Mitten in den 80ern und 90ern gehörten Videotheken zum Alltag. Fast jede größere Straße hatte eine, manchmal sogar mehrere. Um 1990 waren es in Deutschland rund 9.000.
Der Bruch kam leise. Anfang der 2000er begann der Rückgang. Erst Internet und Downloads, dann DVDs, später Video-on-Demand. Was vorher selbstverständlich war, wurde langsam überflüssig. 2003 gab es noch über 4.000 Videotheken, ein paar Jahre später nur noch etwa 3.000.
Dann ging es schneller. Streaming wurde bequemer, günstiger, allgegenwärtig. Aus Tausenden wurden Hunderte: um 2017 noch etwa 600, 2019 nur noch rund 300.
Und heute?
Max bleibt vor dem leeren Laden stehen.
Kein Schild mehr, nur die helleren Rechtecke an der Scheibe, wo früher Poster hingen.
„Hier war ich jede Woche“, sagt er.
„Und jedes Mal zu spät zurückgebracht“, meint Timo trocken.
Lara tritt näher ans Fenster, schaut hinein. „Ich vermiss das schon.“
Timo schnaubt. „Was genau? Schlechte Auswahl und Gebühren?“
Später sitzen sie bei Max.
Der Fernseher läuft, Reihen von Filmen ziehen vorbei. Max scrollt langsam, ohne stehenzubleiben.
„Früher bist du halt reingegangen und hattest irgendwann einen Film“, sagt Lara.
„Früher hattest du auch einfach weniger Auswahl“, entgegnet Timo. „Heute hast du alles. Jederzeit. Besser geht’s doch nicht.“
Max sagt nichts. Scrollt weiter.
„Es war überschaubar“, sagt Lara. „Du hast gesehen, was da ist. Du bist durch die Reihen, hast Cover gelesen. Und irgendwann war klar: Das ist er.“
„Oder: Das ist der beste von denen, die noch da sind“, sagt Timo. „Wenn der Film weg war, hattest du Pech.“
„Genau das war doch gut“, sagt Lara. „Du hast Dinge geschaut, die du dir sonst nie ausgesucht hättest.“
„Oder Müll“, sagt Timo.
Max hält kurz bei einem Film an. Dann weiter.
„Heute suchst du nicht mehr richtig“, sagt Lara. „Du wirst gesucht. Alles wird dir vorgeschlagen.“
„Und? Spart Zeit“, sagt Timo.
„Und trotzdem sitzen wir hier und entscheiden uns nicht“, sagt Lara.
Kurze Pause.
Max legt die Fernbedienung auf den Tisch.
„Vielleicht war’s nicht besser“, sagt er. „Nur… klarer.“
„Klarer?“, fragt Timo.
„Begrenzter“, sagt Max. „Und dadurch schneller vorbei.“
Lara nickt langsam. „Du hattest irgendwann diesen Moment: Film in der Hand. Fertig.“
„Heute hast du zehn Tabs im Kopf“, sagt Timo. „Aber dafür auch den besseren Film.“
Max steht auf, geht zum Regal und zieht irgendeine Hülle heraus.
Ohne lange zu schauen.
Klick.
Der Film startet.
Und ihr?
War die Videothek wirklich besser –
oder leben wir heute in der besten Heimvideowelt?
