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Kibar Feyzo

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Kibar Feyzo Kritik

Kibar Feyzo Kritik
1 Kommentar - 09.02.2021 von MobyDick
In dieser Userkritik verrät euch MobyDick, wie gut "Kibar Feyzo" ist.

Bewertung: 5 / 5

Filmgeschmack ist auch immer eine Frage der Sozialisation und womit man aufwächst, und selbst wenn man dem Ganzen irgendwann entwächst, gibt es trotzdem immer den einen oder anderen Film, für den man einfach mal eine Schwäche beibehält. Man mag dies Nostalgie nennen, aber ich nenne es "Nur weil ich erwachsen geworden bin, muss ja nicht gleich alles beschissen sein, was ich früher gut fand".

Während ich also vor ein paar tagen White Tiger sah (sehr empfehlenswerter Film übrigens!), erinnerte ich mich notgedrungen an meine eigene Heranführung filmischer Natur an den Klassenkampf in Form einiger vordergründig zotiger Klamotten aus den 1970ern aus der Türkei, die allerdings deutlich tiefer in die Materie eindringen als es augenscheinlich wirken mag, und Überraschung oh Überraschung, wovon doch tatsächlich einer davon sogar in der MJ Datenbank ist. WOW! Das muss belohnt werden mit einer eigenen Kritik :-D

Also dann, jetzt also der "endgültig letzte Streich" meinerseits zum Klassenkampf, ja sicher ;-)

Kibar Feyzo

Kibar Feyzo erzählt mit spielerischer Leichtigkeit und massig zweideutigem Fäkalhumor die Geschichte eines bauernschlauen Dörflers, der quasi als Leibeigener, eher unfreiwillig quasi eine Revolte gegen seinen "Lehnsherren" anzettelt.

Dabei ist weniger der Lehnsherr selbst als der Böse anzusetzen sondern die mannigfaltigen Arschkriecher ebendessen, die zudem auch noch teilweise eine Privatfehde mit der Hauptfigur führen. Hinzu kommt, dass das übliche Volk sich alles gefallen läst und eine duckmäuserische Haltung annehmen und es keinerlei Anzeichen für Zivilcourage gibt. Der lehnsherr selbst ist einer, der in diese Situation reingeboren ist, und mehr dämlich als böse ist, und die Situation einfach nur als gegeben annimmt. Die Situation mit dem Aufmüpfigen überfordert auch das schlichte Gemüt des Mannes, so dass er den Mann immer wieder fortjagt. Dies wiederum stellt sich als fataler Fehler heraus, denn jedesmal wenn er wieder kommt, hat er ein bißchen mehr von der linken Bewegung der 1970er in der Türkei mitbekommen und stachelt vermehrt und verstärkt eine Revolte an.

Für so eine schäbige Klamotte eskaliert die Situation am Ende dann doch ziemlich drastisch mit einem ziemlich ernüchternden Ende, doch selbst dann gelingt es unserem Protagonisten mit einem derben Fäkalspruch die Situation aufzulockern und Ende...

Was diesen Film so absolut über die Norm hebt ist neben seinem extrem geschliffenen Drehbuch die überragende Chemie der drei Hauptfiguren, die sich gegenseitig zu absoluter Höchstform stacheln. Das ist ein bißchen wie The Good, the Bad, The Ugly. Es ist auch tatsächlich so, dass es keine wirklich astreine Figur gibt, nur dass die Hauptfigur halt am wenigsten auf dem Kerbholz hat und daher auch am Ehesten zur Identifikation einlädt. Interessant ist auch zu sehen, dass sowohl der Lehensherr als auch der Leibeigene gar nicht persönlich was gegeneinander haben und unter normalen Umständen vielleicht sogar Freunde sein könnten, wenn da nicht die äußeren Umstände, Klakeure und die Unmöglichkeit des Überbrückens der Differenzen wäre. So ein bißchen Bertoluccis 1900 auf Burleske für Bauernschlaue runtergebrochen.

Das alles wird vom lockerflockigen Spiel der Komödiengiganten Kemal Sunal (der wahrscheinlich beliebteste Komiker aller Zeiten in der Türkei), Sener Sen (mittlerweile ein extrem arrivierter Charakterdarsteller, der damals schon seine extrem Wandelbarkeit an den Tag legen konnte) und Ilyas Salman (in einer seiner seltenen Bösewichtsrollen) getragen, die zwar schon mehrmals gemeinsam vor der kamera standen in einigen Ensemble-Produktionen, aber dieser Film liefert für alle drei die Bühne, ihre bisherigen gemeinsamen Klamotten zu transzendieren. Und zwar eben genau weil sie eben auch den Finger in die Wunde legen dürfen, und das ganze extrem derbe ironisiert brechen. Der Hintergrund ist keinesfalls lustig, aber die Aufarbeitung einer nationalen Unsituation dafür umso mehr.

