
Kaum eine Personalie rund um Christopher Nolans Die Odyssee wurde so kontrovers diskutiert wie Elliot Page. Wochenlang überschlugen sich die sozialen Medien, begleitet von YouTube-Videos, X-Posts und hitzigen Kommentaren. Doch je mehr Informationen über den Film bekannt werden, desto deutlicher wird: Ein großer Teil der Empörung beruhte wohl auf Mutmaßungen.
1. "Elliot Page spielt Achilles“
Das war einer der Ausgangspunkte der Debatte. Und offenbar falsch. Aktuellen Berichten zufolge übernimmt Page nicht die Rolle des Achilles, sondern die des Sinon, jenes Griechen, der die Trojaner mit einer geschickten Täuschung dazu bringt, das Trojanische Pferd in ihre Stadt zu ziehen.
Damit bekommt die Diskussion im Nachhinein eine fast schon ironische Note. Allerdings müssen wir noch abwarten, auf IMDb ist die Rolle noch nicht gelistet.
2. "Der meistgehasste Nolan-Trailer aller Zeiten"
Zahlreiche Videos sprechen von Hunderttausenden Dislikes und vom „meistgehassten Nolan-Trailer aller Zeiten“. Tatsächlich veröffentlicht YouTube seit 2021 jedoch keine öffentlichen Dislike-Zahlen mehr. Die häufig zitierten Werte stammen nicht von YouTube selbst, sondern aus Hochrechnungen von Drittanbietern wie Return YouTube Dislike. Solche statistischen Modelle können Trends durchaus sinnvoll abbilden, allerdings nur, wenn die zugrunde liegende Stichprobe das Gesamtpublikum einigermaßen repräsentiert. Genau diese Voraussetzung liegt bei koordinierten Online-Kampagnen nicht vor. Wenn sich gezielt bestimmte Gruppen mobilisieren, um ein Video zu disliken, lässt sich aus dieser Stichprobe nicht mehr auf die Gesamtheit aller YouTube-Nutzer schließen.
3. „Nolan castet nur für die Oscars“
Auch dieses Argument tauchte immer wieder auf, unter anderem wurde es von Elon Musk aufgegriffen. Die Behauptung lautet, Nolan habe diverse Schauspieler ausschließlich besetzt, um die Diversitätsregeln der Academy zu erfüllen.
Das hält einer Überprüfung jedoch nicht stand. Die aktuellen Oscar-Regularien verlangen nicht, dass Hauptrollen mit Angehörigen bestimmter Gruppen besetzt werden. Produktionen können die Kriterien auf ganz unterschiedlichen Wegen erfüllen, etwa über Teamzusammensetzung, Praktikumsprogramme oder Produktionsstrukturen. Dass Die Odyssee aus reiner „Oscar-Berechnung“ besetzt worden sei, ist daher eine Behauptung ohne belastbare Grundlage.
Und nun? Natürlich hat jeder das Recht, Christopher Nolans Die Odyssee abzulehnen. Vielleicht gefällt manchen das Casting nicht, anderen die moderne Interpretation der griechischen Mythologie oder schlicht der Trailer selbst. All das ist legitime Kritik.
Eine Grenze ist jedoch dort erreicht, wo die Auseinandersetzung nicht mehr auf dem Film selbst basiert. Wer einen Film bewertet, bevor er überhaupt veröffentlicht wurde, nachweislich falsche Behauptungen verbreitet oder Filmschaffende mit menschenfeindlichen Kommentaren angreift, übt keine Kritik am Film mehr, sondern trägt zur Vergiftung der Debatte bei.
