jemals eine Neuauflage den Charme dieses zeitlosen Serienklassikers mit seinen über 200 Episoden erreichen? Hierauf kann es eigentlich nur eine Antwort geben: Nein, natürlich nicht.
Und das ist genau der Punkt, an dem die Netflix-Neuauflage ansetzt, sie versucht dies alles nämlich gar nicht erst, und muss es auch nicht. Und der Serienklassiker ist ihr dabei sogar behilflich. Denn so schön und beliebt die Serie auch bis heute ist, eines war sie nie: eine korrekte Adaption der Bücher. Diese wurden mehr als Ausgangslage genutzt, aber ansonsten nahm man sich bei der Geschichte und auch den Figuren sehr viele Freiheiten heraus.
Man muss daher ganz klar festhalten: Trotz natürlich mancher Parallelen handelt es sich bei dieser Neuauflage nicht um ein Remake der Serie aus den 70ern, sondern ganz klar um eine Neuadaption der zugrundeliegenden Bücher, an denen man sich dieses Mal auch wesentlich näher orientiert.
Dabei haben beide Serien zunächst etwas gemeinsam: Man überspringt den ersten Roman, Unsere kleine Farm - Laura im großen Wald ("Little House in the Big Woods"), und beginnt direkt beim zweiten. Dieser ist im Englischen auch maßgeblich für den Titel beider Serien verantwortlich: Unsere kleine Farm - Laura in der Prärie oder eben im Englischen Little House on the Prairie, was jeweils der englische Serientitel ist.
Doch hier beginnen dann direkt auffallend die Unterschiede. Denn wo der Serienklassiker bereits nach dem Pilotfilm in den dritten Roman springt, Unsere kleine Farm - Laura und ihre Freunde ("On the Banks of Plum Creek"), tut die Netflix-Neuauflage genau dies nicht. Die komplette erste Staffel mit ihren acht Episoden widmet sich vollständig nur dem zweiten Roman und erzählt diesen von Anfang bis Ende.
Dadurch ist man den Büchern inhaltlich wesentlich näher, was all jene erfreuen dürfte, die sich eine inhaltlich getreue Verfilmung gewünscht haben. Und wenngleich der erste Roman auch hier übersprungen wird, so finden die dortigen Ereignisse doch immer wieder Erwähnung, sind also weder vergessen noch werden sie ignoriert. Als Beispiel sei für die Buchkenner genannt, dass von einem Tanzduell erzählt wird, welches die Großmutter gewinnen konnte. Und auch der aus dem Krieg wiedergekommene und immer noch seine zerzauste Uniform tragende Onkel George spielt eine Rolle.
Was natürlich ebenfalls nicht fehlen darf, sind die vielen gesellschaftlichen Themen. Schon in ihren Romanen griff Laura Ingalls Wilder viele derartige Themen auf und bezog auch Stellung zu ethischen Fragen. Wie schon der Serienklassiker so scheut sich auch die Neuauflage nicht davor, diese Themen anzusprechen. Gesellschaftliche Stände, Rassismus, der Umgang mit den amerikanischen Ureinwohnern, die Rechte der Frauen. Manches wird mehr angedeutet als wirklich thematisch behandelt, aber wir befinden uns auch erst in der ersten Staffel und in acht Episoden kann man schlecht alle Probleme der Welt unterbringen. Dennoch hat die Neuauflage bei diesen Themen genau wie der Serienklassiker ihr Herz am rechten Fleck.
Was wir hier zusätzlich lobend erwähnen wollen, ist, dass diese Themen immer der damaligen Zeit entsprechend behandelt werden, und nicht rein durch die Brille der heutigen. Dies trägt mit vielen weiteren Aspekten deutlich zur Immersion bei. Und dadurch wird eindrucksvoll aufgezeigt, wie zeitlos menschliche Werte sind, aber auch, dass wir selbst heute noch erschreckenderweise mit manchen dieser Themen zu kämpfen haben.
Eine 1:1-Umsetzung darf man aber auch hier nicht gänzlich erwarten. Wenngleich man sich wesentlich näher an der Buchvorlage hält, so nimmt sich auch diese Verfilmung hier und da kleine Freiheiten heraus. So wird als Beispiel das Baby Carrie erst im Verlauf der Staffel geboren, obwohl es eigentlich laut erstem Buch bereits auf der Welt sein müsste. Auch das Ende der Staffel, obwohl weitestgehend buchtreu, weicht in einzelnen Aspekten leicht von der Vorlage ab.
Doch wir wollen dies nicht als Kritik verstehen. Dies sind normale Anpassungen, wie es sie bei nahezu jeder Adaption gibt. Insgesamt dürfen wir sagen, waren wir nicht nur zufrieden, sondern gar begeistert von dieser Neuverfilmung.
Diese Version unterscheidet sich deutlich genug vom Serienklassiker, sodass hier keine Vergleiche nötig sind und man die Netflix-Serie als etwas völlig Eigenständiges ansehen kann. Gleichzeitig geht sie aber auch nicht absichtlich ganz neue Wege, nur um sich möglichst deutlich abzusetzen. Dies hier ist zum Beispiel keine auf düster getrimmte Version, nur um etwas Eigenes zu sein. Dieser wunderschöne und fast schon ansteckende Optimismus, der sich vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen wiederfindet, ist wie beim Klassiker auch hier ein zentrales Thema. Unsere kleine Farm handelt von Hoffnung, vom Kampf ums Überleben, von auch dramatischen Schicksalen. Und sie ist ein Einblick in die Pionierzeit, die als Ursprung des amerikanischen Westens gilt. Dies war in den Büchern so, war im Serienklassiker so und ist es auch hier wieder.
