
Bewertung: 4.5 / 5
Habt ihr schon mal was von der religiösen Führerin Ann Lee aus dem 18. Jahrhundert gehört? Höchstwahrscheinlich können diese Frage nur wenige bejahen, schließlich handelt es sich bei ihr um eine Persönlichkeit, die den Lauf der Geschichte vielleicht nicht so sehr geprägt hat, wie es Napoleon, Caesar oder George Washington getan haben.
Das Historien-Drama The Testament of Ann Lee, welches ihr seit vergangenem Mittwoch, dem 20. Mai, auf Disney+ streamen könnt, erzählt nämlich Lees von Leid und Kummer geprägte Geschichte und begleitet ihren steinigen Weg zur Gründung einer eigenen Glaubensgemeinschaft mit progressiven Standpunkten. Ob sich der von Regisseurin Mona Fastvold (The World to Come) inszenierte Ausflug in die Vergangenheit lohnt, klären wir in dieser Kritik.
Trailer zu The Testament of Ann Lee
Ann Lee (Amanda Seyfried) wird 1736 als eines von acht Kindern in Manchester geboren. Zu William (Lewis Pullman), ihrem jüngeren Bruder, hat sie jedoch eine ganz besondere Bindung und schnell findet sie in ihrer Kindheit den Bezug zur Religion und zu Gott. Ein prägender Aufenthalt im Gefängnis bestärkt sie später darin, sich von den konventionellen Bräuchen der Kirche loszusagen und stattdessen ihre eigene Glaubensgemeinschaft, die Shaker, ins Leben zu rufen. Mit einer kleinen Gruppe von Anhängerin fällt Ann Lee schließlich die Entscheidung, ihr Evangelium in Amerika zu verbreiten, ohne genau zu wissen, welche Wellen ihre fortschrittlichen Ansichten dort schlagen sollen …
Kritik - The Testament of Ann Lee
Bei The Testament of Ann Lee handelt es sich in gewisser Hinsicht um ein Biopic, da wir im Film die wichtigsten Stationen in ihrem Leben linear gezeigt bekommen. Jenes ist symbolisch in drei Lieder gegliedert, was thematisch zu den äußerst musikalischen Messen der Shaker-Bewegung passt. Dennoch lassen Fastvold und Brady Corbet (Vox Lux), die das Drehbuch kollaborativ geschrieben haben, auch Raum für Spirituelles, was sich womöglich nicht genauso ereignet hat, aber dem Wesen des Films zugutekommt.
Im vollen Gegensatz zum eigenen Interpretationsspielraum zeigt die Kamera aber bewusst das Leid und das Trauma, das der jungen Ann Lee widerfährt. Diese Schicksalsschläge festigen nämlich nicht nur ihren Glauben an Gott, sondern machen dem Zuschauer ebenso die harte Realität der damaligen Zustände greifbar. So wird beispielsweise eine Geburt etwas expliziter gezeigt, als man es vielleicht vermutet hätte, allerdings hallt diese Sequenz lange nach und lässt uns die Entscheidungen der Protagonistin nachvollziehen.
Vom Produktionsdesign orientiert man sich mit einer eher gedimmten Beleuchtung und realen Setpieces optisch an der historischen Epoche, da zum Beispiel der Amerikanische Bürgerkrieg in genau diese Zeit fällt, welcher auch inhaltlich thematisiert wird. Trotz des geringen Budgets von nur 10 Millionen US-Dollar fühlten wir in das New York des 18. Jahrhunderts hineinversetzt, was auch an der authentisch umgesetzten Kleiderausstattung liegt. Dazu bringt das Melodram auch diesen gewissen Arthouse-Flair mit sich, welches eventuell nicht jedem zusagt, aber unter anderem deswegen einen künstlerischen Mehrwert mit sich bringt.
Kommen wir nun aber auf eines der Highlights von The Testament of Ann Lee zu sprechen – die Musik. Im Vorfeld wurde der Film als Historien-Musical beschrieben, was wir nach der Sichtung definitiv bestätigen können. Lees Glaubensgemeinschaft drückt ihre Verbundenheit zu Gott nämlich durch exzessive Tanz- und Schüttelbewegungen aus, was ihren Namen "Shaker" erklärt und im Film mit eingängigem Kirchengesang und Tanzchoreografien sorgsam inszeniert wird. Daniel Blumberg, welcher 2025 für Corbets Der Brutalist mit dem Oscar für den besten Score ausgezeichnet wurde, liefert mit seinen Arrangements erneut ab und lädt förmlich dazu ein, es den Shaker gleichzutun.
Amanda Seyfrieds Darstellung der vom Leben gebeutelten, spirituellen Anführerin trägt den Film durchgehend und hätte, unserer Ansicht nach, ebenfalls mit einer Oscar-Nominierung belohnt werden müssen. Lewis Pullman, Tim Blake Nelson oder Christopher Abott geraten durch Seyfrieds gesangliche und schauspielerische, Raum einnehmende Präsenz fast in den Hintergrund, was natürlich ebenfalls für den Mamma Mia!-Star spricht, die Nebenfiguren und deren Konflikte jedoch ein wenig verblassen lässt.
Fazit
Mit The Testament of Ann Lee bekommt ihr ein gut zweistündiges Porträt einer religiösen Persönlichkeit geboten, welches durch seinen Look, seine Kompromisslosigkeit und seinem Charme mehr als zu empfehlen ist. Die aufwendig in Szene gesetzten Tanzformationen, die eingängigen Choräle und die stark verkörperte Hauptfigur sorgen für ein Filmerlebnis, das länger im Kopf bleibt, auch wenn es die Randkonflikte vielleicht nicht tun.


