
Bewertung: 2.5 / 5
Was hätte Die Odyssee für ein Film werden können, wenn Christopher Nolan sein eigenes Ego einmal zurückgestellt und die Geschichte so erzählt hätte, wie es dem Stoff und seinen Figuren am meisten gerecht geworden wäre? Ein Cast wie aus einem Fiebertraum, ein Budget, von dem viele Filmemacher nur träumen können, und eine Vorlage, die alles für ein zeitloses Meisterwerk mitbringt und dennoch entsteht am Ende ein Werk, das vor allem seinem Regisseur und weniger der Geschichte selbst gerecht wird. Wer Nolans letzten Werke liebt, wird hier zweifellos auf seine Kosten kommen und drei Stunden lang bestens unterhalten werden. Wer jedoch von einem Film mehr erwartet als eine makellose, aber emotionale Distanz, dürfte mit diesem überlangen Epos seine Schwierigkeiten haben. Diese Irrfahrt ist kalt und das im schönsten Griechenland.
Die Odyssee Kritik
Ithaka leidet! Fast 20 Jahre sind vergangen, seit Odysseus (Matt Damon) dem Ruf Agamemnons folgte und mit den griechischen Heeren vor Troja in den Krieg zog. Nach dem Fall der Stadt schien der Heimkehr nichts mehr im Wege zu stehen – doch die Götter hatten andere Pläne. Nachdem Odysseus und seine Männer den Zorn des Poseidon auf sich gezogen haben, beginnt eine jahrelange Irrfahrt voller tödlicher Gefahren und unvorstellbarer Prüfungen. Während seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachos (Tom Holland) auf Ithaka sehnsüchtig auf seine Rückkehr warten, wird das Königreich zunehmend von mächtigen Freiern bedrängt. Sie drängen Penelope, Odysseus für tot zu erklären und einen neuen Gemahl zu wählen, der den Thron besteigen soll. Entschlossen, das Schicksal seines Vaters zu ergründen, begibt sich Telemachos schließlich auf eine gefährliche Reise, um die Wahrheit herauszufinden: Lebt Odysseus noch, oder ist der legendäre Held für immer verloren?
Trailer zu Die Odyssee
Weihnachten 2024 war ein echter Paukenschlag: Christopher Nolan kündigte an, Die Odyssee zu verfilmen. Die Vorfreude war riesig, trotz der berechtigten Frage, ob Nolan der richtige Regisseur für dieses epische Abenteuer ist. Spätestens seit Wolfgang Petersens Troja im Jahr 2004 sehnten wir uns nach einer neuen Adaption der griechischen Mythologie. Natürlich wäre Sean Bean damals die perfekte Besetzung für Odysseus gewesen, doch man kann nicht alles haben. Als nach und nach weitere Namen des Ensembles bekannt wurden, verflog auch die anfängliche Skepsis erst einmal und wich leichter Vorfreude. Nolan gelang es, die Crème de la Crème Hollywoods für sein Projekt zu versammeln. Vom Hauptdarsteller bis zur kleinsten Nebenrolle ist der Film herausragend besetzt. Vor allem spürt man in jeder Szene, mit welcher Begeisterung die Schauspieler Teil dieses außergewöhnlichen Projekts sein wollten.
Nun ist Die Odyssee endlich in den Kinos und wir wissen ehrlich gesagt nicht so recht, wo wir anfangen sollen. Haben wir im Vorfeld einfach zu viel erwartet oder war die Sorge berechtigt, dass Christopher Nolan nicht der richtige Regisseur für diesen Stoff ist? Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.
Unbestritten ist erst einmal, dass Die Odyssee ein visuell beeindruckendes Spektakel geworden ist. Nolan beweist einmal mehr, dass er ein außergewöhnliches Gespür dafür besitzt, Schauspieler perfekt in Szene zu setzen und Filme zu inszenieren, die sich wohltuend vom üblichen CGI-Einheitsbrei abheben. Auch dieses Mal setzt er auf praktische Effekte, echte Kulissen und die Verwendung von analogem Filmmaterial, was dem Film eine besondere Authentizität verleiht. Vielleicht ist es gerade diese Authentizität, die den Darstellern und Darstellerinnen ermöglicht, in nahezu allen Bereichen herausragende Leistungen abzuliefern. Von etablierten Größen wie Matt Damon, Anne Hathaway oder Robert Pattinson erwartet man schauspielerische Höchstleistungen beinahe schon selbstverständlich. Doch Nolan gelingt es ebenso, aus sonst nur soliden Nebendarstellern wie Jon Bernthal oder John Leguizamo Performances herauszukitzeln, die zu den besten ihrer bisherigen Karrieren zählen.