Dabei hat uns die Art und Weise, wie hier diese Zeit zum Leben erweckt wird, gut gefallen. Dies geschieht nicht nur durch das gute Produktionsdesign, sondern gerade auch durch das Verhalten der Personen oder der Dialoge. Dadurch wirkt Unsere kleine Farm im besten Sinne altmodisch und vermag es so dann doch, Erinnerungen an den Serienklassiker zu wecken. Aber auch auf andere Weise erinnert sie an eine frühere Zeit, als Serien noch etwas anders waren, als sie es heute sind. So wird es sicherlich einige erfreuen, dass es sogar ganz klassisch eine komplette Weihnachtsepisode gibt. Haben wir nicht alle diese Weihnachtsepisoden verschiedener Serien, die wir uns jährlich ansehen? Mit Unsere kleine Farm kommt vielleicht eine neue hinzu.
Natürlich müssen wir über den Cast sprechen. Luke Bracey ist eine tolle Besetzung von "Pa" aka Charles Ingalls. Er ist nicht Michael London, doch das muss er auch nicht. Wie schon deutlich gemacht, unterscheiden sich die Serien stark genug, auch bei den Charakteren. Für diese Verfilmung ist Bracey eine tolle Besetzung und ein wirklich toller Charles Ingalls. Warm, herzlich, ein fürsorglicher Vater, der seine Töchter abgöttisch liebt und gleichzeitig für die Prärie auch die nötige Härte und Entschlossenheit mitbringt. All dies bringt Bracey mit einer einnehmenden Natürlichkeit toll rüber.
Besonders hervorheben wollen wir die beiden Töchter, Alice Halsey als Laura und Skywalker Hughes (was für ein Name!) als Mary. Beide haben uns wirklich gut gefallen. Junge Darsteller, die dann auch noch ikonische Rollen übernehmen, sind oft knifflig. Doch hier hat man mit dem Casting sehr vieles richtig gemacht. Beide gehen in ihren Rollen voll auf. Und auch Warren Christie als Mr. Edwards wird sicherlich von vielen sehr schnell ins Herz geschlossen.
Das Casting insgesamt kann wirklich als gelungen angesehen werden und wir sehen hier keine Gründe, warum wir nicht noch viele Jahre mit diesen Leuten verbringen sollten. Schon nach der ersten Staffel fühlen sich diese Figuren dank der tollen darstellerischen Leistung wie Familie an und wir freuen uns bereits jetzt auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen.
Ein Aspekt, der womöglich zwiespältige Reaktionen nach sich ziehen könnte, ist die Optik der Serie. Unsere kleine Farm ist eine moderne Serie, die auch so aussieht. Das Bild ist klar und scharf, vielleicht jedoch etwas zu sehr. Die Serie sieht hochmodern und sauber aus. Gerade so alte Serien wie Unsere kleine Farm, die auch in früheren Zeiten wie dem Wilden Westen spielen, erhalten ihren Charme auch aus der aus heutiger Sicht alten Filmtechnik, die auch zu einem altmodischen Filmbild führt. Die Neuauflage ist eine 4K-Produktion mit satten Farben. Gerade wenn man die alte Serie im Hinterkopf hat, kann dies zu anfangs etwas irritierend wirken.
Wir haben uns jedoch schnell daran gewöhnt und waren ohnehin von Beginn an von den vielen tollen Aufnahmen begeistert. Die Natur und auch die Prärie werden stellenweise wunderschön eingefangen und generell müssen wir die Kameraarbeit hier sehr loben. Tatsächlich möchten wir sagen, dass Unsere kleine Farm für uns eine der optisch schönsten Serien ist, die Netflix bislang herausgebracht hat.
Allerdings gibt es auch kleine Abzüge in der B-Note, denn manchmal wirkte das Licht etwas zu künstlich. Und wo wir schon dabei sind, hat uns leider auch der Schnee etwas aus der Immersion herausgerissen, da dieser zumindest in Teilen offensichtlich am Computer erzeugt wurde. Wir können jedoch nicht ausschließen, dass dies an den Vorabversionen der Episoden lag, die wir zur Sichtung erhalten haben.
Aber insgesamt haben wir kaum etwas zu kritisieren. Von Anfang bis Ende hat uns diese Neuauflage in ihren Bann gezogen und wir sind vom Endergebnis absolut begeistert. Den Machern ist es gelungen, eine Neuadaption mit eigener Identität zu erschaffen, die sich gleichzeitig aber auch äußerst vertraut anfühlt.
Fazit
Technisch hochmodern, und doch im Kern erfrischend altmodisch. Die Netflix-Neuauflage von Unsere kleine Farm unterscheidet sich in vielen Punkten vom berühmten Serienklassiker, braucht sich vor diesem aber auch wahrlich nicht zu verstecken. Die Macher haben hier verdammt viel richtig gemacht und eine wunderschöne Adaption abgeliefert, die sich nah an der Buchvorlage orientiert.
Ein Familienepos voller Optimismus, Drama und Hoffnung. Ein Überlebenskampf inmitten der großen Pionierzeit des amerikanischen Westens. Die Geschichte von Laura Ingalls Wilders vermag auch nach fast einhundert Jahren immer noch zu begeistern. Ihre bedeutende und bis heute beliebte Kinderbuchreihe erhält von Netflix mit Unsere kleine Farm eine mehr als würdige Neuverfilmung. Bitte ganz schnell mehr davon!


