Christopher Nolan hat dem Telegraph ein weiteres ausführliches Interview zu Die Odyssee gegeben und dabei nicht nur über die aufwendigen Dreharbeiten gesprochen. Der Regisseur äußerte sich außerdem zur Kritik am Film, zur Besetzung, zu künstlicher Intelligenz und zu seinem bewussten Verzicht auf ein Smartphone. Die interessantesten Aussagen aus dem Gespräch haben wir für euch zusammengefasst.
Stürmische Dreharbeiten auf dem Meer
Die Dreharbeiten auf den Langschiffen in Schottland verlangten den Beteiligten offenbar einiges ab. Nolan erzählte, dass einige Nebendarsteller während der Szenen seekrank wurden und sich aufgrund des stürmischen Wetters sogar übergeben mussten.
Der Regisseur entschuldigte sich anschließend bei den Betroffenen, fragte jedoch zugleich scherzhaft, ob man die Übelkeit filmen dürfe. Die Darsteller stimmten dem demnach tatsächlich zu, sodass die authentischen Reaktionen teilweise ihren Weg in den Film fanden.
Earl Grey statt Schlaf vor der Weltpremiere
Obwohl bereits am nächsten Tag die Weltpremiere von Die Odyssee anstand, ließ sich Nolan nicht davon abhalten, noch das Fußballspiel England gegen Mexiko anzusehen. Um bis zum Ende wach zu bleiben, griff der Filmemacher nach eigener Aussage zu Earl-Grey-Tee.
Außerdem widersprach Nolan der Annahme, Die Odyssee sei sein bislang teuerster Film. Diesen Titel trage nach wie vor The Dark Knight Rises.
Universal ließ Nolan erneut freie Hand
Der Regisseur blickte auch auf seine Karriere zurück. Kritiker hätten ihn lange Zeit mit Regisseuren wie Steven Spielberg, Stanley Kubrick oder David Lean verglichen. Inzwischen habe sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Nolan seinen ganz eigenen Weg gehe.
Nach dem Erfolg von Oppenheimer habe Universal ihm zudem erneut einen Film mit vollständiger kreativer Freiheit angeboten. Das Studio habe ihm eine Carte blanche ausgestellt.
Nolan verteidigt seine Interpretation der Odyssee
Ein großes Thema des Interviews war die Kritik, die Die Odyssee bereits vor dem Kinostart begleitet. Besonders die Besetzung von Helena von Troja mit Lupita Nyong’o sorgte im Internet für Diskussionen. Da Helena in der Mythologie als Tochter des Zeus gilt und der Legende nach aus einem Ei geschlüpft sein soll, bezeichneten unter anderem Elon Musk und verschiedene YouTuber diese Entscheidung als "woke".
Auch Elliot Page geriet erneut ins Visier mancher Kritiker. Der Schauspieler hatte bereits in Inception mit Nolan zusammengearbeitet. (damals als Ellen Page)
Darüber hinaus wurden historische Ungenauigkeiten bei Schiffen, Waffen und Rüstungen kritisiert. Selbst der finale Trailer blieb davon nicht verschont und soll rund 600.000 Dislikes erhalten haben.
Nolan begegnet dieser Kritik jedoch gelassen. Er zog einen Vergleich zu seiner Arbeit an Batman, mit der er sich über zehn Jahre beschäftigt habe. Bereits damals sei die Figur seit rund 65 Jahren Teil der Popkultur gewesen und habe unzählige unterschiedliche Interpretationen erlebt.
Seine Aufgabe als Regisseur sei es deshalb nicht, frühere Versionen zu kopieren. Vielmehr müsse man den Originalstoff würdigen, indem man ihn auf die kraftvollste Weise interpretiere, zu der man selbst in der Lage sei.
Diese Aussage erinnert durchaus an die Diskussionen rund um Batman Begins. Damals wurden bereits erste geleakte Bilder des Tumbler-Batmobils kontrovers aufgenommen. Auch die Besetzung von Heath Ledger als Joker in The Dark Knight wurde zunächst von vielen Fans kritisch beurteilt, ehe seine Darstellung später als legendär galt.
Nolan hoffe, dass das Publikum Die Odyssee ähnlich offen begegnen werde. Er könne lediglich versuchen, den bestmöglichen Film zu drehen. Dass seine Version sich von den Vorstellungen anderer unterscheide, gehöre schließlich zum Wesen jeder Adaption.
