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Die Odyssee

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Kein Heldenepos – und genau deshalb so stark

Die Odyssee Kritik

Die Odyssee Kritik
5 Kommentare - 21.07.2026 von GPJ
In dieser Userkritik verrät euch GPJ, wie gut "Die Odyssee" ist.
Die Odyssee

Bewertung: 4.5 / 5

Christopher Nolans Die Odyssee ist vermutlich genau der Film, den viele nicht erwartet haben. Wer ein spektakuläres Fantasy-Abenteuer voller Monster, Götter und großer Heldentaten sehen möchte, könnte zunächst irritiert sein. Denn genau das ist dieser Film nicht. Und gerade darin liegt für mich seine größte Stärke.

Nolan erzählt keine Heldenreise. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der vom Krieg gezeichnet ist, mit Schuld lebt und irgendwann erkennt, dass Ruhm, Ehre und Siege letztlich bedeutungslos sind. Odysseus will keine Legende werden – er will einfach nur nach Hause. Dadurch wirkt der Film erstaunlich aktuell. In einer Zeit, in der Kriege wieder selbstverständlich Teil der politischen Realität geworden sind, entfaltet diese Perspektive eine besondere Reife.

Trailer zu Die Odyssee

Diese Bodenständigkeit prägt den gesamten Film. Die Inszenierung verzichtet fast vollständig auf Effekthascherei. Selbst die Musik drängt sich kaum in den Vordergrund. Sie begleitet viele Szenen eher zurückhaltend und erinnerte mich stellenweise fast an die schlichte Emotionalität eines Kirchen- oder Laientheaters. Das klingt zunächst ungewöhnlich, sorgt aber dafür, dass der Film nie versucht, seine Figuren künstlich zu Helden zu stilisieren.

Dabei hätte Nolan durchaus spektakulärer werden können. Die Begegnung mit Charybdis und dem tödlichen Strudel gehört für mich zu den schwächeren Momenten. Hier wäre mehr Spannung möglich gewesen. Das ist der einzige Punkt, wo ich mit der Moviejones Kritik mitgehe, Gleichzeitig glaube ich inzwischen, dass diese Zurückhaltung eine bewusste Entscheidung war. Nolan interessiert sich nicht dafür, den größten Strudel oder das spektakulärste Monster der Filmgeschichte zu zeigen. Er verweigert genau jene Überhöhung, die heute oft selbstverständlich geworden ist. Rückblickend finde ich diesen Verzicht sogar konsequent.

Auch die mythischen Elemente funktionieren gerade deshalb erstaunlich gut. Sie wirken nicht wie Fantasy-Spektakel, sondern wie natürliche Bestandteile einer Welt, die zwar mythisch ist, aber dennoch glaubwürdig bleibt.

Der ganze Cast macht seine Sache hervorragend. Tom Holland liefert eine sehr starke Leistung ab, auch wenn ich ihn persönlich immer noch zuerst mit Spider-Man verbinde, besonders, wenn unmittelbar vor dem Film wieder ein Spider-Man-Trailer läuft. Dennoch zeigt er hier, dass deutlich mehr in ihm steckt.

Besonders beeindruckt hat mich, wie reif Nolan inzwischen erzählt. Für mich ist Die Odyssee stärker als Interstellar, Dunkirk und auch Oppenheimer. Es fühlt sich an, als hätte Nolan hier zu einer Form zurückgefunden, die mich deutlich mehr anspricht als seine letzten Werke.

Eine Sache hat der Film bei mir sogar außerhalb der Leinwand bewirkt. Im Vorfeld wurde Die Odyssee von einer erstaunlich lautstarken Hasskampagne begleitet. Nach dem Kinobesuch erschien mir diese Diskussion noch kleingeistiger als zuvor. Ehrlich gesagt komme ich mir jetzt selbst albern vor, mich überhaupt damit beschäftigt zu haben. Dieser Film bewegt sich auf einem Niveau, auf dem solche Debatten völlig bedeutungslos sind. Allein zu dieser Erkenntnis hat mir der Film verholfen.

Die Odyssee ist kein Film, der den durchschnittlichen Blockbuster - Kinobesucher beeindrucken will. Ich denke, diesen Film wird man in 50 Jahren noch schauen. Er vertraut darauf, dass seine Geschichte, seine Figuren und seine Themen stark genug sind. Für mich geht dieses Konzept vollständig auf. Dennoch habe ich auch mich dabei ertappt, noch auf einen großen Hollywood - Moment zu warten, "das besondere Etwas". Das sagt aber mehr über mich aus, als über den Film.

9 von 10 Punkten.

Für mehr muss ich ihn nochmal sehen.

Die Odyssee Bewertung
Bewertung des Films
910

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5 Kommentare
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MrBond : : Imperialer Agent
24.07.2026 13:08 Uhr
0
Dabei seit: 03.12.14 | Posts: 4.137 | Reviews: 30 | Hüte: 647

@GPJ

"Schöne Retrokritiken von Dir übrigens!"

Vielen Dank. Und Dir an dieser Stelle noch den Hut, den ich Dir noch für Deine Kritik reichen wollte.

“Sehe ich so aus als ob mich das interessiert?!"

