
Bewertung: 4.5 / 5
Christopher Nolans Die Odyssee ist vermutlich genau der Film, den viele nicht erwartet haben. Wer ein spektakuläres Fantasy-Abenteuer voller Monster, Götter und großer Heldentaten sehen möchte, könnte zunächst irritiert sein. Denn genau das ist dieser Film nicht. Und gerade darin liegt für mich seine größte Stärke.
Nolan erzählt keine Heldenreise. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der vom Krieg gezeichnet ist, mit Schuld lebt und irgendwann erkennt, dass Ruhm, Ehre und Siege letztlich bedeutungslos sind. Odysseus will keine Legende werden – er will einfach nur nach Hause. Dadurch wirkt der Film erstaunlich aktuell. In einer Zeit, in der Kriege wieder selbstverständlich Teil der politischen Realität geworden sind, entfaltet diese Perspektive eine besondere Reife.
Trailer zu Die Odyssee
Diese Bodenständigkeit prägt den gesamten Film. Die Inszenierung verzichtet fast vollständig auf Effekthascherei. Selbst die Musik drängt sich kaum in den Vordergrund. Sie begleitet viele Szenen eher zurückhaltend und erinnerte mich stellenweise fast an die schlichte Emotionalität eines Kirchen- oder Laientheaters. Das klingt zunächst ungewöhnlich, sorgt aber dafür, dass der Film nie versucht, seine Figuren künstlich zu Helden zu stilisieren.
Dabei hätte Nolan durchaus spektakulärer werden können. Die Begegnung mit Charybdis und dem tödlichen Strudel gehört für mich zu den schwächeren Momenten. Hier wäre mehr Spannung möglich gewesen. Das ist der einzige Punkt, wo ich mit der Moviejones Kritik mitgehe, Gleichzeitig glaube ich inzwischen, dass diese Zurückhaltung eine bewusste Entscheidung war. Nolan interessiert sich nicht dafür, den größten Strudel oder das spektakulärste Monster der Filmgeschichte zu zeigen. Er verweigert genau jene Überhöhung, die heute oft selbstverständlich geworden ist. Rückblickend finde ich diesen Verzicht sogar konsequent.
Auch die mythischen Elemente funktionieren gerade deshalb erstaunlich gut. Sie wirken nicht wie Fantasy-Spektakel, sondern wie natürliche Bestandteile einer Welt, die zwar mythisch ist, aber dennoch glaubwürdig bleibt.
Der ganze Cast macht seine Sache hervorragend. Tom Holland liefert eine sehr starke Leistung ab, auch wenn ich ihn persönlich immer noch zuerst mit Spider-Man verbinde, besonders, wenn unmittelbar vor dem Film wieder ein Spider-Man-Trailer läuft. Dennoch zeigt er hier, dass deutlich mehr in ihm steckt.
Besonders beeindruckt hat mich, wie reif Nolan inzwischen erzählt. Für mich ist Die Odyssee stärker als Interstellar, Dunkirk und auch Oppenheimer. Es fühlt sich an, als hätte Nolan hier zu einer Form zurückgefunden, die mich deutlich mehr anspricht als seine letzten Werke.
Eine Sache hat der Film bei mir sogar außerhalb der Leinwand bewirkt. Im Vorfeld wurde Die Odyssee von einer erstaunlich lautstarken Hasskampagne begleitet. Nach dem Kinobesuch erschien mir diese Diskussion noch kleingeistiger als zuvor. Ehrlich gesagt komme ich mir jetzt selbst albern vor, mich überhaupt damit beschäftigt zu haben. Dieser Film bewegt sich auf einem Niveau, auf dem solche Debatten völlig bedeutungslos sind. Allein zu dieser Erkenntnis hat mir der Film verholfen.
Die Odyssee ist kein Film, der den durchschnittlichen Blockbuster - Kinobesucher beeindrucken will. Ich denke, diesen Film wird man in 50 Jahren noch schauen. Er vertraut darauf, dass seine Geschichte, seine Figuren und seine Themen stark genug sind. Für mich geht dieses Konzept vollständig auf. Dennoch habe ich auch mich dabei ertappt, noch auf einen großen Hollywood - Moment zu warten, "das besondere Etwas". Das sagt aber mehr über mich aus, als über den Film.
9 von 10 Punkten.
Für mehr muss ich ihn nochmal sehen.