Einer der legendärsten und lustigsten Kalauer mit ernstem Hintergrund der türkischen Geschichte: 9 Punkte

Dieser Film wurde dann inhaltlich und in seiner locker-luftig bissigen Art bzgl. dem geselschaftlichen Oben-Unten-Konflikt nur noch einmal von der ersten Quasi-Solo-Zusammenarbeit der beiden Co-Stars des oben genannten Filmes überboten:

Banker Bilo

1980 kam mit Banker Bilo eine planwirtschaftlich angehauchte bitterböse Kapitalismussatire mit Ilyas Salman (eben noch der Bösewicht) als treudoofem Bauern, der so lange übers Ohr gehauen wird, bis sein Kindheitsfreund gespielt von Sener Sen (auch hier der herrlich aufgedrehteHauptbösewicht) ihm alles genommen hat und darüber hinaus, und seine Figur eben nicht mehr als solches existiert.

Auch hier haben wir den Landbauern, dem es so schlecht geht, dass er einer Schlepperbande (angeführt von seinem Kindheitsfreund) zum Opfer fällt, die ihm weismacht, dass sie ihn nach Deutschland schleusen wollen, dabei aber gerade mal vor Istanbul aussetzen. In istanbul versucht er mit seinen Prinzipien über die Runden zu kommen, wird aber immer stärker in die Kacke geritten und dann auch noch in seiner Gutmütigkeit am Ende des Tages von seinem "Freund" als der eigentliche Arsch hingestellt. Und tatsächlich ist eine der Kernbotschaften des Films, dass du eigentlich nur über die Runden kommen kannst, wenn du dich an das korrupte System anpasst und agil bleibst. Dass unser Protagonist hier zusehends an den Rand gedrängt wird, liegt tatsächlich auch daran, dass er sich nicht verändern will und jegliche gut gemeinten Ratschläge zur Korruption in den Wind schlägt. Das geht so weit, dass sein Freund ihm seine Verlobte ausspanntund selbst dann noch vom Protagonisten Huckepack getragen wird. Letzten Endes haben wir dann doch den Brückenschlag dahin, dass der Gutmütige obenauf landet, aber zu welchem Preis?

In seiner Schelmenhaftigkeit, in seinen geschliffenen Dialogen, in der völligen Abwesenheit des Fäkalhumors des oben genannten Filmes, in der Konsequenz, in seiner Zeichnung einer Gesellschaft, die durch den Wechsel von Plan- zu Marktwirtschaft und zu Privatisierung zusehend ihre Identität verliert, in alldem ist dieser Film jeglicher seiner gleichgesinnten Filme um Lichtjahre voraus und katapultiert das ansonsten für Nebenrollen abonnierte Team Salman/Sen in die absolute A-Liga. Sie sollten noch zwei Filme miteinander machen, der erste davon noch ernster und nüchterner und sarkastischer, diesmal als Bonus auch mal mit dem einen oder andren Seitenhieb auf die Religion, mit einem deutlich glaubwürdigeren und geerdeterem Setting, dafür aber weniger locker. Welchen man besser findet ist wohl Geschmackssache. Ich persönlich mag den persiflierenden Meta-Ton des hier besprochenen Films deutlich mehr.

Das ist der bessere Gier ist Geil Film: 10 Punkte

Doch Vorsicht: Bei aller Lobhudelei, erstens sind dies beides jetzt eigentlich nur Filme für ein türkisches Publikum, da es sicherlich keine Version davon gibt, die irgendwelche brauchbaren Untertitel haben dürften. Eine aufbereitete Version dieser Filme dürfte es auch nicht geben. Und auf Grund ihrer kritischen Herangehensweise an bestimmte Themen und der derben Sprache dürfte es auch keine wirklich unzensierte Fassung mehr davon im freien Markt geben. Ich denke mehr muss ich dazu nicht sagen.

Natürlich sind as beides solche Nischenfilme, die zwar ihre absoluten Qualitäten haben und mMn ihre Bestnoten mehr als gerechtfertigt bekommen, dennoch gehören sie nicht wirklich in die jeweiligen Rankings rein, da sie halt wirklich zu sehr Nische sind, trotz ihrer großartigen Darbietungen :-)

Umso bemerkenswerter, dass MJ da was in der DB hatte.

Kibar Feyzo Bewertung
Bewertung des Films
1010
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MobyDick : : Moviejones-Fan
09.02.2021 16:52 Uhr
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Klassenkampf der wirklich letzte wink

Dünyayi Kurtaran Adam
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