
Wir lieben Science-Fiction mit Aliens. Und es gibt unzählige Varianten des Außerirdischen im Kino. Invasoren, Monster, rätselhafte Intelligenzen, wohlwollende Besucher. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein kreatives Chaos, eine Vielzahl an Möglichkeiten.
Schaut man genauer hin, ordnet sich dieses Chaos erstaunlich klar. Der folgende Text basiert auf der Studie Transterrestrische Scham. Zur Konstruktion fiktionaler Alien-Bilder in Klassikern der englischsprachigen Science Fiction-Literatur im 20. Jahrhundert von Noah Sproß und Andreas Anton (Zeitschrift für Anomalistik, 2025), die genau diese Muster herausarbeitet und systematisiert.
Die zentrale These: Hinter den vielen Gesichtern des Fremden stehen im Kern drei immer wiederkehrende Typen – bis heute. Im Folgenden wird die von Sproß und Anton entwickelte Typologie auf das moderne Kino angewendet und anhand bekannter Filme illustriert.
1. Die feindlichen Eroberer
Das wohl archetypischste Alien-Bild: überlegen, kalt, und vor allem feindlich.
Kernidee:
Diese Wesen stehen für Angst vor Überlegenheit, Kontrollverlust und Fremdherrschaft. Kommunikation scheitert oder findet gar nicht erst statt. Die Begegnung ist ein Konflikt. Es ist aber klar, dass sie uns beherrschen wollen. Sie verhalten sich aus menschlicher Sicht ziemlich rational und teilweise vorhersehbar.
Klassische Funktion:
- Spiegel von Imperialismus, Krieg und geopolitischer Angst
- Ausdruck von „existenzieller Erschütterung“ und Bedrohung
Moderne Filmbeispiele:
Independence Day – klassische Invasionsfantasie, maximale militärische Konfrontation
Edge of Tomorrow – scheinbar unbesiegbare, taktisch überlegene Spezies
A Quiet Place – reduzierte Variante: reine Bedrohung ohne Kommunikation
Krieg der Welten (2005) – direkte Aktualisierung des Wells-Motivs
Was sich verändert hat:
Früher standen oft Staaten oder Ideologien im Hintergrund (Kalter Krieg). Heute verschiebt sich die Angst stärker in Richtung Kontrollverlust durch Chaos, Katastrophe oder „das Unkontrollierbare“.
2. Kosmische Horror-Entitäten
Hier wird es existenziell. Diese Aliens sind nicht einfach nur Gegner, sie sprengen das menschliche Verständnis selbst.
Kernidee:
Das Problem ist nicht nur, dass sie uns angreifen. Das Problem ist, dass wir sie und ihre Motive nicht richtig begreifen können.
Typische Merkmale:
- radikale Fremdheit
- biologische oder ontologische Überlegenheit
- Identitätsbedrohung (Paranoia, Assimilation)
Moderne Filmbeispiele:
Auslöschung – Das Fremde als verzerrende Kraft von Realität und Identität
The Thing (Remake/Prequel) – klassische Paranoia durch Formwandel
Life – evolutionär perfekter Organismus ohne Moral
Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt- unverständliches System, kaum erklärbar, reine Konfrontation mit dem Fremden. Erst in Aliens - Die Rückkehr kann man sie in Kategorie 1 zuordnen.
Zentraler Unterschied zum ersten Typ:
Nicht nur der Angriff, sondern Erkenntnisgrenze ist das Problem. Wir verstehen diese Aliens kaum. Dieser Typ erzeugt zwar „klassische Angst“ doch gleichzeitig Verunsicherung, Bedeutungsverlust sowie eine Kränkung des menschlichen Selbstbildes.
3. Wohlwollende Katalysatoren
Der dritte Typ wirkt zunächst beruhigend, beinahe schon freundlich, ist aber oft ambivalenter als er scheint.
Kernidee:
Aliens als Lehrer, Mentoren oder Evolutionsbeschleuniger.
Funktion:
- Spiegel von Hoffnung, Fortschrittsglauben und Transzendenz
- Ausdruck des Wunsches, die eigenen Grenzen zu überwinden
Moderne Filmbeispiele:
Arrival – Kommunikation führt zu kognitiver Erweiterung
Contact – Begegnung als spirituell-wissenschaftliche Erfahrung
Der Tag, an dem die Erde stillstand – moralische Intervention von außen
Der Astronaut - der wohl freundlichste Kontakt seit langem im Kino.
Diese Aliens helfen, aber oft kontrollieren sie, oft verstehen wir ihre Motive nicht vollständig und oft stellen sie die Menschheit als „noch nicht bereit“ dar. Das erzeugt eine subtile Hierarchie: Der Mensch ist entwicklungsfähig, aber keinesfalls auf Augenhöhe.
| 1. Die feindlichen Eroberer | Aliens als überlegene, feindlich gesonnene Macht |
| 2. Kosmische Horror-Entitäten | Aliens als evolutionär unverständliche Spezies |
| 3. Wohlwollende Katalysatoren | Aliens als Mentoren oder Vermittler |
Die Autoren Sproß und Anton formulieren daraus eine These, die zu allen drei Typen passt: Außerirdische sind vor allem Projektionsflächen. Sie machen ein Gefühl von Minderwertigkeit sichtbar, die Ahnung, dass der Mensch im Vergleich zu einer fremden Intelligenz nicht ausreicht.
Diese „transterrestrische Scham“ zeigt sich nicht nur als Angst oder Verunsicherung. Sie enthält auch etwas anderes: den Wunsch, sich weiterzuentwickeln, besser zu werden oder die eigenen Grenzen zu überwinden.
