
Bewertung: 4 / 5
Gerne möchte ich heute noch eine Kritik zu „No other Choice“ nachreichen. Die Sichtung ist zwar schon zwei Wöchelchen her, aber in letzter Zeit hatte ich so viel um die Ohren, dass mir leider nicht viel Zeit für das Internet blieb.
Ich muss sagen, dass ich nicht zwingend ein Fan von koreanischen Produktionen bin. Klar, da gibt es auch Highlights, aber die Darstellung ist für meinen Geschmack oft etwas drüber und overacted. Dadurch wirken Szenen, die eigentlich ernst sein sollen, auf mich manchmal eher unfreiwillig komisch. Mir ist aber bewusst, dass das eher ein Wahrnehmungsding meinerseits ist und ich das einer Produktion nicht unbedingt anlasten kann.
Also worum geht’s?
„No Other Choice“ erzählt die Geschichte von Man-Su, der seit 25 Jahren hart in einer Papierfabrik arbeitet. Durch diese harte Arbeit konnte er schließlich sein Geburtshaus für sich und seine Familie zurückkaufen und aufwendig restaurieren. Nach der Übernahme der Fabrik durch ein US-Unternehmen verliert er jedoch seinen Job und hat große Schwierigkeiten, wieder in der Papierbranche Fuß zu fassen.
Kurzzeitig schlägt er sich mit einem Job in einem Supermarkt durch, kann sich aber letztlich nur eine Zukunft in einer Papierfabrik vorstellen – weshalb er diesen Job ebenfalls hinschmeißt. Dadurch hat die Familie jedoch finanzielle Einbußen und muss viele Kompromisse eingehen. Die Hunde müssen abgegeben werden, seine Frau muss wieder arbeiten gehen, und am Ende droht sogar, dass ein Hausverkauf unumgänglich wird.
Für Man-Su ist also klar: Er muss wieder Fuß in der Papierbranche fassen. Da es jedoch viele Mitbewerber gibt, trifft er schließlich eine drastische Entscheidung: Er entschließt sich dazu, diejenigen zu töten, die eine ähnliche Qualifikation haben wie er, um sich für einen Job unverzichtbar zu machen.
Und hier schließt sich wieder der Kreis zu meiner Einleitung. Als „No Other Choice“ begann, hatte ich zunächst genau diese Wahrnehmung, die ich zuvor beschrieben habe, da auch hier einige Szenen etwas overacted wirkten. Gleichzeitig löste das jedoch ein ambivalentes Gefühl in mir aus, weil der Film optisch und in seiner Bildsprache sofort eine gewisse Wirkung entfaltet.
Zu Beginn wird ein nahezu perfektes Familienbild gezeigt, eingefangen in wirklich wunderschönen Bildern. Zwar wirkt es etwas konstruiert, als er seine Familie für eine Gruppenumarmung zusammenruft und sie dann – aus einer erhöhten Kameraperspektive – von Pflanzen und Blumen umrahmt sind, aber: Es sieht einfach toll aus.
„No Other Choice“ ist ein Film, der für mich im Großen und Ganzen sehr gut funktioniert, aber auf verschiedenen Ebenen noch deutlich mehr zu bieten hat. Ich kenne die Romanvorlage nicht, aber nach dem Trailer hatte ich eher einen actionlastigen Film mit deutlich mehr Blut erwartet. Stattdessen bekam ich etwas wesentlich Gehaltvolleres.
Die zentrale Frage lautet:
Wie weit bin ich bereit zu gehen, um meine Familie zu ernähren – und dabei gleichzeitig das Bild aufrechtzuerhalten, das ich von mir selbst habe, während ich in Wahrheit ein völlig neues von mir erschaffe?
Ironischerweise spiegelt sich diese Frage auch stark in der Bildsprache des Films wider. Zu Beginn sagt seine Frau noch, dass sein Leben eng mit dem der Pflanzen verknüpft sei – dass er nur lebt, wenn auch die Pflanzen leben. Mit fortschreitender Handlung und dem zunehmenden moralischen Verfall der Figur wird der Film jedoch immer kahler. Pflanzen sterben ab, bis am Ende im Winter schließlich alles kahl ist.
