
Bewertung: 4 / 5
Sentimental Value ist ein Sozialdrama des norwegischen Filmemachers Joachim Trier. Nach seiner Kinoauswertung Anfang Dezember ist der Film nun endlich auch für das Heimkino verfügbar. Diese Kritik ist spoilerfrei.
Gustav Borg ist ein gefeierter Regisseur, doch seine großen Zeiten liegen lange zurück. Inzwischen ist der Mann 70 Jahre alt und beginnt, auf sein Leben zurückzublicken. Das Verhältnis zu seinen beiden Töchtern war immer schwierig, insbesondere nachdem sich seine Frau im eigenen Haus das Leben genommen hat. Gustav lebte immer für die Arbeit; sie stand im Mittelpunkt. So möchte er in seinem Spätherbst einen letzten Film drehen und bittet dabei seine Tochter Nora, mitzuwirken.
Joachim Trier hat sich mit Der schlimmste Mensch der Welt vor einigen Jahren international einen Namen gemacht. Aber auch zuvor überzeugte der Skandinavier das Publikum mit Filmen wie Oslo, 31. August oder Thelma. Mit Sentimental Value knüpft er gewissermaßen an Der schlimmste Mensch der Welt an. Wirkte die kurze Inhaltsangabe zunächst so, als würde die Figur des Gustav Borg im Fokus stehen, sind es vielmehr seine beiden Töchter Nora und Agnes, die die Geschichte prägen.
Während die jüngere Agnes eine kleine Familie gegründet hat und im Leben angekommen zu sein scheint, ist Nora eine sehr erfolgreiche Theaterschauspielerin, die jedoch unter ausgeprägtem Lampenfieber leidet. Die alleinstehende Frau führt eine Affäre mit einem Kollegen. Sie fragt sich, wo ihr Platz im Leben ist.
Sentimental Value greift ähnliche Themen wie Der schlimmste Mensch der Welt auf. Während sich im vorherigen Film die Hauptfigur durch das Leben kämpft, sehen wir hier zerrüttete Familienverhältnisse kombiniert mit unklaren Perspektiven. Bei beiden Filmen geht es um die Fragen, was man im Leben sein möchte und welche Menschen man an seiner Seite hat.
Joachim Triers neues Werk verwendet einen Kniff, an dem sich Here vor zwei Jahren bereits versucht hat: Was wäre, wenn ein Haus die Geschichte mehrerer Generationen erzählen könnte? Was in Here teilweise dahinplätscherte, zeigt Trier unaufgeregt und elegant mit wenigen Einstellungen. Der Film verliert sich jedoch nicht in dieser Thematik. Sie wird sogar für einen kurzen Gag genutzt.
Das Haus bleibt, auch wenn es fast immer präsent ist, eine Nebenrolle. Im Fokus stehen Gustav und seine beiden Töchter, dargestellt von Stellan Skarsgård, Renate Reinsve (Nora) und Inga Ibsdotter Lilleaas (Agnes). Wie entfremdet Gustav von seiner Familie ist, zeigt sich unter anderem daran, dass er seinem Enkel zum neunten Geburtstag einige Filme auf DVD schenkt – darunter Irreversibel und Die Klavierspielerin. Starke Werke des europäischen Kinos, aber definitiv nichts für einen Neunjährigen. Abgesehen davon, dass die Familie keinen DVD Spieler mehr hat.
Das ist nicht das einzige Mal, dass Joachim Trier seine Geschichte mit unserer realen Welt verknüpft. So wird etwa Gustavs geplanter Film von Netflix produziert. Auf einer Pressekonferenz werden aktuelle Themen angesprochen, etwa ob der Film auch ins Kino kommt oder ausschließlich im Streaming verfügbar sein wird. Das ist elegant geschrieben und zeigt wunderbar, wie Sentimental Value (selbst ein Kinofilm und keine Streamingproduktion) weiß, in welcher Zeit er sich befindet.
Stellan Skarsgård verkörpert den alten Filmemacher, Vater und Großvater großartig. Sein Ausdruck und seine Präsenz sind in jeder Szene greifbar. Renate Reinsve steht dem in nichts nach; sie knüpft an ihr großartiges Spiel aus Der schlimmste Mensch der Welt an. Weiterhin ist die US-Schauspielerin Elle Fanning (Predator - Badlands) im Cast zu finden. Ihre Rolle ist überschaubar, dient jedoch nicht bloß als Marketinginstrument, sondern ergibt im Kontext des Films durchaus Sinn.
Das Drehbuch schrieb Joachim Trier erneut gemeinsam mit Eskil Vogt (The Innocents), ein mehr als erfolgreiches Gespann seiner bisherigen Arbeiten.
Bei dem diesjährigen Europäischen Filmpreis erhielt Sentimental Value fünf Auszeichnungen und räumte damit fast alle Hauptkategorien ab. Einen Oscar gab es für den besten internationalen Film sowie einen Golden Globe für Stellan Skarsgård als bester Nebendarsteller. Darüber hinaus erhielt der Film den großen Jurypreis auf den Filmfestspielen von Cannes.
Thematisch greift Sentimental Value einige Schwerpunkte aus Joachim Triers vorherigem Werk erneut auf, schafft es jedoch, diese in einem anderen Kontext auf neue Weise zu vermitteln. Entstanden ist eine intensive, aber ruhig erzählte Familiengeschichte, mit der sich viele zumindest teilweise identifizieren können. Dabei findet der Film starke Anknüpfungspunkte an seine Gegenwart. Zudem überzeugen Stellan Skarsgård und Renate Reinsve auf ganzer Linie. Schlussendlich haben wir hier einen der besten Filme des Jahres 2025.