Auch Puristen der Romanvorlage werden sich freuen, dass Nolan nicht versucht den Stoff komplett zu verbiegen und die wichtigen Handlungselemente alle unterbringt. Vom Zyklopen Polyphem, über die Zauberin Kirke, die Sirenen und Kalypso, um nur ein paar Abenteuer zu nennen. Alles findet sich auch in Die Odyssee wieder. Sie alle werden mal mehr und mal weniger gut in Szene gesetzt und zusammen mit den Darstellern muss man hier sagen, der Film hat alles, um auf dem Papier ein großartiges Epos zu werden. Doch liegt der Teufel im Detail oder in der Natur eines Christopher Nolans, der jedem Film seinen unfreiwilligen Stempel aufdrücken muss.
Und hier beginnt es wohl, wo die Geister sich an Die Odyssee scheiden werden. Seit Nolan 2017 Dunkirk produzierte, kommen wir nicht umhin eine Entfremdung zu ihm festzustellen. Seine Filme wurden nicht mehr gemacht, um gute Geschichten zu erzählen, sondern vor allem um ein Vehikel für filmische Spielereien zu sein. Oft überstilisiert, mangelte es ihnen an einer stringent und gut erzählten Handlung. Das alles mündete im überaus erfolgreichen und gefeierten Oppenheimer 2023. Doch unseren Nerv trifft Nolan damit auch diesmal nicht. Zu oft wirken seine Filme trotz aller Brillanz emotional distanziert, das Herz hinter der beeindruckenden Inszenierung fehlt. Zwar hält er sich dieses Mal mit allzu experimentellen Ideen zurück, kann es aber dennoch nicht lassen, sein typisches erzählerisches Markenzeichen einzubringen. Das Ergebnis sind zahlreiche Zeitsprünge und ein teils hektischer Schnitt, der dem Film nicht immer guttut.
Anstatt die Geschichte der Odyssee chronologisch zu erzählen, verwebt Nolan immer wieder Rückblenden an die Belagerung Trojas mit Visionen und Szenen auf Ithaka. Gleichzeitig erlebt Odysseus in Kalypsos Gefangenschaft seine Erinnerungen erneut und arbeitet sich so Stück für Stück durch die Stationen seiner Irrfahrt. Der erzählerische Mehrwert dieser Struktur erschließt sich uns allerdings nicht, im Gegenteil. Sie hat spürbare Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Stoffes. Statt einer epischen Fantasygeschichte zu folgen und mit den Figuren mitzufiebern, bleibt der Zuschauer oft auf emotionaler Distanz. Die ständigen Sprünge nehmen der Handlung ihre Wucht und verhindern, dass eine echte Bindung zu den Charakteren entsteht.
Besonders deutlich wird dies bei den Gefährten von Odysseus. Obwohl seine Mannschaft während der zehnjährigen Irrfahrt immer weiter dezimiert wird und Odysseus wiederholt alles daransetzt, seine Männer zu retten, bleiben sie weitgehend konturlos. Ihre Verluste gehen nahezu beiläufig an einem vorbei. Auch die großen Momente der Reise und die Begegnungen mit den mythologischen Wesen werden eher wie Punkte auf einer Checkliste abgearbeitet, anstatt ihnen den Raum zu geben, ihre volle Faszination und Bedeutung zu entfalten. Dabei gibt es hier auch echte Höhepunkte.
Vor allem die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem sorgt für einen wohligen Nervenkitzel und driftet stellenweise beinahe ins Horrorgenre ab. Visuell mag seine Gestaltung zunächst ungewohnt wirken, doch Polyphem entfaltet schnell eine bedrohliche Präsenz, die zu den stärksten Momenten des Films zählt. Umso enttäuschender ist es, dass Nolan hier eine der fragwürdigsten kreativen Entscheidungen der gesamten Verfilmung trifft. Odysseus trägt viele Beinamen, allen voran den des "Listenreichen". Davon bekommt der Zuschauer im Laufe des Films allerdings nur wenig zu spüren. Zwar wird auch hier Polyphem geblendet, doch ausgerechnet die entscheidenden Momente dieser Episode fehlen vollständig.
Gerade die Begegnung mit dem Zyklopen definiert Odysseus wie kaum ein anderes Ereignis der Vorlage. Hier beweist er nicht nur seine außergewöhnliche Klugheit, sondern offenbart zugleich seine größte Schwäche: seinen Stolz. Im Film sucht man den berühmten "Niemand“ jedoch vergebens, jene List, mit der Odysseus Polyphem täuscht und erst die Flucht seiner Männer ermöglicht. Ebenso fehlt der anschließende Moment des Übermuts, in dem Odysseus dem Zyklopen leichtfertig seinen wahren Namen verrät und damit die verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang setzt.
