
Bewertung: 5 / 5
„The Death of Robin Hood“ basiert lose auf der klassischen Ballade aus dem 17.Jahrhundert „Robin Hoods Tod“, eine Geschichte die bereits der 1976er „Robin und Marian“ ebenfalls lose bearbeitet hat. Also so komplett hat sich keine der Verfilmungen an die Vorlage gehalten, könnte man sagen.
Der nun vorliegende Film des Regisseurs Michael Sarnoski, der auch hinter den Filmen „Pig“ und „A Quiet Place: Day One“, sowie der angedachten Verfilmung des Videospiels „Death Stranding“ steht, liefert hier einen Film ab, der sich mehr als nur von den üblichen Abenteuerfilmen über den englischen Volkshelden distanziert.
Trailer zu The Death of Robin Hood
Sarnoski liefert hier einen reinrassigen Arthouse-Film ab, der mit Sicherheit nicht jedem, wahrscheinlich sogar den wenigsten gefallen wird. In meiner überaus schlecht besuchten Kinovorstellung, in der außer mir gerade noch drei Nasen anwesend waren, sind die am Ende sarkastisch lachend aus dem Saal, mit Kommentaren wie „das soll jetzt der Film gewesen sein?“ Ja und ich kann es auch nachvollziehen, woher solche Reaktionen kommen, denn der Film macht es einem nicht leicht und selbst jetzt hadere und beiße ich noch daran herum.
Wenn man es jetzt mal überspitzt darstellt, passiert nämlich nach dem eingangs übertrieben brutalen Gewaltexzess, der etwa eine halbe Stunde gedauert hat, für die nächsten 90 Minuten bis zum Abspann eigentlich nichts Entscheidendes mehr. Die wichtigen Informationen, die man für das offensichtliche Ende benötigt, werden ebenfalls bereits in der ersten halben Stunde erklärt. Was folgt, ist eigentlich nur mehr und ausschweifendes „Drumherum“.
Aber ich greife zu weit voraus. Der Film startet mit dem gealterten Robin Hood, gespielt von Hugh Jackman, der bereits in der ersten Szenerie den Ton vorgibt. Dieser Robin ist kein Held, sondern ein Räuber und Mörder und die Geschichten, die sich über ihn verbreitet haben, davon sind die meisten nur erfunden.
Es wird hier auch erwähnt, dass es nie eine Marian gegeben hat, eine Tatsache die gar nicht so weit hergeholt ist, denn eigentlich ist Marian eine Erfindung von Hollywood. Erwähnt wird sie nur in einer Ballade zu Beginn des 16.Jahrhunderts, in einem Satz, als Robin zum Maitanz unterwegs ist, um mit der hübschen Marian zu tanzen.
Ebenfalls interessant empfand ich die Erwähnung von der Ballade um „Robin Hood und der Töpfer“, als John meint, „kannst du dich noch erinnern, als wir dem Töpfer begegnet sind?“ und Robin darauf erwidert, das sowas nie passiert ist.
Man kann also sagen, dass der Film auch hier ziemlich konkret auf die Folklore um den berühmten Bogenschützen eingeht, und dann solche Geschichten auch als das behandelt, was sie wohl auch immer waren, Geschichten des Volksmunds, die über Jahrhunderte ihre eigene Form entwickelt haben.
Jedenfalls hat John wohl inzwischen ein kleines Stück Land und eine Familie, aber seine Nachbarn haben ihm dies weggenommen und halten seine Frau und sein Kind gefangen. So bittet er Robin noch einmal in diese „epische Schlacht“ einzusteigen, die sich dann mehr als übles Gemetzel entpuppt und auch erklärt, warum der Film ein R-Rating erhalten hat.
Jetzt mache ich einfach mal nen Sprung und Robin wird jedenfalls verletzt, so dass John ihn zu einem Kloster bringt, weil dort eine mystische Heilerin lebt, die wohl alles heilen kann. Auch hier spürt man wieder diese typischen Folklore-Ansätze des Volksmunds.
Von diesem Punkt an, fährt der Film sein Tempo komplett nach unten und man zeigt einen Robin der seine Wunden auskurieren muss, wieder zu Kräften zu kommen und sich vor allem mit den Bewohnern dieses Klosters auseinanderzusetzen hat.