Während des Schreibens musste ich gerade spontan an die Charakterentwicklung von Walter White in „Breaking Bad“ denken, mit der man das durchaus vergleichen könnte.
Anders als bei Walter White macht der Film aber auch die Charakterentwicklungen innerhalb der Familie deutlicher. Alle leiden unter der Situation und sind bereit, über gewisse Grenzen zu gehen, von denen sie glauben, damit der Familie helfen zu können. Gerade weil diese Grenzüberschreitungen – ich möchte nicht sagen nachvollziehbarer, aber zumindest menschlicher – wirken, erscheint der Kontrast zu Man-Sus Entwicklung in meinen Augen sogar noch krasser.
Von hier an beginnen nun Spoiler über das Ende und Dinge im Verlauf des Films, die ich aber nicht unerwähnt lassen möchte:
Am Ende hat er seinen Job wieder und scheinbar alles erreicht, wofür er so viel riskiert hat. Doch die Pflanzen sind tot, seine Frau bleibt vermutlich nur noch aus Angst bei ihm, und er verpasst das Cellospiel seiner Tochter – die von ihrer Lehrerin als musikalisches Genie beschrieben wird, aber bis dahin noch nie vor ihrer Familie gespielt hat.
Das alles entwickelt sich entgegengesetzt zum Verlauf seiner Karriere, aber im Prinzip parallel zur Entwicklung seines Charakters. Dadurch entsteht zwar ein Kontrast zu seinem Erfolg, gleichzeitig zeichnet es aber letztlich ein viel ehrlicheres Bild seines Charakters als das, welches er selbst den gesamten Film über aufrechterhalten möchte.
Spannend fand ich auch, dass alle drei seiner Opfer im Grunde unterschiedliche Versionen von ihm selbst widerspiegeln.
Der Säufer steht für seine Vergangenheit: ein Mann, der sich komplett über seinen Job definiert und behauptet, nichts anderes zu können – und sogar dieselben Zitate verwendet wie Man-Su selbst. Zudem erfährt man, dass Man-Su in der Vergangenheit selbst ein Alkoholproblem hatte, das innerhalb der Familie zu Konflikten führte.
Der Schuhverkäufer repräsentiert seine Gegenwart: jemand, der ebenfalls aus der Papierfabrik entlassen wurde und nun einen Job macht, mit dem er sich nicht identifizieren kann, weil für ihn nur die Papierbranche „das Wahre“ ist. Genau wie Man-Su, der zuvor Kartons in einem Laden geschleppt hat und diesen Job sofort aufgegeben hat, als sich die Chance auf ein Bewerbungsgespräch in einer Papierfabrik ergab.
Und schließlich der reiche Proll als mögliche Zukunft: Er hat den Job, für den Man-Su alles riskiert. Gleichzeitig hat er seine Frau verloren und ist dadurch wieder dem exzessiven Trinken verfallen.
Vielleicht interpretiere ich da zu viel hinein, vielleicht sind es auch Zufälle – aber ich finde die Idee spannend, dass Man-Su im Verlauf des Films eigentlich nur verschiedene Versionen seiner selbst tötet. So wie er sich im Prinzip auch selbst immer weiter verliert. Währenddessen werden die Pflanzen in seinem Umfeld immer kahler, und die Bilder der von Blumen und Pflanzen eingerahmten Gruppenumarmung vom Anfang sind am Ende auf mehreren Ebenen kaum noch wiederzuerkennen.
Der Film wirkt dadurch insgesamt sehr stimmig und unterstreicht seine Themen subtil durch die Bildsprache.
Trotzdem finde ich, dass er sich hier und da etwas zieht und ein oder zwei Themen aufmacht, die es eigentlich nicht gebraucht hätte und die für den weiteren Verlauf keine große Rolle spielen. Ich denke, etwa 15 Minuten weniger hätten der Erzählung gutgetan und das ohnehin schon stimmige Gesamtbild noch etwas gestrafft.
Alles in allem vergebe ich hier gerne 4 Hüte.


