
Bewertung: 2 / 5
Willkommen in der schönen Welt der künstlichen Intelligenz. Im neuen Film mit Chris Pratt und Rebecca Ferguson werden Legislative, Judikative und Exekutive kurzerhand durch eine KI namens Maddox ersetzt. Das steht sinnbildlich für den gefährlichen Wandel unserer Gesellschaft, die doppelte Moral Hollywoods und die zunehmende Ideenlosigkeit der Filmindustrie. Und dennoch: Dieser Film hat das Potenzial, ein riesiges Guilty Pleasure zu werden.
In Mercy geht es um den LAPD-Detective Raymond (Chris Pratt), der sich in einer dystopischen Zukunft auf dem Stuhl des sogenannten Mercy-Programms wiederfindet. Ihm wird vorgeworfen, seine Ehefrau ermordet zu haben. Das Mercy-Programm, geleitet von der KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson), führt das Mordverfahren gegen ihn. Raymond bleiben nun genau 90 Minuten, um seine Unschuld hieb- und stichfest zu beweisen, bevor die künstliche Intelligenz über sein weiteres Leben – oder seinen Tod – entscheidet.
Mercy ist der neue Film von Timur Bekmambetov, dem Regisseur von Wanted, der außerdem Werke wie Abraham Lincoln Vampirjäger oder das Ben Hur-Remake von 2016 inszenierte. Ein Mann also, der es nicht unbedingt mit wirklich guten Filmen hat. Mercy bildet da leider keine Ausnahme, dient aber gleichzeitig als unfreiwillig aufschlussreicher Kommentar zur Entwicklung unserer Welt – und zu der Hollywoods selbst.
Denn in Zeiten, in denen künstliche Intelligenz völlig zu Recht massiv kritisiert wird, einen Film zu produzieren, der KI als etwas grundsätzlich Gutes darstellt, ist mindestens problematisch. Ein von Menschen programmiertes System, das vollkommen autonom und rein algorithmisch über Schuld oder Unschuld von Schwerverbrechern entscheidet? Das klingt erschreckend realistisch, wenn man sich die aktuelle Entwicklung von KI ansieht. Werden in den USA unter einem möglichen Präsidenten Trump vielleicht irgendwann tatsächlich KI-Richter eingesetzt? Da sich die Welt ohnehin längst wie eine viel zu lange South Park-Folge anfühlt, wäre das leider nicht einmal abwegig.
Doch Mercy nimmt es weder mit Logik noch mit Moral besonders genau. Der Film ist im Kern eine beinharte Pro-KI-Werbung, ohne auch nur eine Sekunde darauf zu verwenden, was an dieser Entwicklung gefährlich oder hochproblematisch sein könnte. Gleichzeitig zeigt sich hier eine weitere schwierige Entwicklung Hollywoods: Vor wenigen Jahren gingen Schauspieler und Drehbuchautoren auf die Straße, um unter anderem gegen den Einsatz von künstlicher Intelligenz zu protestieren. Es folgte der längste Actors-&-Writers-Strike in der Geschichte der Filmindustrie. Schriftlich wurde festgehalten, dass KI keine Autoren oder Darsteller ersetzen darf.
Offenbar hat all das wenig gebracht, denn das Drehbuch von Mercy fühlt sich an, als wäre es direkt von einer KI geschrieben worden. Die Entscheidungen der Figuren sind teilweise absurd dünn, über Maddox und die tatsächlichen Gründe für ihre Einführung als Richterin wird nur am Rande gesprochen. Unser Protagonist Raymond durchläuft keinerlei Entwicklung: Er endet charakterlich exakt dort, wo er beginnt. Dass er alkoholabhängig ist, seine Frau misshandelt und sein Kind vernachlässigt, wird zwar thematisiert, ab der Hälfte des Films jedoch komplett ignoriert. Konsequenzen für sein Verhalten? Gibt es keine. Fast wirkt es so, als wolle der Film sagen, es sei völlig okay, seine Frau wie Dreck zu behandeln, solange man nur ordentlich einen sitzen hat.