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GPJ : : Popcornologe
23.07.2026 12:36 Uhr
0
Dabei seit: 26.09.24 | Posts: 1.436 | Reviews: 5 | Hüte: 86

Vielen Dank.

Bei der nächsten Sichtung werde ich den Film auch mehr aus dieser Perspektive heraus schauen. Dass Odysseus hier so überhaupt nicht als strahlender Held gezeichnet wird, war mir gar nicht so richtig klar vorab.

Ich bin ja grundsätzlich kein Fan davon, "alte Helden" gebrochen darzustellen, so wie Han Solo oder Indiana Jones zuletzt, aber hier ist es anders, würdevoller.

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Asgrimm86 : : Moviejones-Fan
23.07.2026 11:09 Uhr
0
Dabei seit: 23.03.16 | Posts: 358 | Reviews: 1 | Hüte: 23

Auch hier möchte ich gerne einen Hut vergeben. Ich sehe die Odysee hier ebenfalls als den langen Weg den man mit einer Traumabewältigung zu gehen hat und eben die verschiedenen Stationen die sich da im Kopf abspielen können bis man endlich wieder etwas Frieden gefunden hat und "heimkehren" kann.

Irre explodieren nicht, wenn das Sonnenlicht sie trifft, ganz egal, wie irre sie sind!

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GPJ : : Popcornologe
23.07.2026 09:40 Uhr | Editiert am 23.07.2026 - 09:41 Uhr
3
Dabei seit: 26.09.24 | Posts: 1.436 | Reviews: 5 | Hüte: 86

Vielen Dank, MrBond.

leider gab es nie eine wirklich friedliche Welt. Gerade in Europa herrschte zuletzt das Gefühl, große zwischenstaatliche Kriege gehörten der Vergangenheit an. Dieses Selbstverständnis ist in den letzten Jahren deutlich ins Wanken geraten.

Spannend dazu das Buch: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit (Original: The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined) von Steven Pinker. Die Hauptthese des Buches lautet, dass sich die Gewalt im Laufe der Geschichte verringert hat. Damit meint er das Verhältnis zwischen Gewalttaten und Anzahl der Menschen, also die Gefahr für den einzelnen Menschen der jeweiligen Epoche, im Laufe seines Lebens Opfer einer Gewalttat zu werden.

Und mit deinem zweiten Punkt triffst Du etwas Wichtiges. Die Odyssee vertraut auf seine Figuren und seine Erzählung. Das erinnert tatsächlich eher an viele der großen Klassiker als an das heutige Blockbuster-Kino. Schöne Retrokritiken von Dir übrigens!

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MrBond : : Imperialer Agent
22.07.2026 16:05 Uhr
1
Dabei seit: 03.12.14 | Posts: 4.137 | Reviews: 30 | Hüte: 647

Schöne Kritik... einen Punkt fand ich besonders bemerkenswert:

"Odysseus will keine Legende werden – er will einfach nur nach Hause. Dadurch wirkt der Film erstaunlich aktuell. In einer Zeit, in der Kriege wieder selbstverständlich Teil der politischen Realität geworden sind, entfaltet diese Perspektive eine besondere Reife."

Ein extrem starker Gedanke, der mich nach dem Lesen deiner Kritik noch länger beschäftigt und zu einer tieferen Recherche bewegt hat!

Auf den ersten Blick könnte man zwar einwenden, dass bewaffnete Konflikte weltweit auch in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts leider nie aufgehört haben. Doch deine Beobachtung trifft einen entscheidenden Nerv der Gegenwart: Die statistische und gefühlte Realität von Kriegen hat sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts massiv verändert. Spätestens mit der Rückkehr großflächiger, zwischenstaatlicher Kriege nach Europa ist der Glaube an eine Epoche des dauerhaften Friedens zerbrochen. Krieg ist wieder zu einem greifbaren Instrument der Geopolitik geworden.

Genau hier entfaltet deine Analyse zu Die Odyssee ihre volle Wirkung: Dass Odysseus eben kein glorreicher Held sein will, sondern ein erschöpfter Rückkehrer, rückt das menschliche Trauma in den Vordergrund. In einer Zeit, in der geopolitische Machtspiele die Nachrichten dominieren, lenkt der Film den Blick weg von den abstrakten Frontlinien und hin zur Sehnsucht nach Frieden und Heimat.

"Die Odyssee ist kein Film, der den durchschnittlichen Blockbuster - Kinobesucher beeindrucken will"

Nachdem ich genau diesen Hintergrund bei meinen letzten beiden Kritiken (Zurück in die Zukunft und Der weiße Hai) hervorgehoben habe, bin ich nun noch mehr angefixt, was die Odyssee betrifft. Ironischerweise waren gerade diese Filme in ihrer Erscheinungszeit die damaligen Blockbuster. Wenn Die Odyssee mit ihren Charaktern, deren Entwicklung und dem generellen Storytelling genauso behutsam umgeht, wie die damaligen "Klassiker" (ich schreibe bewusst nicht, dass alles aus dieser Zeit über jeden Zweifel erhaben war... da gab`s auch einen Haufen Schrott), dann ist es umso mehr bemerkenswert, dass so ein Film heute noch so viele Zuschauer anlockt.

“Sehe ich so aus als ob mich das interessiert?!"

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