Bezüglich der historischen Ungenauigkeiten verwies der Regisseur außerdem darauf, dass bereits Homer selbst eine Geschichte erzählt habe, die aus seiner Sicht rund 400 Jahre in der Vergangenheit lag. Die damaligen Vorstellungen der Bronzezeit seien daher zwangsläufig von der eigenen Epoche geprägt gewesen. Ähnliche Aussagen dazu tätigte er bereits in einem früheren Interview.
"Die Odyssee" Trailer 2 (dt.)
Lob für junge YouTube-Filmemacher
Überraschend positiv äußerte sich Nolan über junge Filmschaffende auf YouTube. Besonders hob er Curry Barker sowie Kane Parsons hervor, die mit Obsession - Du sollst mich lieben beziehungsweise Backrooms große Aufmerksamkeit erlangten.
Vor allem Backrooms erinnere ihn in Teilen an die Werke von David Lynch. Nolan findet es großartig, wenn junge Kreative sich das Medium Film auf diese Weise aneignen. Deshalb glaube er auch, dass jüngere Zuschauer durchaus bereit seien, ein dreistündiges Epos wie Die Odyssee im Kino anzunehmen.
Überraschende Worte über künstliche Intelligenz
Auch das Thema künstliche Intelligenz kam zur Sprache. Nolan zeigte sich überrascht, wie schnell KI auf breite Ablehnung gestoßen sei. Besonders auffällig sei für ihn, dass gerade jüngere Generationen den Einsatz künstlich erzeugter Inhalte häufig kritisch sähen.
Als Beispiel nannte er seine eigenen Kinder im Teenageralter. Diese würden KI-generierte Videos oft sofort erkennen und sie kurzerhand als "KI-Schrott" abtun.
Besonders stolz auf Zyklop und Circe
Um auf Die Odyssee zurückzukommen: Bei den visuellen Effekten hob Nolan vor allem den Zyklopen hervor. Die Figur sei durch eine Kombination aus Puppenspiel, Animatronik, optischen Effekten und Computergrafik entstanden. Schauspieler Bill Irwin habe dem Monster zusätzlich Leben eingehaucht.
Ebenso schwärmte der Regisseur von der Szene, in der Circe die Mannschaft des Odysseus in Schweine verwandelt. Samantha Morton habe mit ihrer Darbietung das gesamte Filmteam beeindruckt. Nach Abschluss ihrer Szenen habe die Crew ihr spontan applaudiert. Nolan erinnerte sich, dass er eine derartige Reaktion zuletzt bei Heath Ledger während der Dreharbeiten zu The Dark Knight erlebt habe.
Warum Christopher Nolan bis heute kein Smartphone besitzt
Auch seinen Verzicht auf ein Smartphone erklärte Nolan ausführlicher. Er glaube, dass er schnell süchtig danach werden würde, ständig Dinge nachzuschlagen. Dadurch gingen ihm die ruhigen Momente verloren, in denen man etwa in der Bahn oder beim Warten im Restaurant einfach seinen Gedanken nachhängen könne.
Ein weiterer Vorteil bestehe für ihn darin, sich nicht permanent mit Kommentaren oder Gerüchten im Internet beschäftigen zu müssen. Als Beispiel nannte Nolan Spekulationen, wonach er angeblich ein Remake von Das fliegende Auge drehen wolle. Er wisse bis heute nicht, wie dieses Gerücht entstanden sei. Zudem sei er ohnehin immer eher Fan der Fernsehserie Airwolf gewesen.
Tarantinos Zehn-Filme-Plan sieht Nolan kritisch
Zum Abschluss sprach Nolan über sein Lieblingskino in London. Besonders gerne besucht er das Vista Cinema, das von Quentin Tarantino betrieben wird. Dessen strikte Handyregeln im Saal begrüße er ausdrücklich.
Weniger nachvollziehen könne er allerdings Tarantinos Plan, seine Karriere nach zehn Filmen zu beenden. Zwar respektiere Nolan diese Entscheidung, für sich selbst halte er einen solchen Vorsatz jedoch für riskant.
Er versuche stattdessen, jeden Film so zu drehen, als wäre es sein letzter. Deshalb hebe er sich keine Ideen für spätere Projekte auf. Jeder einzelne Film müsse für ihn alles enthalten, was er als Filmemacher ausdrücken möchte.
Die Odyssee erscheint bei uns in Deutschland bereits nächste Woche! Nämlich am Donnerstag, den 16. Juli 2026. Manche Kinos zeigen den Film aufgrund der hohen Nachfrage bereits ab 8 Uhr morgens.
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