In erster Linie natürlich mit „Schwester Brigid“, hervorragend gespielt von Jodie Comer, mit der er einige sehr eindringliche Gespräche führt, wie auch mit einem Aussätzigen, der von Murray Bartlett gespielt wird. Auch mit Letzterem gibt es mehrere sogar sehr philosophische Gespräche und die Szene mit „Holunder, Birnen und Äpfel“ bleibt mir wohl für immer im Gedächtnis.
Eine der zentralen Szenen, in denen Robin nochmals darauf eingeht und dem Zuschauer auch eindeutig klarmacht, dass er von diesem Leben genug hat, ist mit einem Überlebenden des Eingangsgemetzels. Ihm erklärt er, dass er mehr Menschen getötet hat, als er noch zählen könnte und man für Blut nur weiteres Blut erhält. Für jeden Getöteten gibt es ein Kind oder einen Enkel, der ihm nun Rache schwört und dieser Kreislauf der Gewalt wird niemals enden.
Hugh Jackman spielt diesen vom Leben und seiner Vergangenheit erschöpften Gesetzlosen auf solch einem ergreifenden Niveau, das man alleine durch sein Spiel in Form von jeglicher Gestik und Mimik, diesen Robin Hood immer mehr versteht und bereits anfängt mit ihm zu Leiden. Das ist wahrscheinlich die beste Leistung von Jackman seit „Logan“.
Das Ganze kürt der Film noch mit einer langsamen und vortrefflichen Kameraarbeit, mit einem äußert guten Geschmack für Licht und Farbgebung vor einer atemberaubenden Kulisse, der Drehorte in Nordirland. Das mag kein Sherwood Forest sein, hat aber seine ganz eigene Magie zu bieten.
Unterstützt wird das Geschehen von der passenden Musik in Form englischer Folklore und auch zwei gesungenen Stücken des englischen Songwriters Jim Ghedi, die für die notwendige Stimmung sorgen, welche solch ein Setting benötigt.
Ich bin eigentlich kein großer Fan von Dekonstruktionen von Helden und deren Mythos, aber diese Verfilmung nimmt die Legend um Robin Hood komplett ernst und weiß auch, wo sie ansetzen muss. Man kennt die klassischen Vorlagen und der ganze Film ist durchsetzt von diesen kleinen Hinweisen und Anspielungen, welche sich über Jahrhunderte gefestigt haben. Der Film ist nicht einfach eine Dekonstruktion oder ein Abgesang, der Film weiß um seine Figur und deren Bedeutung und schneidet im Prinzip den Ballast weg, den ihm Hollywood „romantisiert“ angeheftet hat.
Für solche Werke ist dann auch immer genügend Platz und dieser Film steht somit auch sehr gut neben einem „Robin und Marian“, nur eben auf seine eigene Art und Interpretation. Schlimm hätte ich es empfunden, wenn man so verwegen gewesen wäre und ein „Remake“ (würg) des Klassikers mit Connery und Hepburn versucht hätte.
Aber wie eingangs erwähnt, macht es einem der Film nicht leicht und am Ende kommt es wohl auch auf die Erwartungshaltung dahinter an. Wer hier einen klassischen Abenteuerfilm sucht, der sollte besser weiterziehen und an anderer Stelle suchen.
Übrigens leichter gesagt als getan, denn wenn man jetzt mal nach einer „klassischen Verfilmung“ des Stoffs in Filmform sucht, die nicht peinlich und blamabel ausfällt, muss man leider zurückgehen bis in die anfänglichen 90er. Aber zur Erinnerung… denn zumindest gab es letztes Jahr in Serienform von MGM, genau diese klassische Abenteuerverfilmung und das auch noch verdammt gut umgesetzt. Mit Sicherheit eine der besten Serien des letzten Jahres.
Aber abschließend zurück zum Film. Sarnoski hat hier mit dieser von englischer Folklore, Mythen und Volkslegenden durchtränkten Verfilmung, nicht weniger als einen kleinen Geniestreich abgeliefert. Wer sich für die Geschichte dieser (fiktiven) Figur und seiner Legende interessiert, abseits der üblichen Pfade, der bekommt hier ein filmisches Juwel.
Für mich wahrscheinlich der Film des Jahres und schön, dass ein Film der ganz oben in meiner Liste der „meisterwartenden Filme 2026“ auch mal qualitativ abgeliefert hat.
Da darf sich ein gewisser Herr aus Ithaka jetzt aber warm anziehen, um hier noch mithalten zu können.