Dabei ist es gerade diese Mischung aus Genialität und Hybris, die den Charakter des Odysseus so faszinierend macht. Indem Nolan diese Schlüsselmomente streicht, beraubt er die Geschichte eines ihrer wichtigsten erzählerischen und emotionalen Fundamente. Auch die anderen Episoden schwanken immer wieder zwischen coolen Ideen und fragwürdigen Entscheidungen. Die Momente bei Kirke sind visuell spannend umgesetzt, aber lustlos aufgelöst. Doch am meisten haben wir einer epischen Inszenierung von Skylla und Charybdis entgegengefiebert. Doch der tödliche Strudel an der Meerenge hätte nicht langweiliger dargestellt werden können und Charybdis ist eine kreative Bankrotterklärung. Das Schlimme daran, diese ganzen Momente passieren oft ohne Spannungsaufbau, sind oft nach wenigen Minuten wieder Geschichte und vergessen.
Was Nolan in Die Odyssee bei diesen Momenten an Zeit spart, investiert er dagegen an anderen Stellen. Vor allem sein Odysseus Sohn Telemachos wird für die Handlung massiv ausgebaut, um Tom Holland mehr Leinwandzeit zu geben und Hut ab, es ist die wohl beste Performance seiner Karriere und zeigt, dass er mehr sein kann als Peter Parker. Aber diese Passagen sind leider auch unnötig und machen vieles in Die Odyssee unnötig zäh. Dies macht sich in den ersten 15-20 Minuten des Films bemerkbar, bevor überhaupt auch nur Matt Damon in Erscheinung treten kann und mündet in einem Finale in Ithaka, dass zwar inhaltlich treu der Vorlage ist, aber gefühlt eine Ewigkeit in die Länge gezogen wird und einen nicht unerheblichen Teil der Laufzeit verschlingt.
Kommen wir noch einmal zurück zu den Effekten. Das, was auf die Leinwand gezaubert wird, kann sich sowohl mit praktischen, als auch bei den CGI-Effekten sehen lassen. Es ist auch lobenswert, dass Nolan versucht an so vielen Stellen echtes Licht einzufangen und mit echtem Film zu arbeiten. Warum dann aber die digitale Nachbearbeitung so radikal sein musste und den Farben jedwede Intensität geraubt wird, bleibt ein weiteres Rätsel. Es wirkt alles so farb- und trostlos, was vielleicht zur Stimmung, aber eben nicht zu den bereisten Orten passt. Und auch das Licht bleibt so eine Sache, denn viele Szenen gehen in einer Dunkelheit unter, die an die Schlacht um Winterfell in Game of Thrones erinnert.
Wozu macht das alles Die Odyssee am Ende? Die Zutaten für ein Meisterwerk sind zweifellos vorhanden. Der Cast ist herausragend, die literarische Vorlage bietet alles, was man sich von einem epischen Fantasy-Abenteuer wünschen kann, und viele einzelne Szenen zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in diesem Film steckt. Doch dieses Potenzial wird nie vollständig ausgeschöpft. Die Geschichte ist unglücklich montiert, die erzählerischen Schwerpunkte erscheinen fragwürdig gewählt und der Film verliert sich immer wieder in seiner eigenen Inszenierung.
Mögen sich manche Zuschauer an den überstilisierten Rüstungen oder einzelnen Castingentscheidungen stören, all das spielt für uns letztlich keine entscheidende Rolle. Viel schwerer wiegt, was Die Odyssee auf dem Weg zu seinem Finale liegen lässt: die vielen Möglichkeiten, die dieser Stoff geboten hätte.
Natürlich darf sich ein Regisseur kreative Freiheiten nehmen. Auch Wolfgang Petersen traf mit Troja einige Entscheidungen, die man kritisch hinterfragen kann und die wir bis heute bedauern. Dennoch gelang es ihm, sein Publikum emotional mitzunehmen und einen packenden Abenteuerfilm zu erschaffen. Vor allem auch durch einen bewegenden Soundtrack, der hier gänzlich Urlaub macht. Christopher Nolans Die Odyssee hinterlässt bei uns hingegen vor allem ein Gefühl der Wehmut. Nicht, weil der Film durchgängig schlecht wäre, sondern weil er immer wieder erahnen lässt, welch außergewöhnliches Werk hier hätte entstehen können.
Nolan-Fans werden hier dennoch voll auf ihre Kosten kommen und packen gern zwei Hüte drauf, auch würde es uns nicht wundern, wenn dieser Film 2027 bei den Oscars abräumt. Wer jedoch bereits mit seinen letzten Filmen fremdelte und sich eine emotionalere, klassisch erzählte Adaption der Vorlage erhofft hatte, dürfte am Ende zu einem ähnlichen Fazit gelangen wie wir: Die Odyssee ist für uns die größte Enttäuschung des Kinojahres 2026.


