Homer gilt als einer der bedeutendsten Dichter der Antike. Ihm werden die „Ilias“ und die „Odyssee“ zugeschrieben. Epen über Krieg, Heimkehr, Götter und menschliche Schwächen. Historiker gehen heute allerdings davon aus, dass diese Geschichten über lange Zeit mündlich weitererzählt, verändert und ausgeschmückt wurden, bevor sie schriftlich festgehalten wurden.
Der moderne Geschichtenerzähler Christopher Nolan steht nun mit seiner Version der Die Odyssee unter Dauerbeschuss von Elon Musk. Es geht um Fragen von historischer Genauigkeit, moderner Interpretation und kultureller Darstellung.
Besonders viel Kritik entzündete sich zuletzt an der Besetzung von Lupita Nyong’o als Helena von Troja. Kritiker argumentieren, die Besetzung passe historisch oder kulturell nicht zur antiken Vorlage. Elon Musk formulierte seine Kritik auf X nun besonders drastisch und warf Nolan sinngemäß vor, mit seinen Castingentscheidungen „auf Homers Grab zu pissen“.
Chris Nolan is pissing on Homer’s grave. Disgraceful.
— Elon Musk (@elonmusk) May 13, 2026
Daneben wird auch die allgemeine Optik des Films kontrovers diskutiert. Vor allem Agamemnons dunkle Rüstung wird häufig als zu modern oder „Batman-artig“ beschrieben. Manche Zuschauer kritisieren zudem Helme, Kostüme oder Schiffe als zu wenig griechisch und eher wie stilisierte Fantasy. Hinzu kommt die Diskussion um Travis Scott als Barde sowie das bislang unbestätigte Gerücht, Elliot Page könne Achilles spielen. Vor allem letzteres lässt Teile des Internets beben, inklusive massiver Boykottaufrufe. Sollte sich das Gerücht tatsächlich bestätigen, dürfte die Debatte endgültig eskalieren.
Zusätzliche Dynamik bekam die Debatte zuletzt durch Musks Beiträge auf X, in denen er Behauptungen rund um den Film und dessen angebliche „DEI“-Ausrichtung postete. Unter anderem unterstützte Musk Beiträge, die behaupteten, Filme müssten für eine Oscar-Nominierung zwingend bestimmte Quoten an nicht-weißen oder LGBTQ-Darstellern erfüllen. Das US-Magazin Forbes widersprach mehreren dieser Behauptungen allerdings deutlich. Die Diversitätsstandards der Academy seien komplexer, als viele Beiträge suggerierten, und könnten etwa auch über Produktions- oder Ausbildungsprogramme erfüllt werden.
Forbes wies zudem darauf hin, dass mehrere der online verbreiteten Behauptungen über Casting-Vorgaben oder angebliche Oscar-Regeln verkürzt oder irreführend dargestellt wurden. Tatsächlich sind viele dieser Debatten historisch deutlich komplizierter, als es auf Social Media dargestellt wird. Historiker und Altphilologen betrachten Homers „Odyssee“ heute nicht als nüchternen Tatsachenbericht. Die Epen gelten vielmehr als Produkt einer langen mündlichen Erzähltradition. Zwischen der vermuteten Zeit des Trojanischen Krieges und Homers eigener Lebenszeit lagen wahrscheinlich mehrere Jahrhunderte.
Deshalb finden sich in den homerischen Epen häufig Elemente unterschiedlicher Epochen nebeneinander. Manche Waffen oder Rüstungen erinnern eher an die mykenische Bronzezeit, andere eher an die Epoche Homers selbst. Absolute historische Präzision war dabei nie das eigentliche Ziel.
Genau darauf verweist offenbar auch Nolan selbst. Im großen TIME-Porträt zum Film erklärte der Regisseur ausführlich, dass Produktion und Kostümdesign intensiv zur Bronzezeit recherchiert hätten. Selbst die viel diskutierte schwarze Rüstung Agamemnons begründet Nolan mit Theorien über geschwärzte Bronze in der mykenischen Zeit. Außerdem habe man bewusst sowohl Elemente der Bronzezeit als auch Vorstellungen aus der späteren Epoche Homers einfließen lassen.
Auch die Diskussion um Helena von Troja ist historisch weniger eindeutig, als viele aktuelle Debatten suggerieren. Tatsächlich wurde die Figur über Jahrhunderte hinweg immer wieder unterschiedlich dargestellt. Antike Darstellungen zeigen Frauen des trojanischen Sagenkreises häufig mit dunklem Haar. Erst spätere europäische Kunsttraditionen, besonders Renaissance, Neoklassizismus und später Hollywood, prägten das heute vertraute Bild der hellhäutigen oder blonden Helena.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Nolans Interpretation jedem gefallen muss. Manche Zuschauer wünschen sich offenbar einen streng historischen Historienfilm, andere eher eine freie Mythos-Verfilmung. Die Odyssee scheint sich bewusst zwischen diesen Polen zu bewegen.
Vielleicht hätte Homer selbst diese Diskussion weniger überraschend gefunden als viele heutige Zuschauer. Seine Geschichten wurden über Jahrtausende hinweg weitererzählt, verändert und neu interpretiert. Wahrscheinlich hätte Homer darin auch weniger eine Entweihung gesehen als vielmehr das, was kreative Werke seit Jahrtausenden lebendig hält: dass Menschen sie weitererzählen, verändern und leidenschaftlich über sie diskutieren.