Erschreckend ist auch, dass Amazon MGM offenbar beschlossen hat, innerhalb eines Jahres gleich zwei Filme zu produzieren, die fast ausschließlich über eine Art Desktop-Ästhetik funktionieren. Nach Krieg der Welten – der mehrfach für den Anti-Oscar nominiert wurde – folgt nun dieses Werk. Immerhin gibt es hier kein Amazon-Airship, das am Ende allen den Arsch rettet. Was wir euch aber garantieren können: Den großen Twist des Films werdet ihr nach etwa 15 Minuten Laufzeit bereits durchschaut haben. Selten war eine Wendung in jüngerer Vergangenheit derart offensichtlich.
Nachdem wir Drehbuch und Hollywoods problematische Entwicklung abgehandelt haben, bleiben noch Schauspieler und Technik. Chris Pratt funktioniert zu Beginn des Films tatsächlich noch ganz ordentlich, besonders wenn er ein paar Tränen verdrücken darf. Danach verfällt er jedoch in dieselbe Mimik, die man bereits auf dem Filmposter bewundern kann. Rebecca Ferguson spielt Maddox völlig empathielos, leer und blass – was grundsätzlich zu ihrer Rolle passt, sie aber zugleich extrem austauschbar macht. Dennoch ist sie fast noch das Beste am Film.
Am schlimmsten ist allerdings Chris Sullivan, den man aus Filmen wie Agnes: Face your Demons, I Trapped the Devil oder dem weltbekannten (hust hust) Blood Stripe kennen könnte. Sullivan liefert hier eine derart dilettantische Leistung ab, dass sie garantiert eine Erwähnung bei den diesjährigen Razzies bekommen hätte – wäre der Film nur ein oder zwei Monate früher erschienen.
Was Mercy hingegen erstaunlich gut macht, ist die Optik. Die Darstellung von Handyoberflächen und Überwachungskameras ist nett integriert, die CGI-Effekte sehen hochwertig aus. Von der Filmmusik bleibt kaum etwas hängen, ebenso wenig von der Kameraarbeit, die einen durchgehend unspektakulären Job erledigt.
Nun fragt ihr euch nach dieser ganzen Tirade wahrscheinlich, was es mit dem Satz „Dennoch hat dieser Film das Potenzial zu einem riesigen Guilty Pleasure zu werden“ auf sich hat. Ganz einfach: Der Film legt ein irrwitziges Tempo vor und feuert euch mit Wendungen zu, die zwar allesamt vorhersehbar sind, aber so schnell aufeinanderfolgen, dass man sich fast wie in Trance fühlt. Trotz des grauenhaften Drehbuchs und der nicht vorhandenen Charakterzeichnungen wirkt das alles derart dynamisch, schnell und wild, dass man hier durchaus seinen Spaß haben kann.
Bekmambetov inszenierte bereits Wanted mit Angelina Jolie – ebenfalls kein besonders kluger Film, der Logik mit Füßen trat, aber durch sein rasantes Tempo und seine herrliche Dummheit irgendwie funktionierte. Mercy schlägt in eine ähnliche Kerbe, auch wenn die KI-Thematik ein gewaltiger Schlag ins Gesicht aller kreativen Menschen da draußen ist.
FAZIT
Das Fazit fällt daher simpel aus: Dieser Film ist strunzdumm, mäßig gespielt, weitgehend unspannend und bietet keinerlei Charakterentwicklung. Dafür ist er ungeheuer kurzweilig, dynamisch, wild – und gerade weil er so dumm ist, macht er fast schon wieder Spaß. Mercy hat definitiv das Potenzial, für viele ein gigantisches Guilty Pleasure zu werden. Und hey, das ist doch auch etwas, oder?


